nachher von mir auch ein Lied hören , das präge dir fest ein . « Als ich Hannas Lieblingslied gesungen , es lautete : Sie saßen im duftenden Garten Unter dem Fliederbaum , Die scheidende Sonne färbte Golden der Wolke Saum . Sie hatte ihr blondes Köpfchen An seine Brust geschmiegt . Es hatten sich ihre Hände Fest ineinander gefügt . Sie waren beide so glücklich Und beide so still zugleich Ist doch die Sprache der Liebe So arm – und dennoch so reich ! und nun wieder in den Speisesaal zurückgekehrt war , setzte er sich an den Flügel , und von seiner schönen Stimme klang mir das reizende Bachsche Lied entgegen : Willst du dein Herz mir schenken . So fang es heimlich an . Daß unsrer beider Denken Niemand erraten kann . Behutsam sei und schweige Und traue keiner Wand , Lieb ' innerlich und zeige Dich außen unbekannt . Die Liebe muß bei beiden Allzeit verschwiegen sein . Drum schließ die größten Freuden In deinem Herzen ein . Es war gut , daß Frau v. Bendeleben sich nicht im Saale befand , daß das Brautpaar sich nur mit sich beschäftigte und dem Baron das Verständnis für solche Dinge abging . Ich glaube , man hätte es mir ansehen können , daß dies Lied mir galt . Von dem Moment an nahm ich mich aber sehr zusammen , und niemand war imstande , etwas zu merken . Durch diese glückliche Wendung der Dinge auf Schloß Bendeleben hatte ich Gelegenheit , meinen heimlich Verlobten öfter zu sehen . Bergen kam häufig herüber und jeden Sonnabend regelmäßig , und Eberhardt verfehlte natürlich nie , ihn zu begleiten . Hanna blühte wie ein Röschen auf . Sie lachte und scherzte beinahe den ganzen Tag . Wir trieben tausend Heimlichkeiten zum Weihnachtsfeste , schlossen uns stundenlang in unserer Stube ein , und selbst Frau v. Bendelebens keineswegs befriedigtes Aussehen vermochte nicht unsere glückliche Stimmung zu stören . Um diese Zeit wurde Hanna gemalt . Der Künstler , ein alter Mann , der beinahe ganz gebückt ging , kam dazu von der Stadt herüber . Er sah mich öfter und bat schließlich , auch ich möchte ihm sitzen . Der Baron , der gerade zugegen war , stimmte lebhaft bei , und so kam das kleine Miniaturbild zustande , das ich auf Wunsch des Barons meinem Vater schicken sollte . Zum ersten Male sagte ich eine Unwahrheit , indem ich dies versprach . Ich schenkte es Wilhelm v. Eberhardt als Christgabe . Es war eine wunderschöne Zeit , die Hanna und ich jetzt durchlebten . Der Jubel , wenn Sonnabends gegen Abend die Hunde auf dem Schloßhofe anschlugen und Hanna mit dem Rufe : » Gretchen , sie kommen ! « die Treppe hinunter und dem kleinen Bergen entgegenflog , der zuweilen wie ein Schneemann aussah und dem das blonde Schnurrbärtchen erst auftauen mußte . Und hinter ihm stand die hohe Gestalt Eberhardts und die lieben Augen suchten beim Schein der Laterne , bis sie an mir hängen blieben . Und dann die Abende im warmen Zimmer vor dem Kamin . Der Baron braute bedächtig einen Punsch , um die erfrorenen Reiter aufzutauen . Es wurde gesungen und gelacht , und es wäre noch schöner gewesen , wenn nicht zu oft die schlanke , schwarze Gestalt des jungen Pastors in unserem Kreise erschienen wäre . Es verging kaum eine Woche , ohne daß er ein paar Abende im Schlosse zugebracht hätte , und Frau v. Bendeleben protegierte ihn sichtlich . Da gab es wegen der Christbescherung für arme Kinder lange Konferenzen . Bald waren Neuerungen in betreff des Schulunterrichts nötig , kurz , er hatte immer irgendeinen Grund , im Schlosse zu verkehren . Ich beachtete ihn wenig , und das , was er mit mir sprach , betraf unbedeutende Dinge . Oft war von meinem Vater die Rede , und ich beantwortete ihm freundlich seine Fragen nach dessen Ergehen . Um so unangenehmer berührte es mich , daß Frau v. Bendeleben zuweilen ein neckendes Wort hinwarf , das darauf deutete , der junge Pfarrer interessiere sich für mich . Ich mied seine Nähe , soviel ich konnte . Zu seiner Mutter war ich nie wieder gegangen , und wenn ich Kathrin besuchte , sah ich nie zu den Fenstern des schmucken Häuschens hinüber , um nicht genötigt zu sein zu grüßen . Kathrin hatte die Nachricht von Hannas Verlobung und baldiger Hochzeit freudig aufgenommen . Sie sah mit Beruhigung die letzte Schranke fallen , die zwischen mir und dem Vaterhause gestanden hatte . Sie dachte ganz richtig : was soll Gretchen noch auf dem Schlosse , wenn die Freundin nicht mehr dort ist , und sie wunderte sich , daß ich Hannas bevorstehenden Verlust mit solch heiterer Ruh « zu tragen schien . Das Weihnachtsfest kam allmählich heran . Frau v. Bendeleben kehrte öfter aus der Stadt mit hochbepacktem Wagen zurück , und prachtvolle Geschenke für die Gräfin Satewski in Wien wurden abgesandt , die übrigens auf die Anzeige von Hannas Verlobung einen sehr kühlen Glückwunsch schrieb , der zwar ganz nach Frau v. Bendelebens Geschmack zu sein schien , die glückliche Braut aber nicht im mindesten aus der Fassung bracht « . Am Tage vor dem Heiligen Abend kamen Bergen und Eberhardt gerade noch recht zur Bescherung der Dorfkinder , die im großen Saal , die Augen erwartungsvoll auf die Tafeln und den brennenden Weihnachtsbaum gerichtet , mit ihren hohen Stimmchen – wobei ich noch den ganzen Gesang halten mußte – » Vom Himmel hoch da komm ' ich her « ertönen ließen . Pastor Renner sprach einige hübsche Worte , und dann krabbelten die Kleinen durcheinander und suchten ihre Plätze an den Tafeln . Hanna und ich waren mitten zwischen ihnen , indem wir hier einem kleinen Mädchen die Puppe und den Stollen einpackten , dort einem stämmigen Jungen mit Flachshaaren , der sich Übergriffe in seines Nachbars Nüsse erlaubte , einen Schlag auf die Finger gaben und ihm