alte Gott lebt noch « – welchen Trost – und Weisheitssprüchen sich allerlei Wiederverheiratungsgeschichten beinah unmittelbar anschlossen . Eine davon , die beste , handelte von einem alten Hauptmann von Rohr , der vier Frauen gehabt und beim Hinscheiden jeder einzelnen mit einer gewissen trotzigen Entschlossenheit gesagt hatte : » Nimmt Gott , so nehm ich wieder . « Hradscheck hörte dem allem ruhig und kopfnickend zu , war aber doch froh , die Tafelrunde heute früher als sonst aufbrechen zu sehn . Er begleitete Kunicke bis an die Ladentür und stieg dann , er wußte selbst nicht warum , in die Stube hinauf , in der Ursel gestorben war . Hier nahm er Platz an ihrem Bett und starrte vor sich hin , während allerlei Schatten an Wand und Decke vorüberzogen . Als er eine Viertelstunde so gesessen , verließ er das Zimmer wieder und sah , im Vorübergehen , daß die nach rechts hin gelegene Giebelstube halb offenstand , dieselbe Stube , drin die Verstorbene nach vollendetem Umbau zu wohnen und zu schlafen so be stimmt verweigert hatte . » Was machst du hier , Male ? « fragte Hradscheck . » Wat ick moak ? Ick treck em sien Bett öwer . « » Wem ? « » Is joa wihr ankoamen . Wedder een mit ' n Pelz . « » So , so « , sagte Hradscheck und stieg die Treppe langsam hinunter . » Wedder een ... wedder een ... Immer noch nicht vergessen . « 16. Kapitel Sechzehntes Kapitel Frau Hradscheck war nun unter der Erde , Male hatte das Umschlagetuch gekriegt , auf das ihre Wünsche sich schon lange gerichtet hatten , und alles wäre gut gewesen , wenn nicht der Letzte Wille der Verstorbenen gewesen wäre : die Geldsendung an den Krakauer Bischof um der zu lesenden Seelenmessen willen . Das machte Hradscheck Sorge , nicht wegen des Geldes , davon hätt er sich leicht getrennt , einmal weil Sparen und Knausern überhaupt nicht in seiner Natur lag , vor allem aber , weil er das seiner Frau gegebene Versprechen gern zu halten wünschte , schon aus abergläubischer Furcht . Das Geld also war es nicht , und wenn er trotzdem in Schwanken und Säumnis verfiel , so war es , weil er nicht selber dazu beitragen wollte , die kaum begrabene Geschichte vielleicht wieder ans Licht zu ziehn . Ursel hatte freilich von Beichtgeheimnis und ähnlichem gesprochen , er mißtraute jedoch solcher Sicherheit , am meisten aber dem ohne Namensunterschrift in Frankfurt aufzugebenden Briefe . In dieser Verlegenheit beschloß er endlich , Eccelius zu Rate zu ziehn und diesem die halbe Wahrheit zu sagen , und wenn nicht die halbe , so doch wenigstens soviel , wie zu seiner Gewissensbeschwichtigung gerade nötig war . Ursel , so begann er , habe zu seinem allertiefsten Bedauern ernste katholische Rückfälle gehabt und ihm beispielsweis in ihrer letzten Stunde noch eine Summe Geldes behändigt , um Seelenmessen für sie lesen zu lassen ( der , dem es eigentlich galt , wurde hier unterschlagen ) . Er , Hradscheck , hab ihr auch , um ihr das Sterben leichter zu machen , alles versprochen , sein protestantisches Gewissen aber sträube sich jetzt dagegen , ihr das Versprochene wörtlich und in all und jedem Stücke zu halten , weshalb er anfrage , ob er das Geld wirklich an die Katholschen aushändigen oder nicht lieber nach Berlin reisen und ein marmornes oder vielleicht auch gußeisernes Grabkreuz , wie sie jetzt Mode seien , bestellen solle . Eccelius zögerte keinen Augenblick mit der Antwort und sagte genau das , was Hradscheck zu hören wünschte . Versprechungen , die man einem Sterbenden gäbe , seien natürlich bindend , das erheische die Pietät , das sei die Regel . Aber jede Regel habe bekanntlich ihren Ausnahmefall , und wenn das einem Sterbenden gegebene Versprechen falsch und sündhaft sei , so hebe das Erkennen dieser Sündhaftigkeit das Versprechen wieder auf . Das sei nicht bloß Recht , das sei sogar Pflicht . Die ganze Sache , wie Hradscheck sie geschildert , gehöre zu seinen schmerzlichsten Erfahrungen . Er habe große Stücke von der Verstorbenen gehalten und allezeit einen Stolz darein gesetzt , sie für die gereinigte Lehre gewonnen zu haben . Daß er sich darin geirrt oder doch wenigstens halb geirrt habe , sei , neben anderem , auch persönlich kränkend für ihn , was er nicht leugnen wolle . Diese persönliche Kränkung indes sei nicht das , was sein eben gegebenes Urteil bestimmt habe . Hradscheck solle getrost bei seinem Plane bleiben und nach Berlin reisen , um das Kreuz zu bestellen . Ein Kreuz und ein guter Spruch zu Häupten der Verstorbenen werde derselben genügen , dem Kirchhof aber ein Schmuck und eine Herzensfreude für jeden sein , der sonntags daran vorüberginge . Es war Ende Oktober gewesen , daß Eccelius und Hradscheck dies Gespräch geführt hatten , und als nun Frühling kam und der ganze Tschechiner Kirchhof , so kahl auch seine Bäume noch waren , in Schneeglöckchen und Veilchen stand , erschien das gußeiserne Kreuz , das Hradscheck mit vieler Wichtigkeit und nach langer und minutiöser Beratung auf der königlichen Eisengießerei bestellt hatte . Zugleich mit dem Kreuze traf ein Steinmetz mit zwei Gesellen ein , Leute , die das Aufrichten und Einlöten aus dem Grunde verstanden , und nachdem die Dorfjugend ein paar Stunden zugesehen hatte , wie das Blei geschmolzen und in das Sockelloch eingegossen wurde , stand das Kreuz da mit Spruch und Inschrift , und viele Neugierige kamen , um die goldblanken Verzierungen zu sehn : unten ein Engel , die Fackel senkend , und oben ein Schmetterling . All das wurde von alt und jung bewundert . Einige lasen auch die Inschrift : » Ursula Vincentia Hradscheck , geb . zu Hickede bei Hildesheim im Hannöverschen den 29. März 1790 , gest . den 30. September 1832 . « Und darunter : » Evang . Matthäi 6 , V. 14. «