die Leute hätten ihn jetzt nur sehen sollen , wie aus seinem hageren Gesicht die Augen starrten , wie sein Mantel flog und wie der Schimmel sprühte ! – – So war der Sommer und der Herbst vergangen ; noch bis gegen Ende November war gearbeitet worden , dann geboten Frost und Schnee dem Werke Halt ; man war nicht fertig geworden und beschloß , den Koog offen liegenzulassen . Acht Fuß ragte der Deich aus der Fläche hervor ; nur wo westwärts gegen das Wasser hin die Schleuse gelegt werden sollte , hatte man eine Lücke gelassen ; auch oben vor dem alten Deiche war der Priel noch unberührt . So konnte die Flut , wie in den letzten dreißig Jahren , in den Koog hineindringen , ohne dort oder an dem neuen Deiche großen Schaden anzurichten . Und so überließ man dem großen Gott das Werk der Menschenhände und stellte es in seinen Schutz , bis die Frühlingssonne die Vollendung würde möglich machen . – – Inzwischen hatte im Hause des Deichgrafen sich ein frohes Ereignis vorbereitet : im neunten Ehejahre war noch ein Kind geboren worden . Es war rot und hutzelig und wog seine sieben Pfund , wie es für neugeborene Kinder sich gebührt , wenn sie , wie dies , dem weiblichen Geschlechte angehören ; nur sein Geschrei war wunderlich verhohlen und hatte der Wehmutter nicht gefallen wollen . Das Schlimmste war : am dritten Tage lag Elke im hellen Kindbettfieber , redete Irrsal und kannte weder ihren Mann noch ihre alte Helferin . Die unbändige Freude , die Hauke beim Anblick seines Kindes ergriffen hatte , war zu Trübsal geworden ; der Arzt aus der Stadt war geholt , er saß am Bett und fühlte den Puls und verschrieb und sah ratlos um sich her . Hauke schüttelte den Kopf : » Der hilft nicht ; nur Gott kann helfen ! « Er hatte sich sein eigen Christentum zurechtgerechnet , aber es war etwas , das sein Gebet zurückhielt . Als der alte Doktor davongefahren war , stand er am Fenster , in den winterlichen Tag hinausstarrend , und während die Kranke aus ihren Phantasien aufschrie , schränkte er die Hände zusammen ; er wußte selber nicht , war es aus Andacht oder war es nur , um in der ungeheueren Angst sich selbst nicht zu verlieren . » Wasser ! Das Wasser ! « wimmerte die Kranke . » Halt mich ! « schrie sie ; » halt mich , Hauke ! « Dann sank die Stimme es klang , als ob sie weine : » In See , ins Haff hinaus ? O lieber Gott , ich seh ihn nimmer wieder ! « Da wandte er sich und schob die Wärterin von ihrem Bette ; er fiel auf seine Knie , umfaßte sein Weib und riß sie an sich : » Elke ! Elke , so kenn mich doch , ich bin ja bei dir ! « Aber sie öffnete nur die fieberglühenden Augen weit und sah wie rettungslos verloren um sich . Er legte sie zurück auf ihre Kissen ; dann krampfte er die Hände ineinander . » Herr , mein Gott « , schrie er ; » nimm sie mir nicht ! Du weißt , ich kann sie nicht entbehren ! « Dann war ' s , als ob er sich besinne , und leiser setzte er hinzu : » Ich weiß ja wohl , du kannst nicht allezeit , wie du willst , auch du nicht ; du bist allweise ; du mußt nach deiner Weisheit tun – o Herr , sprich nur durch einen Hauch zu mir ! « Es war , als ob plötzlich eine Stille eingetreten sei ; er hörte nur ein leises Atmen ; als er sich zum Bette kehrte , lag sein Weib in ruhigem Schlaf , nur die Wärterin sah mit entsetzten Augen auf ihn . Er hörte die Tür gehen . » Wer war das ? « frug er . » Herr , die Magd Ann Grete ging hinaus ; sie hatte den Warmkorb hereingebracht . « – » Was sieht Sie mich denn so verfahren an , Frau Levke ? « » Ich ? Ich hab mich ob Eurem Gebet erschrocken ; damit betet Ihr keinen vom Tode los ! « Hauke sah sie mit seinen durchdringenden Augen an : » Besucht Sie denn auch , wie unsere Ann Grete , die Konventikel bei dem holländischen Flickschneider Jantje ? « » Ja , Herr ; wir haben beide den lebendigen Glauben ! « Hauke antwortete ihr nicht . Das damals stark im Schwange gehende separatistische Konventikelwesen hatte auch unter den Friesen seine Blüten getrieben ; heruntergekommene Handwerker oder wegen Trunkes abgesetzte Schulmeister spielten darin die Hauptrolle , und Dirnen , junge und alte Weiber , Faulenzer und einsame Menschen liefen eifrig in die heimlichen Versammlungen , in denen jeder den Priester spielen konnte . Aus des Deichgrafen Hause brachten Ann Grete und der in sie verliebte Dienstjunge ihre freien Abende dort zu . Freilich hatte Elke ihre Bedenken darüber gegen Hauke nicht zurückgehalten ; aber er hatte gemeint , in Glaubenssachen solle man keinem dreinreden : das schade niemandem , und besser dort doch als im Schnapskrug ! So war es dabei geblieben , und so hatte er auch jetzt geschwiegen . Aber freilich über ihn schwieg man nicht ; seine Gebetsworte liefen um von Haus zu Haus : er hatte Gottes Allmacht bestritten ; was war ein Gott denn ohne Allmacht ? Er war ein Gottesleugner ; die Sache mit dem Teufelspferde mochte auch am Ende richtig sein ! Hauke erfuhr nichts davon ; er hatte in diesen Tagen nur Ohren und Augen für sein Weib , selbst das Kind war für ihn nicht mehr auf der Welt . Der alte Arzt kam wieder , kam jeden Tag , mitunter zweimal , blieb dann eine ganze Nacht , schrieb wieder ein Rezept , und der Knecht Iven Johns ritt damit