gegenstandslose , unermessene Sehnsucht . Ihre Lippen schwiegen - aber ihr Auge , das dunkle Feuerauge schlug sie voll zu Joachim auf . Der Blick rann ihm wie Flammenzüngeln durch alle Adern . Er schwieg ein Weilchen , dann begann er von alltäglichen Dingen zu reden , dachte aber dabei mit einem schaurigen Behagen : » Das ist ja der reine Dynamit . « Unterdes wanderten Adrienne und Magnus mit langsamen Schritten unter allerlei konventionellen Gesprächen weiter . Ganz im Gegensatz zu den beiden jungen Menschen , die , sich selbst zu bewachen nicht gewohnt , schon nach den ersten paar Worten Persönliches und Vertrauliches zu verhandeln das Bedürfnis hatten , unterhielt Adrienne sich mit dem jungen Doktor über seine Arbeiten und den Gang seiner Studien . Er sprach viel Gelehrtes , das sie nur halb verstand , und sie machte Zwischenbemerkungen , deren Mangel an Logik ihm nicht weiter auffiel . Dennoch waren beiden Unterhaltung und Spaziergang von hohem Interesse . Schließlich kamen sie auf die moderne Literatur zu sprechen , und Magnus fragte nach diesem und jenem . Es fand sich , daß Adrienne diejenige Kenntnis der modernen deutschen Literatur hatte , welche ihr als Gouvernante nötig gewesen ; eine Kenntnis also , die sich in ziemlich einseitiger Richtung bewegte . Magnus bat um die Erlaubnis , den Damen zuweilen etwas vorlesen zu dürfen . » Wenn Fanny dabei ist , « meinte Adrienne . » Wir wollen sie nachher fragen . « Das geschah beim Abendtisch , und Fanny fand den Vorschlag köstlich . » Ohnehin fing ich an , mich zu vernachlässigen . Wir wollen zwei Nachmittage in der Woche festsetzen und diese ordentlich ausnützen , so zwar , daß ich , während Magnus liest , meine Staffelei nehme und nach einander für Arnold seine Lieben porträtire : erst Adrienne , dann Joachim , zuletzt , wenn ich dergestalt in Uebung bin , auch Baby . « » Eine Zeitausnützung , die Fanny ähnlich sieht , « sagte Lanzenau . Fanny setzte gleich , da morgen , als am Sonntag , nicht daran zu denken sei , Montag für diese Stunden fest . Als sie am Abend dieses Tages , nachdem Graf Taiß sich zurückgezogen und auch Lanzenau fortgeritten war , sich in ihr Zimmer begab , trat sie noch an das Fenster . Durch die Lindenwipfel raunte der Nachtwind , sternenlos drohte die wolkenschwere Finsternis . Sie dachte an das Heu auf ihren Wiesen und sah mit dem Licht nach dem Barometer , das innerhalb des Fensters an der Holzverschalung der Mauer angebracht war . » Gefallen ! « murmelte sie . Plötzlich klang eine weiche und doch männliche Tenorstimme in die Nacht hinaus . Fanny bückte sich vor . Unter ihr aus dem offenen Fenster brach ein Lichtstrom und lag auf Lindenstamm und Hof als trauliches Zeugnis , daß da unten jetzt jemand hause . Dem Licht , das aus Menschenwohnungen in die Nacht fällt , haftet immer ein eigener Zauber an . Es war Fanny unendlich behaglich , hineinzusehen . Und wie Joachim sang - richtig - Adrienne hatte ja davon gesprochen . Er aber dachte offenbar nicht daran , daß vorn hinaus noch jemand schlafe und er also vielleicht mit seinem Gesang störe . Nein , er störte auch nicht . Es war Fanny ein sehr wohliges Gefühl , zu Bett zu gehen und dabei der schönen jungen Stimme zu lauschen , die , getragen und von offenbarer Lust an der eigenen Klangschönheit erfüllt , in die Nacht hinein das Scheffel-Hentschelsche Lied sang : » Nun liegt die Welt umfangen Von starrer Winternacht , Was frommt ' s , daß am Kamin ich Entschwund ' ner Lieb ' gedacht ? Das Feuer will erlöschen , Das letzte Scheit verglüht , Die Flammen werden Asche , Das ist das End ' vom Lied . Das End ' vom alten Liede , Mir fällt kein neues ein , Als Schweigen und Vergessen - Und wann vergäß ' ich dein ? « Fanny lauschte , lächelte und entschlummerte friedlich . Sechstes Kapitel Einige Wochen waren vergangen , die Natur stand in den satten Farbentönen des Hochsommers . Auch auf Busch und Baum im Park hatten die langstieligen Schößlinge des Johannistriebes ihre gelbliche Farbe schon in so tiefes Grün verwandelt , daß man den neuen Zuwachs kaum noch vom ersten Laub unterschied . Auf den Beeten blühten Georginen und Astern , korallenrot leuchtete hier und da aus dem Gezweig die reife Vogelbeere . Erntewagen , hoch mit gelbem , schimmerndem Roggen beladen , fuhren vorn in den Hof ; das Leben des Tages fing mit dem Sonnenaufgang an und endete mit dem Eintritt der Dunkelheit . Von Joachim bekamen die Damen wenig zu sehen , er zeigte sich bei dem Mittagsmahl und abends noch ein Stündchen . Schon morgens um vier Uhr hörte Fanny ihn pfeifend über den Hof gehen , mit den Leuten reden , zum Thore hinausreiten . Sie wachte regelmäßig davon auf , wenn er seine Fensterläden aufstieß , und horchte dann mit jenem Behagen , das man empfindet , wenn man , selbst in wohliger Ruhe verweilend , den Lebensäußerungen lieber Menschen lauscht . Das Zusammenarbeiten mit Joachim war ihr geradezu ein Vergnügen . Was Lanzenau und sie sich mühsam mit der Zeit als Autodidakten in dem Beruf angeeignet hatten , war Joachim das einfachste Abc seiner landwirtschaftlichen Kenntnisse . Mit einer großen Schnelligkeit und Sicherheit seiner Entschlüsse verband er eine Art von Sorglosigkeit , die nur dem Bewußtsein entspringen konnte , daß er seinen Aufgaben gewachsen sei . Dabei hatte er ein merkwürdiges Talent , überall zu sein ; auch die anfängliche Mißstimmung der Leute , die nur ungern Fannys persönliche Aufsicht entbehrten und sich stolz gefühlt hatten , daß ihre praktischen Ratschläge von der Herrin begehrt und gehört worden seien , auch die Mißstimmung hatte er spielend überwunden . Nicht daß er durch besondern Vorsatz leutseligen Wesens das erreicht hätte , bewahre , er hatte diese Mißstimmung überhaupt nicht bemerkt