Und ob die Geschichte noch immer nicht losgehe ? Mit dem Glockenschlage neun , gnädige Frau , sagte Albrecht , die Uhr in der Hand . Es fehlen noch volle fünf Minuten . Nun kam auch Stephanie in der vorgeschriebenen Reisetoilette . Die vier in der ersten Scene auftretenden Personen waren zur Stelle . Der Inspicient - ein wirklicher Schauspieler , den man zu diesem Zweck engagiert hatte - überzeugte sich , daß von den Requisiten keines fehle ; der Souffleur - ebenfalls ein Mann von Fach - saß auf seinem Posten hinter der Säule , in dem Buche blätternd - man konnte jeden Augenblick beginnen und plauderte sich die bangen fünf Minuten weg , ohne recht zu wissen , was man sagte . Jedenfalls wußte es Albrecht nicht . Die letzten Worte Elimars klangen ihm im Ohr . Und die klugen Augen des Mannes hatten dabei einen so seltsamen Ausdruck gehabt . Gewiß ! es war das eine Warnung gewesen ! Vor wem ? Hatte er nicht von Anfang an mit peinlicher Sorge über seine Mienen , seine Augen gewacht ? nicht jedes in Gegenwart anderer gesprochene Worte genau abgewogen ? Und dann ! die Warnung kam zu spät . Seit vorgestern - seit der Scene bei ihr im Salon - war ja alles vorbei . Er hatte ihr seine Liebe gestanden , und sie - nun der Diener mit der Depesche , und Kind und Bonne , die hereinplatzten , hatten sie der Antwort überhoben . Die Antwort , die sie ihm gestern auf der Generalprobe und heute , als sie sich vorhin auf der Bühne trafen , dann doch gegeben : in ihrer souveränen Gleichmütigkeit , für die ein armer Erdenwurm , wie er , nicht existierte , oder dem man doch seine knabenhafte Schwärmerei mit königlicher Milde nachsehen wollte ! Ach , er hatte vor einer Stunde beim Abschied seine gute Klara nicht umsonst so innig ans Herz gedrückt ! Es hatte ein stummer Schwur sein sollen , den er halten wollte : ein Schwur der Absage dieser unsinnigen , entwürdigenden Leidenschaft und der erneuten Treue und Liebe für sie , die Lilie auf dem Felde , in ihrer keuschen Bescheidenheit herrlicher als die hoffärtigste Prunkblume mit ihrem Patschuliduft modischer Verderbtheit ! Herr Professor , wir müssen anfangen ! Bitte , noch einen Schritt näher nach der Thür ! Es muß aussehen , als ob Sie eben mit der Gnädigen eingetreten sind . So ! - Vorhang auf ! Der Vorhang rauschte auseinander vor einem Publikum , in welchem das zuletzt fast betäubende Geschwirr der Stimmen urplötzlich einer lautlosen Stille gewichen war , die denn auch , während das Spiel vor sich ging , durch ein Kichern hier , durch ein schnell unterdrücktes Lachen dort selten unterbrochen wurde . Auf die beifallsbedürftigen Seelen einer wirklichen Künstlerschar hätte diese Stille sicher lähmend gewirkt . Hier war das nicht der Fall . Den Darstellern selbst bereitete ihr Treiben ein viel zu großes Vergnügen , und , wie Albrecht gesagt , von den Abgründen , an denen sie in ihrer dilettantischen Naivetät sorglos dahintaumelten , hatten sie keine Ahnung . An seinem Text fehlte keinem ein Wort - das war doch jedenfalls weitaus die Hauptsache . Höchstens fürchtete man noch , nicht laut genug zu sprechen . Nur in den ersten Minuten . Dann hatte man sich auch dieser Sorge entschlagen und sprach und spielte , im Frohgefühl seiner guten Absicht , munter darauf los , ohne viel zu fragen , ob die Zuschauer sich dabei langweilten , oder nicht . Sie hatten sich nicht gelangweilt . Der Vorhang war zusammengerauscht über den jungen Gatten , die sich nun endgültig gefunden hatten , ihren teilnahmvollen Freunden und dem Geschäftspersonal - zwölf jungen Offizieren in nicht durchgängig modischen Fracks , aber tadellosen weißen Handschuhen und Krawatten , alle aus voller Brust das Festlied nach der Melodie : » Wem Gott will rechte Gunst erweisen « unisono schmetternd . Nun für ein paar Augenblicke die vorherige Stille . Dann aber brauchten nur auf den ersten Reihen die Hände von ein paar Excellenzen und Excellenzdamen sich zu rühren , und das Klatschen pflanzte sich , immer kräftiger , lauter , durch den ganzen Saal fort bis zu den Stehplätzen des Nebensaales , wo es seinen Höhegrad erreichte . Und nun , da man zu seiner freudigen Überraschung entdeckt hatte , daß man nicht nur eine Meinung , sondern den Mut seiner Meinung habe , mußte die rotseidene Gardine sich wieder und wieder lüften und die glückliche Künstlerschar sich dankend verneigen . Dann , als der Beifallssturm sich endlich gelegt hatte , wagte man sich , erst schüchtern , dann dreister an die Kritik , wobei eine überaus seltene erfreuliche Einhelligkeit des Urteils an den Tag zu treten schien . Das Stück war allerliebst , sehr unterhaltend , durchaus nicht böswillig , wie einige hatten wissen wollen ; und die Herrschaften hatten ausnahmslos ganz überraschend famos gespielt . Der Preis gebührte natürlich Fräulein Stephanie , die jeden Augenblick die unvergeßliche Klara Meier ersetzen könne , der sie nebenbei auch merkwürdig ähnlich gesehen habe . Ganz überaus charmant war auch Frau von Meerheim als Haushälterin Dörthe gewesen , so unglaublich drollig ! Und welche Selbstüberwindung , sich aus der anmutigen jungen Frau in die alte Hausunke zu travestieren ! Das hätte die selige Frieb nicht besser machen können , oder jetzt die immer urkomische Schramm ! Aber auch die Herren - alle Achtung ! Der Herr Professor hatte sich in diesem ihm fremden Kreise wohl befangen gefühlt und war ein wenig steif und hölzern gewesen - natürlich ! Herr von Meerheim , als alter Diener , - schade , daß seine Rolle nur aus ein paar Worten bestand ! Dafür dann der Doktor Herrn von Luckows , der Polizeikommissar Herrn von Fernaus - vortrefflich ! ich versichere Sie , Schönfeld und Reicher auf dem Lessingtheater bringen das nicht besser heraus ! Und Herr von Sperber als Fridolin - das war ja der leibhaftige Vollmar