und verbitte mir im Übrigen Zwischenrufe von beleidigender Fraglichkeit . Barmann : Die Kritik der Zwischenrufe steht bei mir . Stilpe macht drei Verbeugungen vor der Person des Vorsitzenden . ) Nachdem wir damit zu Ende waren und keine Lust verspürten , die deutschen Klassiker , die im Pennal ohnehin genug maltraitiert und zu Popanzen der Langeweile mumifiziert werden , auch unsrerseits privatim zu traktieren , haben wir uns , mitgerissen von der modernen Sturm- und Drangbewegung , entschlossen , den Lesezirkel Lenz durch einen naturalistischen Debattierklub abzulösen . Wir haben die Hauptwerke der nordischen , französischen , russischen und deutschen Naturalisten nicht allein gelesen , sondern auch in heißen Debatten eingehend besprochen , und wir haben so , während unsere biedere Lehrerschaft von der Existenz einer solchen Litteraturbewegung nicht viel mehr weiß , als eine Hebamme von unser lieben Frau Aspasia ( Allgemeines Bravo ! Ausgezeichnet ! Famos ! ) , in uns Alles aufgenommen , was heute in der Litteratur aller Völker bewegend ist . Wir können , wenn uns auch bei dieser Gelegenheit einige unregelmäßige Verba im Griechischen entfallen sein sollten ( Stöffel : Man denke ! ) , auf diese Thatsache stolz sein , denn wir haben nach dem ewig citierten , aber sonst nie befolgten Satze gehandelt : Non scholae , sed vitae discimus ( Barmann , sehr laut : Jawohl ! Haben wir auch ! Stilpe : Gewiß , haben wir ! ) Wem aber soll unser Leben dienen ? Irgend einem dieser sackleinenen » wissenschaftlichen « Broterwerbe , als da sind : Die Lehre , den Menschen juristisch zu verblöden , die Lehre , den Menschen theologisch zu kastrieren , die Lehre , den Menschen medizinisch zu vergiften , die Lehre , den Menschen philosophisch zu benebeln , die Lehre , den Menschen philologisch zu verschweinsledern ? Bei allen schönen Mädchen und guten Geistern , wir rufen : Nein ! Sapristi ! Nein ! ( Tosender Beifall . Barmann schwingt die Arme . ) Unser Leben soll der Kunst dienen ! Wir wollen Dichter werden ! ( Gläserklingen . Hörbare tiefe Schlucke . Stilpe lächelt . ) Aber eben darum , meine lieben Debattiernaturalisten , müssen wir jetzt unsern Debattierklub auflösen , dem Naturalismus Lebewohl sagen und den Müsettismus proklamieren ! ( Alle möglichen Rufe durcheinander : Wieso ! ? Was ist das ! ? Nur nicht so fix ! ? Wo hast Du denn das her ? ) Und nun erging sich Stilpe in einer Schilderung der Mürgerschen Bohème , als eines Musters für alle künstlerischen Seelen , die nicht blos von Kunst reden , sondern Kunst leben wollten . Natürlich sei » dieser Haufen Steine hier « nicht Paris , und sie selber seien ja noch für elf Monate » Geisteigene verschiedener patentierter Knabenerzieher « , aber der Grundgedanke dieses vorbildlichen Lebens : Die Verbindung von Kunst und Genuß , von revolutionärem Streben und » Lachesinn « ( das Wort wurde beanstandet ) , kurz das , was er Müsettismus nenne , der müsse und könne gepflegt werden . Um praktisch zu reden : Man müsse , statt über Naturalismus zu debattieren , in fröhlichen Zusammenkünften brav trinken und eigene Lieder singen , man müsse sich entsprechende Mädchen beilegen , kurz man müsse nicht blos in Worten , sondern in Werken » bald zwanzig « sein . So erst werde man sich dem zukünftigen Berufe recht vorbilden : Et nous chanterons à la ronde , Si vous voulez , Que je l ' adore , et qu ' elle est blonde Comme les blés ! Stilpes glutvolle Rede und zumal die Citate aus dem Zigeunerleben wirkten absolut überzeugend , und der Antrag auf Gründung des Cénacles wurde mit ungewöhnlicher Begeisterung durch Acclamation angenommen . - Vive le cénacle ! Vive le cénacle ! Stilpe konnte die eigentliche Sitzung mit der Verteilung der » Nasenwärmer « schließen , aus denen innerhalb einer Viertelstunde solche Waffen von Tabakrauch produziert wurden , daß man die Notwendigkeit einsah , morgen in die Schule andere Röcke anzuziehen . - Vive le cénacle ! Vive le cénacle ! Das Cénacle schloß die vier Schlappdeckel noch viel enger aneinander , als es die früheren Vereinigungen gethan hatten . In diesem Müsettistenklub lagen denn doch noch ganz andere Reize und Hilfsmittel der Freundschaft als in jenen Deklamier- und Debattier-Zirkeln . Zwar waren auch jene unerlaubter und daher verführerischer Natur gewesen , aber ihr Fehler war Einseitigkeit . Sie hatten die strotzende Fülle des Unerlaubten nicht kühn genug erschöpft . Stilpe hatte das sehr klar erkannt und mit den an seine Lektüre von Büchners Kraft und Stoff erinnernden Worten ausgedrückt : Wir haben an einer Hypertrophie der Cerebralbedürfnisse gelitten ; besinnen wir uns auf die - Niederlande , ( hier hatte er gewartet , ob man seinen Witz verstünde ; da es nicht den Anschein hatte , fügte er erklärend hinzu ) - : Wir müssen unsern werten Sinnen auch was zukommen lassen . Aber das war es nicht allein . Eine Hauptsuggestion lag in dem Worte : Paris . Die vier Oberprimaner spürten das Komische , das in ihrer Imitation lag , nur wenig ( bisweilen nämlich doch , anflugweise ) , aber sie empfanden es als etwas verteufelt Keckes und Unverschämtes , den Ausbund der französischen Künstlerschaft zu kopieren . Natürlich konnte die Kopie nicht sehr treu sein , aber das war ein Reiz mehr , daß sie ihre Muster in vielen Beziehungen wenden und drehen mußten . Sie trieben den verrücktesten Unfug . Die tote Schildkröte wurde allmählich ihr Wahrzeichen , indem sie sich daran erinnerten , daß eine Schildkrötenschale das Urmaterial zur griechischen Lyra abgegeben hatte . Da sie , was Tric-trac sei , nicht ausfindig machen konnten , und es ihnen höchst notwendig erschien , auch ihrerseits etwas zu spielen , das nicht an den üblichen Skat der deutschen Primaner erinnerte , so legten sie sich ein japanisches Bretspiel bei , das » die Gabe hatte , Jeden , der im Verdauen war , unfehlbar