als unbestreitbarer Befehl in der Außenwelt galt ! Eine Reihe von Palastwächtern hatte sich plötzlich zum Empfang der Ankommenden am Tor eingefunden . Nun traten diese in den Hof . Mandschufürsten waren es , hohe Würdenträger , unter ihnen auch all jene Beamten , die der Kaiser in den letzten Tagen abgesetzt hatte , und : der gesamte Große Rat . Und allen voran die drei Vertrauensmänner der Kaiserin , Yü Lu , Wang wen schao und der furchtbare Kang yi . Von den Eunuchen geleitet , schritten sie eilig durch die Höfe , tauschten hie und da im Vorübergehen ein leises Wort mit den Harrenden , verschwanden dann im Dunkel der Gärten , wo unter dem hohen Dache der großen Audienzhalle der zur Tat gewordene Wille wachte . Und nun ging wieder ein Raunen und Flüstern durch die Höfe , aber nicht mehr ganz so verzagt klangen jetzt die Stimmen . » Sie werden sie bitten , die Regierung wieder zu übernehmen - sie muß es tun - es kann ja so nicht weitergehen - wir wären alle verloren - der Herr der zehntausend Jahre ist ja krank - von klein auf gewesen - er ist behext . « Tschun hörte es alles undeutlich , die Worte kamen aus der Dunkelheit , von den Lippen huschender , alsobald zerfließender Schatten . Die alten Zedern rauschten im Nachtwind . Ein Vogel krächzte . Es war alles schaurig , unheilvoll . Er rückte dicht an Mahan . So fürchteten sie sich wenigstens zusammen . - Tschun würde nie , nie mehr schlafen können . Er wollte gar nie mehr schlafen . Im Traum würden sie ja doppelt furchtbar wiederkehren ... die Ungeheuer ... die Brummfliegen ... die böse ... böse Habichtsnase ... Dann mußte er aber doch geschlafen haben . Schwer und bleiern , denn als er die Augen wieder öffnete , wußte er zuerst gar nicht , wo er war . Lange hatte er geschlafen . Es war schon ganz heller Tag . Aus den Wartehäusern traten die Menschen , die es sich da für die Nacht irgendwie bequem gemacht hatten . Ihre Gesichter sahen grünlich und überwacht aus in dem Morgensonnenschein . - An dem Ausgangstor standen Palastwächter . Tschun bemerkte , daß auch ältere , zu den höheren Rangstufen gehörende , darunter waren . Sie schienen mit gespannten Gesichtern auf etwas zu warten . Und nun hörte man wieder von jenseits der Umfassungsmauer eilige Schritte , laute Rufe , Pferdegetrappel . Das Tor ward aufgerissen . Eine Sänfte kam hereingeschwungen . Schweißgebadet stellten die Träger sie im Hofe nieder . Die Arme sanken ihnen schlaff herab . Sie mußten in höchster Eile mit ihrer Bürde gelaufen sein . Die Palastwächter , die wartend dagestanden , öffneten die Tuchtür der Sänfte . Und nun sah man ihr Li lien ying , den Allmächtigen , entsteigen . So hatte er also nicht die Nacht im Sommerpalast verbracht ? Dann mußte er gestern , gleich nach dem plötzlichen Abbruch der Theatervorstellung , davongeeilt sein , denn später hatte das Tor ja niemand mehr entlassen . Wo war er gewesen ? Und von welchem Geschäft kam er jetzt so eilig zurück ? Auf den Gesichtern all der da zufällig Zurückgehaltenen standen diese Fragen . Die Palastwächter dagegen schienen genau zu wissen , was das alles zu bedeuten habe . Sie stäubten ihren gefürchteten Chef diensteifrig ab und blickten dabei mit verstohlener Frage zu ihm auf . Er nickte nur mit bösem , höhnischem Lächeln und murmelte leise : » Es ist geschehen . « Da lief über all diese wächsernen Gesichter , die noch vor wenig Stunden in bleicher Furcht gezittert , ein grausam triumphierendes Grinsen . Mit dem Ausdruck von einem , der befohlener Arbeit wohlgelungene Ausführung melden darf , schritt dann Li lien ying davon , in der Richtung der kaiserlichen Privatgemächer , wo jene harrte , die , selbst unsichtbar , die Fäden so vieler Puppen in dieser Nacht gezogen hatte . Aber das Bewußtsein , einer großen Gefahr entronnen zu sein , machte die Untergebenen Li lien yings geschwätzig . Als Sieger traten sie jetzt auf , so wenig sie selbst dazu getan . Tschun vernahm einzelne ihrer Worte , reihte sie an anderes , das er schon wußte , machte sich ein Bild von dem , was geschehen . - Begann auch zu ahnen , daß noch manch weiteres geschehen würde , denn überall wurden jetzt eilige Vorbereitungen getroffen , und es hieß , daß die Kaiserin sofort nach Peking übersiedeln werde . Sie würde keine milde Siegerin sein ! - Und dann endlich kam der Befehl , daß alle bisher Zurückgehaltenen den Sommerpalast nunmehr verlassen dürften . So öffneten sich denn die Tore wieder vor denen , die zu belustigendem Scheinspiel gekommen und so unheimliche Wirklichkeit gesehen . Als Tschun am späten Nachmittag im Tempel der unendlichen Stille wieder eintraf , wartete die Taitai schon ungeduldig . Der Ta-jen , dem sie Tschuns seltsamen Ausflug nicht vorher mitgeteilt hatte , war sehr ungehalten geworden , als er inzwischen davon erfahren . An Tschuns langes Ausbleiben hatte er allerhand düstere Voraussagungen geknüpft : » Er sei sicher als vermeintlicher Spion einer fremden Gesandtschaft im Sommerpalast verhaftet worden . Das könne für den Ta-jen die fatalsten Folgen haben . Daran aber sei allein die Taitai durch ihre Neugierde und Unüberlegtheit schuld . « So lief die Taitai denn nun , sobald sie Tschun erblickt hatte , in den Hof zurück , wo der Ta-jen und die anderen Herren saßen , und rief strahlend : » Er ist wieder da ! er ist ganz lebendig . « Nun sollte Tschun erzählen , aber das einzige , was er anfänglich stammeln konnte , war : » O Ta-jen ! helft dem armen Kaiser ! er sitzt gefangen auf einer kleinen Insel in der verbotenen Stadt ! und er wollte doch Christ werden ! und europäische Kleider tragen ! Helft ihm , sonst wird ihn die Kaiserin sicher noch umbringen lassen