unbekannt mit all den Hilfsmitteln der Bergbewohner , setzte vielleicht sein Leben dabei auf das Spiel . » Wir wollen die Leute aus der Sennhütte herbeirufen « , sagte Alexandrine , die jetzt ihre Besonnenheit zurückgewann . » Sie werden am besten wissen , was hier not tut . « » Ja , tun Sie das ! « stimmte Siegbert bei . » Ich gehe voran ! « Damit setzte er den Fuß auf den Rand der Schlucht , und machte Miene , hinabzusteigen , aber in derselben Minute hatte Alexandrine auch schon seinen Arm ergriffen und riß ihn zurück . » Siegbert ! « Es war ein Ruf der Todesangst , aber auch der vollsten Zärtlichkeit . Siegbert hielt inne , er blieb gebannt stehen , als er seinen Namen zum erstenmal von diesen Lippen , in diesem Tone hörte . Mit beiden Händen umschloß er die bebende Rechte der Geliebten . » Alexandrine , ängstigen Sie sich um mich ? « Ein heißer Tränenstrom stürzte aus ihren Augen , und , alles vergessend , nur ihrer Angst Gehör gebend , rief sie außer sich : » Gehen Sie nicht , Siegbert – ich ertrage es nicht , wenn Sie stürzen ! « Ein Aufleuchten des Glückes flog über die Züge des jungen Mannes , und er preßte heiß und innig seine Lippen auf die Hand , die er noch in der seinigen hielt , dann aber richtete er sich empor . » Haben Sie Dank für diese Worte ! Sie werden mich beschützen auf meinem Wege . Lassen Sie mich hinunter ! Ich kann nicht untätig warten hier oben , während dort unten vielleicht ein Mensch im Todeskampfe ringt – ich kann es nicht ! Schicken Sie mir Hilfe nach und leben Sie wohl ! « Er ließ ihre Hand los , und ehe sie es verhindern konnte , hatte er sich über den Rand der Schlucht geschwungen und stand bereits auf der obersten Felsstufe . Alexandrine machte auch keinen Versuch mehr , ihn zurückzuhalten . Es war etwas in dieser aufflammenden Energie des jungen Mannes , in diesem rücksichtslosen Einsetzen des eigenen Lebens für ein anderes , was ein Echo in ihrer Brust fand , was sie trotz aller Angst mit Stolz und Freude erfüllte . Weit übergebeugt , die Hände gegen die Brust gepreßt , folgte ihr Auge dem Niedersteigenden , der bald zwischen den Tannen verschwand , bald wieder auftauchte . Im Angesicht der Gefahr schien alle Träumerei von Siegbert gewichen zu sein , fest und sicher klomm er nieder , ohne ein einziges Mal zu schwanken oder zu zögern . Jetzt stand er auf dem letzten vorspringenden Felsstück und ein gewagter Sprung trug ihn hinunter auf den Boden der Schlucht . Ein lautes » Gott sei Dank ! « rang sich von Alexandrinens Lippen , und jetzt erst eilte sie beflügelten Fußes nach der Alm , um deren Bewohner zur Hilfe aufzurufen . Unten in der düsteren Tiefe , dicht neben dem brausenden Wildwasser , das über seine Füße hinwegschäumte , lag der Gestürzte , und Siegbert , der ihn eine Strecke seitwärts aufgefunden hatte , hielt sein Haupt auf den Knien . Die Tannen , die den Unglücklichen aufgefangen , hatten ihn nicht halten können . Er hatte im Sturz ihre Zweige durchbrochen , aber eben deshalb erfolgte der Sturz nicht mit voller Macht . Es war noch Leben und Bewußtsein in dem blutenden , zerschmetterten Körper . Siegbert sah es , daß hier auch nicht die fernste Möglichkeit einer Rettung vorhanden war , dennoch versuchte er es , dem Sterbenden einen Trost zu geben , an den er selbst nicht glaubte . » Mut , Adrian , die Hilfe ist schon unterwegs ! Fassen Sie Mut , wir werden Sie retten ! « Adrian blickte in das Antlitz , das sich im schmerzlichen Mitleid über ihn beugte . Vielleicht hatte er noch Bewußtsein genug , um zu erraten , was der junge Mann um seinetwillen gewagt hatte , aus seiner schwer arbeitenden Brust rangen sich noch einzelne Worte hervor . » Mir hilft keiner mehr ! – Aber Sie sind bei mir , Herr Siegbert ! Sie – ich dank ' Ihnen ! « Er machte eine Bewegung , als wolle er sich aufrichten . Siegbert erriet das Verlangen des Sterbenden , der sich mit letzter Kraft dem Tageslichte zuwandte . Er hob leise seinen Kopf empor und gab ihm die Richtung nach oben . Es war nur ein kleines Stück Himmel , das zwischen den hohen Felsen sichtbar blieb , und jetzt , wo die Sonne ihren höchsten Stand erreicht hatte , verlor sich einer ihrer Strahlen bis in die finstere Schlucht ; er schimmerte goldig wie ein letzter Gruß des Lebens an den , der für immer vom Leben Abschied nahm . Aber auf diesem tiefblauen , sonnendurchleuchteten Himmel , in diesen goldigen Strahl zeichnete sich scharf und dunkel das Kreuz ab . Es stand gerade über jener Stelle und blickte wie drohend herab von seiner felsigen Höhe . Adrians Blick traf diesen Punkt , und ein dumpfer Aufschrei des Schreckens , des Entsetzens entrang sich seiner Brust . Er bäumte sich auf , als wollte er jenem Anblick entfliehen , und versuchte , die Hände vor das Antlitz zu schlagen , aber die zerschmetterten Glieder versagten ihm den Dienst . Wie festgekettet lag er da , unfähig , sich zu regen , und hoch über ihm blickte das Kreuz geisterhaft nieder in seinen Todeskampf . Siegbert sah das , und zum erstenmal wehte es ihn an , wie Grauen und Entsetzen vor dem Manne , den er in seinen Armen hielt . » Adrian , « sagte er angstvoll . » Hören Sie mich ? « Adrian hörte nicht mehr ; die Menschenstimme vermochte es nicht mehr , sein Ohr zu erreichen , aber es war ein Ausdruck grenzenloser Todesangst und Todesqual in seinen Zügen , während sein Auge starr und unverwandt an jenem Punkte hing , der es