schreiben würde ; es verging aber ein Tag um den andern , ohne mir den erwarteten Besuch oder Brief zu bringen . » Ich begreife nicht , was Du hast , Martha , « so sprach mich eines Morgens Tante Marie an ; » Du bist seit einiger Zeit so verstimmt , so zerstreut , so , ich weiß nicht wie ... Du hast sehr , sehr unrecht , daß Du keinem Deiner Bewerber Gehör schenkst . Dieses Alleinsein - das habe ich zu allem Anfang gesagt - taugt nicht für Dich . Die Folge davon ist dieser Spleen , der Dich jetzt auszeichnet . - Hast Du schon Deine österliche Andacht verrichtet ? Das würde Dir auch gut thun . « » Ich denke , beides : heiraten und beichten , sollte aus Liebe zur Sache gethan werden und nicht als Spleenkur . - Von meinen Bewerbern gefällt mir keiner , und was das Beichten betrifft - « » So ist es höchste Zeit : morgen ist Gründonnerstag ... Hast Du Billets zur Fußwaschung ? « » Ja - Papa hat mir welche verschafft - aber ich weiß wirklich nicht , ob ich gehen werde . « » O das mußt Du - es gibt nichts Schöneres und Erhebenderes , als diese Ceremonie ... der Triumph der christlichen Demut : Kaiser und Kaiserin auf dem Boden rutschend , um die Füße armer Pfründner und Pfründnerinnen zu waschen - symbolisiert das nicht so recht , wie klein und nichtig die irdische Majestät vor der göttlichen ist ? « » Um durch Niederknieen Demut sinnbildlich darzustellen , muß man sich eben sehr erhaben fühlen . Es drückt aus : was Gott Sohn im Verhältnis zu den Aposteln , das bin ich , Kaiser , zu Pfründnern . Mir kommt dieses Grundmotiv der Ceremonie nicht gerade demütig vor . « » Du hast so kuriose Ansichten , Martha . In den drei Jahren , die Du in ländlicher Einsamkeit und mit Lesen schlechter Bücher zugebracht , hast , sind Deine Ideen so verschroben geworden . » Schlechte Bücher ? « » Ja , schlecht - ich halte das Wort aufrecht . Neulich , als ich in meiner Unschuld zum Erzbischof von einem Buch sprach , das ich auf Deinem Tisch gesehen und das ich dem Titel nach für ein Andachtsbuch hielt : Das Leben Jesu von einem gewissen Strauß - da schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief : Barmherziger Himmel , wie kommen Sie zu so einem ruchlosen Werk ? Ich wurde ganz feuerrot und versicherte , daß ich das Buch nicht selber gelesen , sondern nur bei einer Verwandten gesehen . Dann fordern Sie diese Verwandte bei ihrer Seligkeit auf , diese Schrift ins Feuer zu werfen . Das thue ich hiermit , Martha . Wirst Du dies Buch verbrennen ? « » Wären wir um zwei- oder dreihundert Jahre jünger , so könnten wir zusehen , wie nicht nur das Werk , sondern auch der Autor in Flammen aufginge . Das wäre wirksamer - momentan wirksamer - auch nicht für lang ' ... « » Du antwortest mir nicht . Wirst Du das Buch verbrennen ? « » Nein . « » So kurzweg nein ? « » Wozu lange Reden ? Wir verstehen einander in dieser Richtung doch nicht , mein liebstes Tantchen . Laß Dir lieber erzählen , was gestern der kleine Rudolf ... « Und damit war das Gespräch glücklich auf ein anderes , sehr ergiebiges Thema gelenkt , wo es zu keiner Meinungsverschiedenheit zwischen uns kam ; denn über die Thatsache , daß Rudolf Dotzky das herzigste , originellste , für sein Alter vorgeschrittenste Kind der Welt ist - darüber waren wir beide einig . Am folgenden Tag entschloß ich mich doch , der Fußwaschung beizuwohnen . Etwas nach zehn Uhr , schwarz gekleidet , wie es sich für die Karwoche ziemt begaben wir uns , mein Schwester Rosa und ich , in den großen Ceremoniensaal der Burg . Daselbst waren auf einer Estrade Plätze für die Mitglieder der Aristokratie und des diplomatischen Korps vorbehalten . Man war da also wieder unter sich und teilte rechts und links Grüße aus . Auch die Galerie war dicht gefüllt : gleichfalls Bevorzugte , welche Eintrittskarten erlangt hatten - aber doch etwas » gemischt « , nicht zur » Crème « gehörig , wie wir da unten , auf unserer Estrade . Kurz , die alte Kastenabsonderung und -bevorrechtung - anläßlich dieser Feier der symbolisierten Demut . Ich weiß nicht , ob den anderen irgendwie religiösweihevoll zu Mute war ; aber ich erwartete das Kommende mit ganz derselben Empfindung , mit welcher man im Theater einem angekündigten Spektakelstück entgegensieht . Ebenso gespannt , wie man da - nachdem die Grüße von Loge zu Loge getauscht , den aufzurollenden Vorhang ansieht , schaute ich nach der Richtung , wo die Chöre und Solisten des bevorstehenden Schaugepränges erscheinen sollten . Die Dekoration war schon aufgestellt - nämlich die lange Tafel , an welcher die zwölf Greise und zwölf Greisinnen Platz zu nehmen hatten . Ich war doch froh , gekommen zu sein ; denn ich fühlte mich gespannt , was immerhin eine angenehme Empfindung ist , und eine Empfindung , welche momentan von kummervollen Gedanken befreit . Mein steter Kummer war der : » Warum läßt sich Tilling nicht sehen ? Jetzt hatte mich diese fixe Idee verlassen ; was ich zu sehen erwartete und wünschte , waren die kaiserlichen und die pfründnerischen Mitwirkenden der angesetzten Feier . Und gerade in diesem Augenblicke , wo ich seiner nicht dachte , fielen meine Augen auf Tilling . Soeben nach beendeter Messe , waren die Hofwürdenträger in den Saal getreten , gefolgt von der Generalität und dem Offizierkorps ; ich ließ meinen Blick gleichgültig über alle diese uniformierten Gestalten schweifen - dieselben waren ja nicht die Träger der Hauptrollen , sondern nur zum Ausfüllen der Bühne bestimmt - da plötzlich erkannte ich Tilling , der gerade unserer Tribüne gegenüber