liebkosend die Hand über das Portrait hingleiten . „ Sie ist so wunderschön , “ sagte sie zärtlich . „ Ich kenne sie im Grunde wenig ; sie besucht mich sehr selten ; wie könnte ich alte Frau denn auch verlangen , daß sie sich bei mir langweilen soll , aber ich habe sie doch von Herzen lieb ; sie liebt ihn ja und wird ihn glücklich machen . “ Diese unbegreifliche Ahnungslosigkeit ! Dem jungen Mädchen war es , als brenne der Stuhl unter ihren Füßen – sie hatte zu kopflos gehandelt . Nach Allem , was sie eben noch drüben im Turme mit angehört , durfte sie hier nicht eintreten . Sie kam sich falsch und heuchlerisch vor , weil sie nicht der Frau sofort das Bild aus der Hand stieß und ihr die Schlange enthüllte , die nach ihrem Herzen zischte . Und doch durfte ihr kein Wort entschlüpfen . Sie schlug so heftig auf den Nagel , daß die Wand dröhnte , dann hing sie mit spitzen Fingern die Photographie hin und sprang vom Stuhle . Wie ein schöner , böser , triumphierender Dämon lächelte das verführerische Gesicht der Schwester auf den Schreibtisch nieder . Käthe griff nach ihrem Sonnenschirme , um schleunigst das Zimmer zu verlassen . Ueber die Schwelle schreitend , sah sie durch die nächste , weitoffene Thür direct auf das Bett der alten Dame – die Treppenleiter stand daneben . „ Das hätte ich fast vergessen , “ rief sie entschuldigend ; sie huschte hinüber , und den buntgeblümten Vorhang vom Bette nehmend , stieg sie die Leiter hinauf . Seitwärts in der dunklen Fensterecke stand sie so hoch oben , daß sie die herabhängenden Füßchen der Engelsgestalten in der Deckenverzierung berühren konnte . Mit fliegender Hast reihte sie die Ringe der Gardine auf das Eisengestell , während die Tante an dem mitten in ihrem Zimmer befindlichen Tische stand und ein Glas Wasser mit Himbeersaft „ für ihre gütige Gehülfin “ mischte . Da sah Käthe draußen am Fenster einen Mann rasch vorübergehen , einen Mann von strenger Haltung und auffallend stattlicher Gestalt . Sie erkannte ihn sofort und erschrak ; ehe sie sich aber klar wurde , ob sie bleiben oder schleunigst herabsteigen sollte , hatte er schon den Flur durchschritten und öffnete die Thür im Zimmer der Tante . Die alte Dame drehte sich um , und mit dem Ausrufe : „ Ach , Leo , da bist Du ja schon ! “ eilte sie auf ihn zu und schlang ihre Arme um seinen Hals . Vergessen war die Himbeerlimonade , vergessen „ die gütige Gehülfin “ , welche sie trinken sollte , und die sich nun in namenloser Verlegenheit halb und halb hinter dem Kattunvorhange zu verbergen suchte – jetzt mußte sie sich still verhalten , wenn sie nicht plump störend zwischen die Wiedersehensszene treten wollte . Sie sah , wie sich das schöne , bärtige Gesicht des Doktors liebevoll über die treue , mütterliche Pflegerin neigte , wie er sie fest an sich zog und ihre Hand von seiner Schulter nahm , um sie ehrerbietig zu küssen . Und nun überblickten seine Augen das Zimmer . Nun , Leo , was sagst Du , daß ich ohne Dein Vorwissen ausgeflogen bin ? “ fragte die alte Dame , den Blick auffangend . „ Ich sollte das eigentlich nicht billigen . Du hast Dir in den wenigen Tagen zu viel zugemutet , und wir wissen , daß Dir häusliche Unruhe und Ueberstürzung stets feindlich sind ; übrigens siehst Du wohl und frisch aus . “ „ Du aber nicht , Leo , “ unterbrach ihn die Tante bekümmert . „ Du hast nicht die kräftige Farbe wie sonst , und hier “ – sie strich leicht mit der Hand über seine Stirn – „ liegt etwas Fremdes , etwas wie ein finsterer , quälender Gedanke . Hast Du Verdruß gehabt auf Deiner Berufsreise ? “ „ Nein , Tante ! “ Das klang aufrichtig und beruhigend , aber auch kurz abbrechend – der Kommerzienrat hatte es ja gesagt , Bruck sprach nie über seinen Beruf und dessen Vorkommnisse . „ Wie mich dieses Zimmer anheimelt , trotz seiner verdunkelten Wände ! “ sagte er , und die Hände auf dem Rücken gekreuzt , wandelte er mit musterndem Blicke langsam nur den Tisch . „ Der Friede der selbstlosen Frauenseele weht Einen an – das ist ’ s auch , weshalb ich so gern heimgehe in unser Stillleben mit den einfachen Möbeln und Deinem geräuschlosen Walten , Tante . Ich werde viel hier sein – “ Die alte Frau lachte . „ Ja , ja , bis zu einem gewissen Junitage , “ versetzte sie schelmisch . „ Zu Pfingsten wird Deine Hochzeit sein . “ „ Am zweiten Pfingsttage . “ Wie seltsam er das aussprach , so kalt und fest , so unerbittlich – der ließ sich nicht eine Sekunde von der festgesetzten Stunde abdingen . Käthe fühlte etwas , wie einen Angstschauer . Sie hielt den Athem zurück ; nun durfte sie sich gar nicht sehen lassen . Von Minute zu Minute hoffte sie , daß der Doktor in sein Zimmer gehen werde , dann konnte sie leicht ihren hohen Standpunkt verlassen und hinausschlüpfen , ohne ihm begegnen zu müssen . Ihre ganze Natur empörte sich gegen dieses unfreiwillige Lauschen . Aber statt zu gehen , blieb er plötzlich am Tische stehen und nahm einen Brief zur Hand , der zwischen verschiedenen , noch nicht geordneten Bücherstößen lag . Die Tante machte eine unwillkürliche Bewegung , als wolle sie ihn verhindern , zu lesen ; ihr zartes Gesicht war sehr rot geworden . „ Ach Gott , wie vergeßlich wird doch so ein alter Kopf ! “ klagte sie . „ Der Brief wurde vor einigen Stunden aus der Stadt mitgebracht . Er ist vom Kaufmanne Lenz ; heute sollte er gar nicht in Deine Hände kommen , und nun habe ich ihn doch liegen lassen .