kann ja kein Mensch trösten , denn es gibt keinen Trost , außer den einen , den jeder schon weiß , daß wir Vergangenes nicht ändern können ; aber in der bloßen Erzählung war ein Trost für Karl ; denn indem er alles genau seinem Freunde schilderte , wußte er , daß er ein Zeichen von sich gab dessen , daß er nicht wieder zurückkehren würde zu dem , was zu verlassen er sich vorgenommen . So gelangte er ans Ende seiner Geschichte frohen Mutes , und auch Hans war fröhlich , und beide freuten sich einer neuen Freundschaft , die ihnen leuchtete wie ein Ährenfeld nach einem erquickenden Sommerregen , wenn die Sonne sich in tausend frischen Tropfen spiegelt und die Erde einen nahrhaften Geruch ausströmt , denn die Gedanken junger Leute laufen noch mit eiligen Kinderfüßen , und besonders laufen sie eilig vom Trüben zum Trostreichen . Aber wer zu urteilen wüßte über Menschen und Schicksale , ahnen könnte aus ihrem Wesen , der hätte gesehen , daß Karl wohl guten Willen hatte und einer guten Leitung folgte ; aber in seinem Innern war doch Zuchtlosigkeit und Schwäche , und auf irgendeine Weise mußte Schwäche einmal sein Schicksal entscheiden . Jetzt war es so , daß einmal und für einen flüchtigen Augenblick und unverstanden aus den grauenhaften Tiefen , die wir ja alle haben , in ihm der Gedanke auftauchte : er möchte Hansen töten ; das war ein nichtiger Gedanke , wie uns tausende durch den Kopf gehen , ohne Folgen und selbst ohne Möglichkeiten von Folgen ; es war nur ein leises Lebenszeichen des Bösen in ihm , das sich des Vertrauens schämte und Haß empfand gegen den Mitwisser der Schwäche . Die beiden waren im Walde gegangen durch raschelndes Buchenlaub ; wie sie zurückkehrten und zwischen den Bäumen hervortraten , standen sie oberhalb des Dörfchens , das sich lang das Tal in die Höhe dehnte ; die Kirchenglocke läutete zur Beerdigung , und auf dem Kirchhofe predigte der Pastor vor einem offenen Grabe , an dem die Leidtragenden standen . Der Verstorbene war ein recht unglücklicher Mensch gewesen ; denn schon seine Eltern hatten im Armenhause gelebt und als leichtfertiges und träges Volk , und wie er noch ein ganz kleines Kind war , hatte ihn die Mutter einmal im Zorn auf die Erde geworfen , davon er sich die Hüfte verrenkt , und war ihm das Bein verdorrt , so daß er sich nur mit mähseligem Humpeln weiterschleppen konnte ; hierdurch erhielt er den Namen Hinkeding . Wie er etwa sieben Jahre alt sein mochte , starben seine beiden Eltern , und die Gemeinde gab ihn dem Abdecker in Kost , der außerhalb des Dorfes lebte ; bei dem hatte er es noch übler wie bei den rohen Eltern , denn er erhielt nur schlechte Nahrung und geringe Pflege und mußte trotz seines Gebrechens und seiner Jugend doch viel arbeiten , das er zwar willig tat . Die böse Dorfjugend beschimpfte ihn um diese Arbeit noch weiter und nannte ihn Wasenmeister , und mochte sich darum kein andres Kind mit ihm abgeben , auch hätten die Eltern es denen verboten , wenn sie es getan hätten . So wuchs Hinkeding roh und tückisch heran , nur mit dem alten Wasenmeister und seiner bösen Frau hatte er zu sprechen , die in schlechtem Rufe standen , außer ihrem ordentlichen Geschäft , daß sie allerhand Zauberei und Aberglauben treiben sollten . Beim Konfirmandenunterricht mußte er allein auf einer Bank sitzen , denn der damalige Pfarrer war zu schwach und unverständig , um dem Unwesen zu steuern , und nach den Stunden fielen oft die andern über ihn her und schlugen ihn , wiewohl er sich wehrte mit allen Mitteln , indem er trat und kratzte , und einmal zog er selbst ein Messer . Niemals durfte er auf den Tanzboden kommen , und auch die geringsten Mädchen wendeten sich von ihm mit Verachtung , denn selbst einer Gutsmagd uneheliche Tochter , die bei einem Bauern diente und ein Auge verloren durch einen Stich mit der Heugabel , mochte nicht mit ihm sprechen . In solchen Lebensverhältnissen hatte sich in ihm eine besondere Bosheit ausgebildet , daß er die Kinder erschreckte , indem er plötzlich eins faßte und ihm unheimliche Dinge sagte , die er vielleicht auch ausgeführt hätte , wenn er es gewagt , oder daß er den Mädchen bösartigen Schabernack antat , um den er dann wieder von den andern mit Grund gehaßt und verfolgt wurde . Später warf er sich darauf , allerhand Bücher zu lesen , die er bekommen konnte , denn wiewohl er in der Schule nichts gelernt hatte , weil in den Zeiten , wo er jung war , sich um solche Kinder niemand bekümmerte , wußte er sich allerhand Künste doch aus seinem eignen Geiste zu lehren und hatte auch ohne Anleitung das Lesen gelernt . Aus diesen Büchern kam ihm nun viel verwirrtes Zeug in seinen Verstand , denn er verschmähte einfache und schlichte Schriften , die er hätte verstehen können , sondern wollte Bescheid wissen , wie die Welt geschaffen , und weshalb das Böse in die Welt gekommen , und wie weit der Himmel von der Erde entfernt sei und solche Dinge , denn es hatte wohl seine arme , umdüsterte Seele ein Sehnen nach Gott und nach Gerechtigkeit ; denn wenn auch die Liebe dem natürlichen Menschen nicht eigen ist , so hat er doch ein Streben nach Gerechtigkeit . Dergestalt kam er auf eigne Gedanken , daß es keinen Gott geben könne , weil da ein Stern war , dessen Licht erst nach viertausend Jahren zu uns kam , weil er so weit entfernt von der Erde war . Und bei dieser Meinung blieb er ; wie er aber nichts weiter hatte , an das er sich halten konnte , so wurde er hochmütig auf seinen Verstand und verachtete alle andern Menschen und verhöhnte sie , und diese hinwiederum beharrten in ihrem alten Spott und