, eine unabsehbare Menge von Schienensträngen , auf denen Vorortzüge wie um die Wette fahren . An allen Bahnhöfen ein Gewühl von blassen , ruhelosen Grossstadtgesichtern , lauter Menschen , die irgendwohin zu irgend welcher Arbeit eilen müssen . Lauter kleine Räder eines einzigen grossen Betriebs . Alles grau , freudlos und schon am frühen Morgen so abgehetzt . Endlich hinaus aufs flache Land und , einer Überraschung gleich , wahrgenommen , dass es ja eigentlich Frühling ist ! Hellgrüne Saatenfelder , Gemüsegärten , kleine Fichtenschonungen . Rehfelde , Strausberg , noch andere , altbekannte Namen . Bald darauf hoher Fichtenhorst , mit Wacholderbüschen als Unterholz ; in den Wäldern scheint die Nacht noch in grossen bläulichen Nebelfetzen zu hängen ; der Rauch der Lokomotive vermischt sich mit ihnen und kriecht zwischen den ersten Reihen hoher rötlicher Stämme bis hinein ins tiefe Waldesdunkel . Und nun aus dem Wald heraus und rechts der Torfstich , der schon zum Garziner Bezirk gehört . Neben den schwarzen , viereckigen Wasserlachen sind die ausgestochenen Torfstücke in regelmässigen Pyramiden aufgebaut . Bläulicher Dunst lagert über dem Moor , weisse Birkenstämme schimmern hindurch , hellgrüne , herzförmige Birkenblättchen zittern in der Morgenluft ; weiter zurück verschwimmt alles im Frühnebel . Nun hält der Zug . Ich steige aus . Dies ist die Station , von der aus es in einstündiger Wagenfahrt nach Garzin geht . Ich bleibe unschlüssig auf dem Perron stehen . Ein Gepäckträger führt eine Berliner Familie , die auch ausgestiegen ist , und ich höre ihn sagen : » Hier , über die Bahnbrücke , zur Kleinbahn nach Garzin . « Kleinbahn nach Garzin ? also auch hier ganz Neues . Ich folge der Berliner Familie und dem Gepäckträger , der sich mit einem Fahrrad und etlichen Taschen belastet hat , über die hohe Brücke , unter der wir den Zug , der uns gebracht hat , schon nach Osten weiter rollen sehen , und steige in einen spielsachenartigen kleinen Bahnzug . » Kein Gepäck , Madamken ? « fragt mich der Dienstmann . Ich verneine leise und ziehe den dichten schwarzen Schleier fester um mich , denn ich habe den Mann sicher schon früher gesehen , und mir ist auf einmal so bang geworden , als täte ich ein Unrecht , und könne dabei ertappt werden . Die Berliner Familie besteht aus Vater und Mutter , beide dick und behäbig , Leute , an denen alles selbstverständlich erscheint , die das Leben sicher ganz einfach und ohne viel Kopfzerbrechen nehmen , die die Sozialdemokraten verabscheuen und für Richter stimmen . Dann ist eine erwachsene Tochter da , eine offenbar höhere Tochter , vielleicht hat sie sogar das Lehrerinnen-Examen gemacht , und eine kleine , kränkliche Tochter mit altem , verbittertem Kindergesicht . Ausserdem ein Vetter , ein junger Mann , auf dessen blassem , pickeligem Gesicht die keimenden blonden Barthaare sich wie spärliche Halme auf magerem Boden ausnehmen . Er ist im Radelkostüm , wodurch dünne Beine und lange platte Füsse besonders aufdringlich hervortreten . Sein graues Flanellhemd ist vorne mit roter seidener Kordel zugeschnürt . Er trägt einen weichen weissen Filzhut mit einem Stutzen und auf die Nase ist ein Zwicker geklemmt . Alle fünf sprechen sie ganz laut über ihre Angelegenheiten , als seien sie allein auf der Welt , und ich entnehme , dass sie wegen Rikes Gesundheit auf ein paar Tage nach Garzin fahren , und dass ihnen das Hohenzollern-Hotel am Stadtsee von Freunden , die den letzten Sommer dort verbrachten , sehr gerühmt worden ist . Mein altes Garzin Luftkurort ! Und ein Hohenzollern-Hotel ! In zwanzig Minuten fährt die Kleinbahn durch Kiefernwald , tiefen Sand und einen niedrigen feuchten Wiesengrund , der früher einmal ein See gewesen sein muss , bis zum Eingang des Städtchens Garzin . Dort steigen wir aus . Die Berliner Familie , geführt vom Gepäckträger , schreitet eifrig auf der Hauptstrasse dem Stadtsee zu . Ich folge langsam . Das Strassenpflaster ist ganz so holprig geblieben wie es von jeher war . Grosse und kleine Feldsteine , rundliche , eckige , spitzige nebeneinander in den Boden gedrückt . Die kleinen einstöckigen Häuschen erkenne ich wieder , an den Haustüren hochstämmige Rosen , deren Zweige sich jetzt mit jungen braunen Blättchen bedeckt haben . Eines der ersten Häuser trägt noch immer das Aushängeschild , auf das ein Sarg gemalt ist , und daneben steht noch die kleine Gastwirtschaft , über deren Tor zu lesen ist : » Der alte Brauch wird nicht gebrochen , hier können Familien Kaffee kochen . « Aber neben dem Altbekannten wieviel Fremdes ! Eine ganze Reihe neuer Häuser , echte Vorortsvillen , anspruchsvoll und geschmacklos . Und wahrhaftig , ein richtiges Hotel , durch Gitter von der Strasse getrennt , inmitten eines Gartens voll junger kümmerlicher Pflanzen . Dahinter erblicke ich den blauen Stadtsee . Ich erinnere mich seiner als einer stillen Fläche , schilfumwachsen , eine Heimat wilder Enten und Taucher . Jetzt fahren ein paar bunte Gondeln darauf , und am jenseitigen Ufer steht ein grosses kastenartiges Gebäude , auf dem in goldenen Lettern die Aufschrift funkelt » Sanatorium « . Erschrocken bin ich weiter geeilt und zum Marktplatz gekommen . Da ist alles noch ziemlich unverändert . Das Geschäft der Witwe Wronkow , deren bunte Kattune , Knöpfe , Parfümfläschchen uns als Kinder manchen Groschen entlockt haben ; der Eckladen von Rückheim , wo die Honoratioren des Städtchens sich abends zu einem Glase Bier zusammenfanden ; das Pastorhaus mit seinen zwei alten Linden zu beiden Seiten der Türe . Damals spielten immer Pastorkinder von allen Altersstufen unter diesen Linden , und hierin wenigstens ist es heute ganz wie einst : eine ganze Reihe kleiner Pastorkinder buddeln im Sande unter den Linden , und vom Fenster aus beaufsichtigt sie die heutige Frau Pastorin und hält das Allerjüngste im Arm . Auf dem Marktplatz steht das kleine Siegesmonument vom Kriege 70 , ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen , auf einem Steinsockel sitzend . Dahinter führen Stufen