den alten , schwerleidenden Mann beruhigt zu sehen . Und wie fand er sich nun in sein Geschick , das ihn so jung mit der kaum gesehenen » langen Koblenzer Cousine « für immer zusammengekettet hatte ? Liebte er sie ? – Felix fühlte ein Grauen durch seine Nerven schleichen bei dem Gedanken , daß der Freund mit den Idealgestalten hinter der Stirn , in seltsamer Geschmacksverirrung das Skelett dort voll Manneszärtlichkeit an sein Herz schließen könnte – unmöglich ! ... Und doch verriet nicht ein Zug seines interessanten Gesichts , daß er sich unglücklich fühle . Er hatte einen eisernen Willen ; schon als Knabe war es ihm nie in den Sinn gekommen , irgend jemand , auch seinen Vater nicht , für seine Entschlüsse mitverantwortlich zu machen – das mochte ihm auch jetzt seine unzerstörbare heitere Seelenruhe geben . Anders schien es um den alten Freiherrn zu stehen . Er verhielt sich offenbar in steter Kriegsbereitschaft zu der Schwiegertochter , die den lustigen , alten Haudegen in ihren Briefen gründlich zu täuschen gewußt hatte . In seinen Zügen malte sich augenblicklich ein Gemisch von Ingrimm , tiefer Reue und Jammer um den Sohn ; aber er schwieg ; mit schwerem Geschütz durfte er nicht kommen , wenn er nicht die bösesten Nervenzufälle am Teetisch heraufbeschwören wollte , und das Plänkeln hatte er satt ... Er schob , nachdem er hastig einige Bissen genossen , Tasse und Eierbecher fort , zog ein kleines Paket , das er beim Fortgehen in seinem Zimmer eiligst zu sich gesteckt hatte , aus der Tasche und legte es auf den Tisch . Sein Gesicht hellte sich auf ; er schien sichtlich froh , auf ein anderes Thema zu kommen . » Schau , in dem Papier da liegt die Erledigung deiner Angelegenheit , « sagte er zu Felix , indem er seine Brille aus dem Futteral nahm und sorgfältig an ihren Gläsern wischte . Dann setzte er sie auf und schlug das Papier auseinander – ein in Seidenpapier gewickelter flacher Gegenstand und ein viele Bogen starker , in engen Linien geschriebener Brief lagen darin . – » Also alles , was du mir drüben anvertraut hast , kurz zusammengefaßt , hat dich deine Mutter verstoßen , will dich selbst nach dem Tode nicht wiedersehen – dummer Schnickschnack ! – und dein Hundsfott von Onkel hat natürlich mit tausend Freuden seinen Segen dazu gegeben – Punktum ! « hob er an . » Du bist vogelfrei erklärt , die Majorin Lucian hat keinen Teil mehr an dir , und damit – ist auch mir der Riegel vom Munde genommen . « – Er stützte die Hände auf den Tisch , und sich weit vorbeugend , sah er über die Brillengläser hinweg mit seinen großen , feurigen Augen durchdringend in das Gesicht des jungen Mannes . – » Hab ' ich je deinen Vater gegen dich erwähnt ? « Felix schüttelte den Kopf ; er war totenbleich geworden – jähes Erschrecken und atemlose Erwartung machten ihn sprachlos . » Gut , mein Sohn – also nicht ! « sagte der alte Herr , indem er sich in den Armstuhl zurücksinken ließ . – » Durfte auch nicht , obgleich mir ' s manchmal in den Fingern gejuckt hat , dich einzupacken und heimlich übers Meer zu schicken , wo du von Gott und Rechts wegen hingehörtest ; denn die auf dem Klostergute haben dich gestohlen , gestohlen sage ich – der Sohn gehört zum Vater – damit basta ! « Er schlug mit den Knöcheln so hart auf den Tisch , daß die Platte dröhnte – seine Schwiegertochter las , erschrocken , mit bebenden Fingern verschiedene Pfeffer- und Salzlöffelchen zusammen , die klirrend umherflogen . » Aber ich hatte deiner Mutter mit Handschlag versprechen müssen , daß in meinem Hause vor deinen Ohren nie von deinem Vater gesprochen werden sollte , « fuhr der Freiherr fort . » Was wollte ich denn machen ? Ich mußte wohl , sonst hätte ich dich nie vor die Augen gekriegt ; und ohne mich wärst du da drüben in dem Unkenloch verbauert und versauert , und sie hätten sich aus dem jungen Lucianschen Blut schließlich doch noch einen Wolframschen Mistfinken zurechtgeknetet . Deinem Vater aber hätte ich nie nähere Mitteilung über dich machen können – « er verstummte in sichtlicher Bewegung , er hatte wohl selbst den furchtbaren inneren Aufruhr nicht vorhergesehen , den der Vatername in der Seele des jungen Mannes weckte . Felix war aufgesprungen , und auf den Sprechenden zustürzend , umklammerte er dessen Rechte und zog sie stürmisch gegen seine Brust . » Sie wissen von meinem Vater ? Lebt er ? Denkt er an mich ? « stammelte er in halberstickten Tönen . » Ruhig Blut , mein Junge , « ermahnte der alte Herr , aber seine Augen wurden feucht vor Rührung . » Tut mir leid , daß er dich nicht so sehen kann – das Herz im Leibe müßte ihm lachen – er hat seinen Jungen ebenso lieb , wie ich den meinen . « – Ein verstohlener , trüber Blick streifte den Sohn , wobei ein Seufzer seine Brust hob . » In der schönen Jugendzeit waren wir treue Kameraden und sind es bis auf den heutigen Tag verblieben , « setzte er nach einem augenblicklichen Verstummen hinzu . » Lucian war ein ebenso flotter Kerl , ein so lustiges Haus wie ich und im Schillingshofe besser daheim , als bei seinen Verwandten – wär ' freilich besser für den armen Teufel gewesen , er hätte das Säulenhaus nie gesehen , und den Eiszapfen , die schöne Therese Wolfram dazu ... Als er Deutschland verließ , da war er noch eine Nacht verstohlenerweise hier bei mir im Schillingshofe . Er war wie toll vor Sehnsucht nach dir und hatte die verrücktesten Pläne in seinem Kopfe ausgeheckt – entführen wollte er dich und Gott weiß was alles tun , um mit Gewalt zu seinem Rechte zu kommen ; aber er