, untüchtig an Leib und Seele , und niemand hielt zu ihm als ein armes Geschöpf , das er in einer hilflosen Stunde nicht von sich ließ und das nun überall auf seinem Wege stand und ihn erinnerte , ohne daß sie es wußte und wollte , daß er gestorben und verdorben wäre , wenn sie die Hände in den Schoß gelegt hätte - und alles das hatte er seinem Weibe zu danken . Daß er so erbärmlich , so kraftlos weitertaumelte , hatte sie zuwege gebracht , sie hatte ihm sogar die Hanne hingesetzt - sie - alles sie . - Ach , wo ist sie - wie lange soll er noch leben ohne sie ? Da war ihm plötzlich sein Ziel gesteckt , zu ihr drängte es ihn , er mußte sie wiedersehen , ei , er wußte sie ja zu finden , er durfte sie ja doch suchen , noch war sie sein Weib und eine ehrbare Frau . Oho ! Das sollte ihm keiner wehren und leugnen . Für den Halbgenesenen war es aber ein weiter , langer Weg , er schleppte sich dahin wie einer , dessen Wunden aufgebrochen sind und der Rettung sucht vor dem Verbluten . Ach ja , das war es , was ihn gepeinigt hatte , was ihn unwirsch und ruhelos machte , mehr als Krankheit und Sorge ; das rastlose , durstende Sehnen nach seinem Weibe , nach ihrem Anblick , ihren Lippen . Monate und Monate waren jetzt hingegangen , und alle die Zeit war ihm zwischen halber Bewußtlosigkeit , Schwäche , Kindergeschrei , Geschimpfe und leisen Seufzern verflossen . Kein heller Tag in dieser bleischweren Traurigkeit , kein lachender Frauenblick , nichts als die rohen Gesichter der Weiber und die ernsten Züge der dürftigen Mädchengestalt . Die Schönheit war mit der Lene aus seinem Leben geschwunden , und darum wohl zerrte unbewußt alles in ihm nach ihr . Es dämmerte schon , als er mühsam durch die Straßen der Stadt ging , und wie er endlich bei dem Hause der Madame Margot ankam , war es unten auf der Erde dunkel geworden , und nur oben zwischen den Häusern lag wie ein ausgespanntes lichtes Tuch der graublasse Abendhimmel . - Der Leopold schlich quer über die Straße und lehnte sich gegenüber dem Haustore an die Mauer , so daß er hinaufsehen konnte zu den hellerleuchteten Fenstern des Salons . Er war so müde , so zerschlagen , daß er es nicht fühlte , wieviel Vorübergehende an seine Schulter rannten , nur ab und zu griff er an die kalten Steine , denn seine Hand glühte vor Hitze , und gegen den Kopf wallte es auf so kochend heiß , daß er die Augen schließen mußte , denn das Haus gegenüber bewegte sich und erschien ihm blutrot . - Als er wieder aufblicken konnte , sah er die Lene oben am Fenster stehen , ihre schlanke dunkle Gestalt hob sich von dem hellen Hintergrunde rein ab . » Lene ! « Mit zwei Sätzen stand der Mann in dem Straßengeleise , er rief , winkte und nickte hinauf und wäre wohl schnurgerade zu ihr gerannt , doch da rollten rechts und links die Menge Wagen vorbei , er konnte nicht hinüberkommen zu ihrem Haustore . - Aber er sah sie ! - Das war ihr süßes Gesicht , so bewegte sie die Hand oft , wenn sie am Fenster saß daheim . - Jeder andere Gedanke als an sie , jedes Gefühl von Schmerz war ausgelöscht , sie war da , er sah sie wieder , nur zu ihr - zu ihr . Sie wendete nicht einmal den Kopf nach jener Richtung , wo er stand , jetzt ging sie sogar von dem Fenster fort , und nur hie und da sah er ihren Schatten auftauchen . Erst als sie ganz verschwunden war , sagte er sich deutlich vor , was er jetzt wollte . Mit ihr reden , sie fragen : Was soll nun aus uns werden ? - Aus uns dreien ? Er wollte das von keinem geschickten Advokaten mehr hören , sie sollte es ihm sagen , sein Weib , das sein Kind geboren hatte und das doch zu ihm gehörte , wenn sie auch da oben saß und nimmer daheim in der großen Stube . - Vielleicht ginge sie gerne wieder zurück in die Blaue Gans , nachdem sie unter den fremden vornehmen Menschen gelebt hatte und einsehen mußte , daß nicht viel dahinter ist bei ihnen . Vielleicht schämt sie sich nur , so ohne weiteres heimzulaufen , und wartet , daß er komme und sie bittet - und endlich , ja , er hatte sie ja vertrieben , Weibergerede soll ein Mann nie so schwernehmen , im schlimmsten Fall hatten sie beide gefehlt , und es war jetzt , da sie sich so lange ferne gewesen , leichter gutzumachen und zu vergessen als damals . Wenn sie erst wieder daheim ist , dann macht ihm das tägliche Brot keine Sorge mehr , dann findet er gewiß rasch wieder eine Stelle , ah , für sie würde er eifrig suchen , laufen und schaffen , wäre sie da , so wüßte er ja , wofür er sich plagte , für sie gäbe er ja seinen letzten Blutstropfen hin . Der Leopold stand jetzt neben dem Haustore der Madame Margot , da heraus mußte die Lene kommen , da gab es kein Ausweichen , kein Davonlaufen , sie mußte an ihm vorbei und mußte ihm also Rede stehen . Stunden waren hingegangen , und er wußte es nicht . Seine Gedanken waren auf die Zukunft gerichtet , und er suchte sich die Schmerzen der Vergangenheit zu verringern . Jetzt sah er , wie gegenüber an der dunklen Mauer die hellen Fenstervierecke eines nach dem andern verschwanden , nun wußte er , daß herüben bei der Französin die Lichter ausgelöscht wurden und daß die Lene nun bald herabkommen müsse . Er reckte sich stramm auf und