rief Netti fast vorlaut ; » das linke Ohrläppchen des Julian ist ein bißchen in sich gewickelt , etwa wie ein Stücklein Spritzkuchen , ganz appetitlich ! Ich sah es , wenn sein welliges Haar auf und nieder schlug . « » Das ist ja merkwürdig ! « fiel Setti ein , » der andere , Isidor heißt er , glaub ich , hat das rechte Ohrläppchen genauso wie ein Eiernudelchen ! « » Wissenschaftlich höchst merkwürdig ! « erklärte der Bruder mit schalkhafter Trockenheit , » das sind einfach entweder die Überbleibsel einer untergegangenen Form oder die Anfänge einer neuen , zukünftigen ! Laßt eure Ohrläppchen untersuchen , Mädchen ! Wenn ihr Ähnliches aufweiset , so nehmt euch in acht , sonst wählen euch die Zwillinge zu ihren Frauen , um nach der Selektionstheorie eine neue Art von wickelohrigen Menschen zu stiften ! Oder heiratet sie lieber gleich freiwillig ! « Die Mutter hielt ihm die Hand über den Mund , da er neben ihr saß , und rief : » Schweig , du Nichtsnutz , wenn du nichts Gescheiteres aus der Schule zu schwatzen weißt als solche Possen ! « Der Vater aber lachte und sagte : » Das hast du gut gemacht , Arnold ! Und jetzt wollen wir auch heimwandern , sonst wird es zu dunkel ; denn wir haben Neumond , aber die Sterne kommen schön , seht doch , einer nach dem andern ! « VIII Die Söhne Weidelich fuhren fort , kräftig emporzuwachsen und leiblich zu gedeihen ; sie gingen in guter Haltung einher , voll sichtlicher Zufriedenheit mit dem Aufsehen , das sie erregten , wenn sie beisammen waren . Auch an geistigen Gaben litten sie nicht eben Mangel , wohl aber an der Ausdauer , die vorgenommenen Studien zu vollenden . Als sie in die oberen Klassen rückten und das Leben und Lernen ihnen täglich ernster und tiefsinniger wurde , war Julian der erste , der nicht mehr » wollte « . Er sprang ab und ging auf die Schreibstube eines Notars . Isidor hielt aus , bis zum Schlusse , machte aber die Prüfungen zum Übergang an die Hochschule nicht mehr mit , sondern besuchte als sogenannter Zuhörer ein halbes Jahr lang einige juristische Vorlesungen und stand dann auch auf einer Notariatskanzlei unter . Beide besaßen eine regelmäßig schöne Handschrift , wie sie der angehenden Gelehrsamkeit , die andere Bedürfnisse hat , sonst nicht eigen zu bleiben pflegt , und beide liebten gleichmäßig , sich im Malen kalligraphischer Kunststücke zu ergehen . Sie erwiesen sich als sehr brauchbar in den vorkommenden Geschäften und eigneten sich durch die tägliche Erfahrung beinahe spielend die diesem Kanzleiwesen zugrunde liegenden Kenntnisse an . Dem Vater Weidelich wollte ein solcher Ausgang zwar nicht gefallen ; er fragte , ob das die ganze Herrlichkeit sei , die man habe erreichen wollen ? Die Mama hingegen war höchlich zufrieden . » Die Buben sind klüger als wir , « sagte sie , » die wissen schon , wo sie hinaus müssen ! Können sie nicht alles , was man ihnen zu tun gibt ? Warum sollen sie sich ihre jungen Köpfe zerbrechen wie andere Narren ? « Und weil sie nun , anstatt fernere unabsehbare Kosten zu verursachen , bereits selber etwas Geld verdienten , fand sich auch der Vater zufriedengestellt und blieb es , als im Alter von knapp zwanzig Jahren die Zwillinge von den Vorgesetzten zu ihren Amtsvertretern befördert wurden und demgemäß bereits gerichtliche Zeugnisse über ihre Wahlfähigkeit als Notare besaßen . Um diese Zeit ungefähr ereignete es sich , daß ein seltsames Phänomen verliebter Leidenschaft mehr in der Welt war oder ruchbar wurde . Martin Salander glaubte wahrzunehmen , daß seine zwei Töchter und deren Mutter nicht mehr in einem vertraut unbefangenen Verhältnis zueinander standen , daß die Töchter in einer geheimnisvollen Übereinstimmung zusammenhielten und lebten , die Mutter dagegen von einem tiefen Ernst , wo nicht Kummer , erfüllt schien , den sie nicht immer zu verhehlen wußte , besonders seit sie nicht mehr in ihrer Handlung beschäftigt war . Denn Salander , dessen Hauptverkehr ohne besondere Anstrengung fortwährend ordentlich blühte , vielleicht gerade weil er nicht künstelte und spekulierte , mehr von seinen bürgerlichen Liebhabereien oder Pflichtleistungen eingenommen : Salander mochte nicht länger ansehen , wie Frau Marie ohne alle Not sich als Handelsfrau plagte . Er hatte daher das Filialwesen einem tätigen jungen Kaufmann um gutes Geld überlassen und die treffliche Gattin zur Ruhe gesetzt , was sie sich ohne überflüssige Reden gefallen ließ . Den ganzen Gewinn , der ein schönes Kapital ausmachte , hatte er , ohne Widerspruch zu dulden , zu ihrem längst versicherten Frauengute geschlagen , damit sie unabhängig von ihm selbst und seinem Stern oder Unstern , und im Falle seines Todes auch unabhängig von den Kindern sein sollte in einer unsichern Zeit . Da sie also nun mit Gedanken und Sorgen , die sie drückten , nicht mehr hinter dem Kaufmannspult untertauchen konnte , lag ihr Angesicht offen vor dem Manne , und dieser fragte , was vorgehe ? Wenn die gute Frau reden mochte , so hätte sie es ja von selbst getan . Sie sah vor sich nieder , rieb sich die Hände als ob es sie frösteln würde . Dann sagte sie : » Ein Ziegel ist uns auf den Kopf gefallen ! « » Ein Ziegel ? Von welchem Dache denn ? « fragte Martin betreten , da er aus dem Ernste der Gattin auf etwas Bedenkliches , ja Gefährliches schließen mußte . » Ich kann es doch nicht länger für mich allein verwinden ! Unsere Töchter haben eine Liebschaft ! « » Zusammen dieselbe ? « fragte der Mann lächelnd , etwas erleichtert , daß es nicht auf Schrecklicheres hinauslief . Die Frau verharrte in strengem Ernste . » Nein , es ist eine Doppelliebschaft , kurz und gut , sie haben sich mit den Zwillingsschreibern aus dem Zeisig verlobt ! « » Die Hexen ! Wie kommt denn das