der Schimmel gegen das enge Waldtal hinauf . Den Weg zum Hängmoos kannte er gut . Im Walde fing es schon zu dunkeln an . Der Schimmel fand sich zurecht , ohne daß sein Reiter ihn lenken mußte . Es war im Richtmann eine Ruhe , über die er sich selber wunderte . Aber war denn nicht die angedrohte Pfändung eine Narretei geworden , jetzt , seit er wußte , daß der gewächsnete Rechtsbrief in der Truhe des Seppi Ruechsam lag ? Oder kam diese Ruhe aus seiner Vaterfreude ? Weil er seine Kinder sehen sollte ? Oder war diese Ruhe in seinem Herzen seit dem Handschlag des Malimmes ? Wird das Leben ein besser Ding in der Stunde , in der man einen Menschen findet , aus dessen heiteren Augen die Treue redet ? Im steilen Walde stieg Runotter ab , damit dem Schimmel das Klettern leichter würde . Als die beiden das dunkle Almfeld erreichten , nahm der Richtmann dem Gaul das Zaumstricklein und den Gurt herunter und ließ ihn laufen . Der Schimmel wälzte sich gleich in der nächsten Schlammwanne des Bruchbodens . » Guck , wie gescheit ! Der zieht ein warmes Jäckl an , daß er sich nit verkühlt . « Raschen Ganges schritt Runotter über die Alm hinauf . Es war schon finster . In der Höhe und im stahlblauen Osten glänzten die großen Sterne . Gegen den Westen lag noch ein schwefelgelber Streif des versinkenden Lichts über dem Lattengebirge . Warm , wie aus einem Backofen , strich die Nachtluft über das Gehänge herunter . In den Sümpfen des Bruchbodens sangen mit viel hundert Stimmen die Frösche . Diese Stimmen , von denen eine wie die andre klang , schwammen zu einem gleichmäßig flutenden Rhythmus ineinander . Ein endloses Lied mit einem einzigen Wort : » Wogwogwogwogwog ... « Fast klang es , als hätte die Erde irgendwo - in der Nähe oder fern ? - eine verborgene Kehle , durch die eine geheimnisvolle Stimme der Tiefe heraufsang . Dazu noch , weit in der Finsternis draußen , das Rauschen eines Baches . Und hier und dort , ganz leise , tönte zuweilen eine Almschelle . Die Rinder ruhten schon . Doch plötzlich kam etwas heftig Rasselndes durch die Dunkelheit heran , sehr schnell , dumpf schnaubend , eine finstere Tiergestalt mit plumpem Kopf : ein vierjähriges Öchslein , das seinen Heimherrn gewittert hatte . Sah wie ein Schreck der Finsternis aus - und war tierische Zärtlichkeit . Der Atem des Rindes ging dem Richtmann heiß und wohlriechend gegen die Wange , gegen die Hand . » Dunnerli , bist du ' s ? « Ruhig ging das Öchslein neben dem Bauer her bis auf einen Steinwurf vor der Hütte , aus deren Tür ein matter Rotschein herausgloste . Im Dunkel eine leise , froh erschrockene Stimme : » Vater ? « » Wohl , Kindl ! « Jula , die neben der Tür auf der Hüttenbank gesessen , gab dem Vater die Hand . » Wird der Bub sich freuen ! « Ihre Knabenstimme war wie ein linder Flötenton in der Nacht . » Wo ist er ? « » Schlafen tut er schon . Der wird Augen machen , wenn du ihn weckst . « Runotter schwieg . Nach einer Weile schüttelte er den Kopf . » Soll er lieber schlafen . Der Schlaf ist das best . Da ist der Mensch dem Himmel näher und weit von der Welt . « Die Hirtin nickte . » Ist schon wahr . Besser , der Jakob schlaft . Das tut ihm gut . Heut schon gar . Er muß sich ein lützel geärgert haben . « Sie meinte den Auftritt mit Marimpfel ; aber davon mochte sie dem Vater nichts erzählen . » Du weißt , nach einem Ärger tut er sich allweil mit dem Schnaufen hart . Zum Abend ist ' s wieder besser gewesen . Gut , daß er schlaft . « » Freilich , ja ! « Runotter tat einen schweren Atemzug . » Daß du noch nit zur Ruh bist ? « » Zum Abend sitz ich allweil so und schau hinaus . Und die Frösch , die mag ich leiden . « Runotter streifte die Schuh von den Füßen . Lautlos , mit nackten Sohlen , trat er in den Käser und ging zum Heukreister hin , der in der Ecke war . Von der Kohlenglut des Herdes strahlte ein rotes Zwielicht aus . Und unter diesem roten Schimmer lag in der breiten , mit Heu gefüllten Schlaftruhe ein Häuflein mühsam atmenden Lebens . Eine graue Wolldecke verhüllte den winzig zusammengehuschelten , bresthaften Körper . Das schwarze Haar hing wuschelig in die bleiche Stirn ; in den Runzeln des schmalen Gesichtes war ein ruheloses Zucken . Und dennoch gab der Schlaf diesem häßlichen Bild einen Hauch von wohligem Frieden . Runotter streckte die Hand nach der wollenen Decke , ohne sie anzurühren . Und wie jedesmal , wenn er seinen Buben mit geschlossenen Augen sah , so jagte dem Richtmann auch jetzt eine Reihe von Bildern durch das Gehirn . Er sah sein junges Weib aus dem Tal des Windbaches heimkommen , an der Hand das verstörte Dirnlein , das in einem erwürgten Schreikrampf immer schlucken mußte ; alles Weiße am Gewand des jungen Weibes hatte rote Flecken wie von Blut ; aber die kamen nur von den zerdrückten Erdbeeren ; doch am Hals und auf der kalkbleichen Wange hatte sie eine leichte Ritzwunde . Er sah sein Weib auf der Bank in der Stube sitzen , sah , wie sie zitterte an Händen und Knien , wie sie immer das Gesicht hin und her drehte , immer ihres Mannes Augen vermied und stumm blieb auf alle Fragen . Immer stumm , solang der Tag noch ein Bröslein Licht hatte . Und erst in der Nacht , als sie im Dunkel der Kammer an ihres Mannes Hals geklammert hing , da kam ihr die Sprache . Er