. Da umschlang das Mädchen die Schultern Lucrezias und fragte sie , Auge in Auge : » Was wollte der Mensch mit seinem Lallen immer und immer wieder sagen ? Was erhält er zum Lohn ? Was gibst du ihm ? – Den Tod ? ... « Die Herzogin lächelte wiederum und ließ die Fragerin allein . Diese warf sich auf den Betschemel nieder . Aber , das Vaterunser flüsternd , konnte sie den Gedanken nicht loswerden : » Mit einem unüberlegten Worte habe ich einen Menschen geblendet und kann es nie verwinden ! Diese aber lächelt , indem sie einen Menschen überlegterweise in den sicheren Tod sendet . « Doch hielt sie sich darum nicht für die Bessere , sondern verschloß das gemeinsame Elend in ihrer barmherzigen Brust . Es war an einem Märztage nach Mitte des Monats , daß der Kardinal bei schon geöffneten , mit dem blausten Lenzhimmel gefüllten Fenstern bei der Herzogin speiste . Da fiel das Gespräch gelegentlich auf den Großrichter Herkules Strozzi , von dem der Kardinal behauptete , er habe Ferrara heimlich verlassen . Darauf äußerte die Herzogin , unmerklich erbleichend , ihre Verwunderung , daß ein so gewissenhafter Beamter eine längere Reise ohne Urlaub unternommen habe , welchen zu erteilen die Sache der Regentin sei , wie sie glaube . Der Kardinal erwiderte , Herkules habe sich bei seinen zwölf Kollegen beurlaubt , wohl mit dem Gedanken , in Abwesenheit des Herzogs dürfte das genügen . Übrigens habe er vorgewendet , eine Familiensache der Strozzi verlange seinen schleunigen Besuch in Florenz . Die Herzogin und der Kardinal ergingen sich dann in allerlei Vermutungen über die wahre Ursache dieser Abreise ; da sie aber eine einleuchtende nicht finden konnten , vereinigten sie sich dahin , die vorgegebene könnte am Ende die wahre sein . Beide wußten mit voller Gewißheit , daß Herkules Strozzi bei Cäsar Borgia war . Wenn ihre Augen hätten den Raum durchdringen können , so hätten sie die beiden gesehen , den gefürchteten Herzog und den Richter , vom Wirbel bis zur Zehe gepanzert , wie sie unter einem glorreichen Südhimmel durch blühendes und duftendes Heidekraut an den Krümmungen eines Absturzes emporkrochen , über sich die vier steilen Türme einer gotischen Burg mit Mordgängen und Schießscharten , sie beschleichend , nebst vielen andern Bewaffneten . Sie hätten gesehen , wie ein Steinregen von den belagerten Zinnen sprang und manchen Klimmenden in den Abgrund warf . Gesehen , wie jetzt ein Block sich von der Burg herabwälzte , in gewaltigen Sätzen von Fels zu Fels sprang , den schrecklichen Sohn des Papstes traf und ihn zerschmettert in die Tiefe stürzte . 11. Kapitel Elftes Kapitel April kam und überschüttete Ferrara mit Blüten . Lucrezia ließ die Mäuler der herzoglichen Ställe bepacken , denn sie wollte nach einem ihrer Landhäuser hinausziehen . An einem schon die Siesta verlangenden Nachmittage saß sie mit Donna Angela an dem offenen Fenster lässig vor dem Schachbrett und lauschte dem Singen ihres im Hofe beschäftigten Gesindes und der Treiber . Es war ein Liebeslied , welches der üppige Lenz erregte , aber die Ehrfurcht dämpfte . Jetzt verstummte dieses völlig und unter dem Hoftore klirrte der Hufschlag von Pferden . » Gäste ! « sagte Donna Lucrezia , und die Frauen erhoben sich . Die Diener , welche ihm die Tür öffneten , wegdrängend , trat der Herzog ein . » Ich komme von Rom « , begann der Staubbedeckte , » und bin scharf geritten , da ich mich nach Euerm Antlitz sehnte , liebe Frau « – er ergriff und küßte ihre Hand – » und bin herzlich froh , wieder bei Euch zu sein ! Doch bedaure ich , Euch eine Trauerbotschaft zu bringen . Euer erlauchtester Bruder , der Herzog von Romagna , ist nicht mehr unter den Lebenden . Die Nachricht ist sicher . Sie kam über Neapel und fand mich in Rom . « Er zog einen Brief aus dem Wams und entfaltete ihn . » An den Iden des Märzes , wie einst der römische Julius Cäsar , sein Vorbild und Namenspatron , fiel Don Cesare in einer Schlucht vor dem spanischen Schlosse Viana , das er im Dienste seines Schwagers , des Königs von Navarra , mit großer Tapferkeit berannte . – Also steht hier geschrieben . « Solches berichtete der Herzog mit diplomatischer Genauigkeit . Noch fügte er bei : » Ein früher und ritterlicher Tod ! « Dann schloß er mit Frömmigkeit : » Requiescat in pace ! Requiem aeternam dona ei , domine ! « Während dieser Rede beobachtete er die Herzogin aufmerksam . Diese war eine Weile versteinert gestanden . Dann brach sie mit einem Schrei zusammen und sank in die Knie . Nicht anders als ein geraubtes Weib , welches ihr von einem Pfeile durchbohrter Entführer plötzlich fallen läßt . Auch der Herzog , der keine Dämonen kannte , sah sie aus unsichtbaren , sie umklammert haltenden Armen stürzen . Er hob die Gesunkene an seine Brust , die sie mit ungezähmten Tränen überströmte . » Du mußt wissen ... laß dir ' s sagen ... ich verriet dich ... ich mißgehorchte dir ... « schluchzte sie erstickend . Der Herzog aber beruhigte sie liebevoll . » Jetzt , Lucrezia « , sagte er , » erst heute wirst du ganz und völlig die Meinige . Siehe , bis dahin besaß dich der Geist deines Hauses , der mein Gefühl beleidigt und mein Urteil herausfordert . Ich habe mich mit dir vermählt aus Staatsgründen und aus Gehorsam gegen meinen Vater , ohne dich zu kennen , außer durch das unheimlichste Gerücht . Höchst widerwillig ! Als ich dich aber erblickte , bezaubertest du mich ! Denn welcher Sterbliche mag dir widerstehen ? Auch erfüllte mich dein guter Wille , den ich wohl unterschied , und dein ernstes Bestreben , dich von den unmöglichen Sitten und dem gesetzlosen Denken deiner Familie zu trennen , und den schützenden Boden eines rechtlichen Daseins zu betreten , mit