. › So wag ich es dir zu bekennen , daß diese Hand zu schwach ist , um zugleich den Bischofsstab und dein Siegel zu führen . Unausbleiblich käme das eine der mir anvertrauten Kleinode oder das andere dabei zu Schaden und ich bin ein zu getreuer Knecht , um dir einen unbrauchbaren Kanzler oder der Kirche einen schlechten Bischof zu gönnen . Nimm , ich flehe dich darum an , o Herr , dies Zeichen deines mächtigen Willens , der mich zu seinem Werkzeuge erkor , dies Pfand deiner übergroßen , unverdienten Gnade , die mich lange Jahre beglückte , nimm es heute wieder von mir ! ‹ Und Herr Thomas griff in die Falten seines allzu weiten Gewandes , zog das Staatssiegel mit den drei Leoparden daraus hervor und reichte es dem Könige entgegen , um es in seine Hand zu legen . › Keineswegs ! ‹ rief Herr Heinrich und trat einen Schritt zurück , › so , Kanzler , haben wir nicht gewettet ! Nicht eine Stunde kann ich deinen Dienst entbehren . Nur du und deine Klugheit können das zustande bringen , worüber wir zusammen gedacht und gewacht haben . Ich könnte mit meiner starken Hand das zarte Gewebe deiner Finger zerstören ! Kein Sträuben ! Mein Kanzler bist und bleibst du ! ‹ › Du willst nicht mein Verderben ‹ , beschwor ihn Herr Thomas , › dafür bist du zu großmütig ! Siehe , ich fürchte mich , den Höhern zu erzürnen , dem du selbst mich anheimgegeben hast . Er ist ein eifersüchtiger Meister , der keinen zweiten neben sich duldet . ‹ Diese schwer zu deutende Rede verwirrte den König dergestalt , daß er das Siegel unwissentlich zurücknahm . Er runzelte argwöhnisch die Stirn und seine Stimme klang mißtönig , als er fragte : › Wem habe ich dich abgetreten ? Doch nicht dem Papste in Rom ? ‹ Der Primas verneinte mit dem Haupte . Ein überirdisches Licht umglänzte plötzlich seine Stirn . Er erhob den hagern Arm , daß der Ärmel der Kutte weit zurückfiel , und zeigte nach oben . Da erstaunte mein Herr und König und erschrak in den Tiefen seiner Seele . Das Staatssiegel entglitt seiner Hand und fiel klirrend auf den Marmorboden . Ich trat hinzu und bückte mich nach dem kostbaren Geräte , dessen Griff von purem Golde war . Als ich es prüfend besichtigte , siehe , war es zersprungen , und eine feine Spalte lief mitten durch den edeln Stein und das Wappen von Engelland ! Schweigend stellte ich es auf den Tisch mit den vier Drachenfüßen , der neben dem Sessel meines Königs stand . Als ich mich wieder nach den beiden wandte , hatte sich mein Herr gefaßt und sagte in gewaltsam scherzhafter Laune : › Sankt Jörg steh mir bei ! Du hast mir einen frommen Schreck eingejagt , Thomas ! Überraschungen und Kunststücklein ! . . . Setze dich zu mir , wie immer , und laß uns die trockenen Geschäfte vornehmen . ‹ Er warf sich in seinen Stuhl , und ich rückte einen anderen , etwas niedrigeren , aber ebenso reich verzierten für den Kanzler herbei , denselben , auf welchem er immer neben dem König gesessen . Aber Herr Thomas blieb in ehrfurchtsvoller Entfernung vor dem Könige stehen . › Erhabener Herr , gib mir Zeit und gedulde dich ‹ , sagte er . › Ein halbes Leben habe ich gebraucht , um die Verhältnisse und Rechte deines Reiches zu erforschen – wie könnte ich diejenigen der heiligen Kirche , in deren Dienst du mich gestellt hast und der ich lange fremd blieb , ja feindselig entgegenstand , von heute auf morgen erkannt haben ? Darum trage mich mit Geduld . ‹ › Zur Sache , Thomas , zur Sache ! ‹ drängte der König . › Dir ist wohl bewußt , warum ich dich zu meinem Primas gemacht habe ! Laß uns nun gemeinsam die geistliche Gerichtsbarkeit aufheben und vernichten . ‹ › Du sollst mich geneigt finden ‹ , antwortete der Bischof nachdenkend . › Sind doch in meinen Augen diese Rechte , über die hin und her gestritten wird , veränderliche Gestaltungen , wechselnde Formen , irdene Gefäße , tauglich oder untauglich , je nachdem sie den Wein der ewigen Gerechtigkeit rein bewahren oder vergiften . Ich will mich an den Meister selbst wenden mit der Frage , wie er es meine . ‹ › Bei wem willst du dich erkundigen , Thomas ? ‹ lachte der König , › bei der Heiligen Dreifaltigkeit ? ‹ › In den Evangelien ‹ , flüsterte Herr Thomas , › bei Ihm , an dem keine Ungerechtigkeit erfunden wurde . ‹ › So spricht kein Bischof ! ‹ rief Herr Heinrich in ehrlicher Entrüstung , › so redet nur ein böser Ketzer ! Das hochheilige Evangelienbuch gehört auf eine perlengestickte Altardecke und hat nichts zu tun mit dem Weltwesen und der Wirklichkeit der Dinge . Blicke mir ins Auge , Thomas ! Entweder willst du mein Feind werden , oder du hast mit unsinnigem Fasten die herrliche Klarheit deines Geistes getrübt . In Kürze : bringe mir die geistliche Gerichtsbarkeit um , Thomas ! Dafür , nur dafür habe ich dich auf meinen schönen Stuhl von Canterbury gesetzt . – Ich will nicht , indem ich die Frevel meiner Pfaffheit ungerochen lasse , die Blitze des göttlichen Gerichtes auf mich und mein Haus herablenken . Jüngst noch hat ein sächsischer Kleriker das Werk und den Ruhm meines Ahns , des Eroberers , auf der Kanzel rebellisch gelästert und ein normännischer sich an der Unschuld eines Kindes vergriffen . ‹ › Herr ‹ , versetzte der Primas , und seine eingefallene Wange flammte , › sei gewiß , daß ich die Sünden meiner Kleriker härter ahnde als kein weltliches Gericht tun würde ! . . . Abscheuliche Dinge ! . . . und das Abscheulichste ... ‹ hier hielt er inne und schloß dann mit sinkender