ging mit scheuen Schritten umher . Gegen eine scharlachrote Wand hoben sich die Gruppen der Leidensstationen ab . Das gleichmäßige und beruhigende Licht milderte das Starre der Wachsgebilde . Es war etwas Erhabenes und Heiliges über den Gestalten , ferne Zeiten stiegen langsam herauf , und es war , als ob die Schicksalsgöttin selbst träumend die Augen aufschlüge . Das ist also der Heiland , dachte Agathon befremdet , als er vor dem Bild der Kreuzabnahme stand . Er preßte die Hände zusammen und dachte nach . Freunde und Eltern kamen wie eine Reihe vorbereiteter Wandelfiguren an ihm vorbei und die toten Gebilde vor ihm wurden mitlebendig . Er lächelte traurig und begriff , daß er um etwas betrogen worden war , ohne daß er es hatte hindern können . Draußen war der Nebel dichter geworden . Agathon ließ sich stoßen und schieben , bis er in dunkle , unbelebte Gassen kam . Er ging eiliger und seine Gedanken wurden quälender . Unversehens stand er vor der Claußschule , wo sich nur die frömmsten der Juden zum Abendgebet versammelten . Ein Lächeln , dessen Bedeutung er selbst nicht begriff , glitt über seine Züge , und er trat in das düstere und niedrige Gemach . Der Vorbeter an seinem kleinen Pult lallte mit zitterigem Stimmchen das Schlußgebet . Nachdenklich blickte Agathon in die verbissenen , steinernen Gesichter , die voll waren von einer jahrhundertalten Grausamkeit , voll Haß , Erbitterung und zelotischem Glaubenseifer . Zum erstenmal in seinem Leben wurde ihm klar , daß Jude sein eine Ausnahme sein heiße ; zum erstenmal hörte er die hebräischen Formeln mit Unsicherheit und Groll und er glaubte sich in einer verderblichen Abgeschiedenheit , wo Verschwörungen gestiftet werden . Als er auf die Straße trat , prallte er erschrocken zurück . Jener städtisch gekleidete Mensch , der in Sürich Sperlings Boot gesessen war , stand dicht vor ihm und schaute angestrengt gegen ein erleuchtetes Fenster hinauf . Die Gasse war sehr eng , daher mußte er den Kopf weit zurückbiegen . Indem er noch seitwärts gegen die Mauer schritt , stieß er plötzlich an den regungslos dastehenden Agathon , bat um Verzeihung und griff geschmeidig an den Hutrand . » Ach , Sie sind der junge Mann von gestern , « sagte er überrascht . » Sind Sie nicht gestern bei der Kahnpartie - « Er schmunzelte und die schwarzen Augen hinter den Gläsern leuchteten flüchtig , fast drohend auf . » Haben Sie vielleicht ein Streichholz bei sich ? « In diesem Augenblick kam ein Arbeiter mit brennender Zigarre aus dem Tor . Der Schwarzbärtige bat ihn mit etwas übertriebener Höflichkeit um Feuer , dann ging er an Agathons Seite weiter . » Was meinen Sie denn zu der geheimnisvollen Geschichte da mit dem Mord ? « sagte er , den Rauch mit geblähten Nasenflügeln in die nebelerfüllte Luft blasend . » Ich weiß nicht . « » Es interessiert Sie wohl gar nicht ? Im übrigen , es ist ganz und gar Legende . Es ist durch nichts erwiesen , daß ein Mord vorliegt . Die Gerichtskommission hat alle Türen , alle Fenster versperrt und keinerlei Verdachtsmerkmale gefunden . Das einzige , was zu denken gab , war ein unerklärlicher roter Fleck auf der Brust des Leichnams und dann der jähe Tod selbst . « » Ein roter Fleck ? « hauchte Agathon ; sein Hals schnürte sich wie unter einer Faust zusammen . » Ja , aber lassen wir das . Ich liebe nicht derlei krasse Furchtbarkeiten . Wohin gehen Sie ? « » Zu Löwengards . « » Baron Löwengard ? Was wollen Sie denn dort ? « » Ich esse dort zu abend , « erwiderte Agathon . » Dienstag und Freitag Übernacht ' ich auch dort , weil Mittwoch und Samstag die Schule schon um sieben beginnt . « » Die Genauigkeit Ihrer Auskunft läßt nichts zu wünschen übrig . Das alles dürfen Sie ? Sogar übernachten ? Sagen Sie mal , - Ihre Eltern sind wohl sehr arm ? « » Ja . « » Wie alt sind Sie denn ? Achtzehn ? « » Siebzehn . « » Na , um so besser . So kennen wir uns also . Ich heiße Gudstikker . Rufname : Stefan . Geboren zwölften Mai achtzehnhundertsechzig . Verrichtung unbekannt . Aber nun erzählen Sie einmal , was hat eigentlich Sürich Sperling gestern mit Ihnen angestellt ? Er nahm Sie unter den Arm und ging mit Ihnen ins Haus . Sie rührten sich nicht . Andere hätten gezappelt wie ein Fisch , aber Sie waren bloß stumm wie ein Fisch . Ich habe alles gesehen vom oberen Stock . Ich wohnte ja im Sebalderhaus . « Agathon blieb stehen und lehnte sich schweigend an einen Laternenpfahl . » Reden Sie doch , « fuhr Gudstikker fort und stellte den Kragen seines Mantels in die Höhe . » Ich kenne den Sürich Sperling schon lange . Er war kein gewöhnliches Exemplar der Spezies Mensch . Er konnte lumpen durch sieben Nächte , ohne Schlaf zu suchen . Wenn er müde wurde , setzte er sich in einen Stuhl , schloß für zwanzig Minuten die Augen und wußte von sich und der Welt nichts mehr . Erhob er sich wieder , so war er frisch wie vor den sieben Tagen . Einmal , als er melancholisch war , ging er auf den Speicher und zertrümmerte mit der nackten Faust Kisten und Kasten und Bretter . Seinen Hund schlug er halbtot , wenn er unfolgsam war , und danach konnte er sich hinsetzen und heulen wie ein kleines Mädchen . Bis vor sechs Jahren hatte er überhaupt keine Frau berührt und als er die erste nahm , wäre das arme Weib ihm fast in den Armen gestorben . Das war ein Mensch ! « Es entstand ein langes Schweigen . Agathon wurde durch das ganze Wesen Gudstikkers verwundet . Seine Geschwätzigkeit beunruhigte und jede Geste erschreckte ihn . » Wie heißen Sie denn