Mann geworden - hatte sie sich beeilt hinzuzusetzen - , wie geboren zu einer hohen Beamtenstellung , wo man sich gegen Krethi und Plethi abschließen müsse ... Nun ja , er war ein hübscher Mann geworden , eine rechte Diplomatenfigur mit seiner vornehmen Sicherheit in Thun und Wesen . Wenn sie ihm in der Fremde plötzlich begegnet wäre , da hätte sie vielleicht gestutzt , aber auf den ersten Blick ihn sicher nicht erkannt ... Sie hatte ihn lange nicht gesehen , es mochten wohl sieben Jahre darüber vergangen sein . Als Student hatte er seine Ferienzeit meist auf Reisen verlebt , und wenn er ja einmal nach Hause gekommen , da war sie dem » eingebildeten Studiosus « , der immer noch keinen Bart und deshalb auch kein Anrecht auf den diktatorisch geforderten Onkeltitel gehabt , klüglich aus dem Wege gegangen , und er hatte nie gefragt , wo sie stecke - selbstverständlich ! - Nun war ihm aber der Bart gewachsen , ein schöner , dunkler , am Kinn leicht geteilter Vollbart , und aus dem mißachteten Studenten war ein Herr » Landrat « geworden , der noch dazu mit vollen Segeln auf seine Verheiratung lossteuerte und binnen kurzem eine Tante an seiner Seite haben würde ; da konnte man mit gutem Gewissen » Onkel « sagen - ja wohl , unbedenklich ! Das junge Mädchen in der dunklen Fensterecke lächelte schelmisch und ließ die Augen weiter schweifen . Bei Betreten des Flursaales war ihr ein lautes Stimmendurcheinander entgegengekommen ; man hatte sehr lebhaft gesprochen , und sie meinte auch , Großpapas geliebte , rauhe Stimme herausgehört zu haben . Mit dem Eintritt des Bedienten jedoch war es stiller geworden , und jetzt sprach nur eine einzige , ganz angenehme , wenn auch etwas fette Frauenstimme ; sie schien gewissermaßen zu dominieren , und in der Modulation lag , besonders wenn es galt , eine eingeworfene Frage zu beantworten , eine merkliche Herablassung . Margarete konnte die Sprecherin nicht sehen ; sie mochte dem Papa zur Rechten sitzen , während Fräulein von Taubeneck links seine Nachbarin war . Die unsichtbare Dame erzählte einen Vorfall bei Hofe , hübsch und anschaulich , und unterbrach sich nur manchmal mit einem » nicht wahr , mein Kind ? « - was die schöne Heloise stets mit der Antwort » gewiß , Mama ! « prompt und gleichmütig bestätigte . So war es also Frau Baronin von Taubeneck , die Witwe des Prinzen Ludwig , welche neben dem Papa saß ... Wie stolz er aussah ! Die finstere Melancholie , welche die Tochter bei jedem Wiedersehen aufs neue erschreckt hatte , schien heute wie weggewischt von den schönen , wenn auch stark alternden Zügen . Die Großmama war somit nicht die einzige , die sich in den Strahlen des über der Familie aufgehenden Glücksgestirnes sonnte ... Frau von Taubeneck beschrieb eben mit gesteigerter Lebendigkeit , wie das Pferd des Herzogs alle Anstrengungen gemacht , seinen Reiter abzuwerfen , als sie plötzlich aufhorchend verstummte . Ueber ihre ziemlich laute Stimme hinweg schwebte ein Klang in das Zimmer herein , ein langausgehaltener Ton - er schwoll und schwoll und blieb doch geisterhaft zart und unirdisch , bis er plötzlich abriß , um eine Terz tiefer einzusetzen . » Magnifique ! Was für eine Stimme ! « rief Frau von Taubeneck halblaut . » Bah - ' s ist ein Junge , gnädige Frau , ein aufdringlicher Bengel , der einem seine Kehltöne an den Kopf wirft , wo man geht und steht ! « sagte Reinhold , der an der Tischecke neben der Frau Amtsrätin saß - seine schwache , knabenhafte Stimme bebte im verhaltenen Aerger . » Ei nun ja , du hast recht - die Singerei im Packhause wird auch mir nachgerade zu viel ! « bestätigte die Großmama und sah ihn besorgt von der Seite an . » Aber es fällt mir doch im ganzen Leben nicht ein , mich darüber zu ärgern ! Hübsch ruhig , Reinhold ! Die Familie im Packhause ist für uns ein notwendiges Uebel , an welches man sich mit der Zeit gewöhnt - du wirst es auch lernen . « » Nein , Großmama , grundsätzlich nicht ! « versetzte der junge Mann , während er mit nervöser Hast seine Serviette zusammenfaltete und sie auf den Tisch warf . » Puh , wie heftig ! « lachte Fräulein von Taubeneck - was für herrliche Zähne sie hatte ! - » Viel Lärm um nichts ! - Es ist mir nicht erfindlich , wie sich Mama durch die paar Töne unterbrechen lassen konnte , noch weniger aber begreife ich Ihren Zorn , Herr Lamprecht - so etwas höre ich gar nicht . « Sie hob den weißen , bis an die Schulter entblößten Arm , nahm eine schöne Orange von dem Tafelaufsatz und fing an , sie zu schälen . Reinholds bleiches Gesicht rötete sich ein wenig - er schämte sich seiner Heftigkeit . » Ich ärgere mich nur , « entschuldigte er sich , » daß man den Singsang so widerspruchslos hinnehmen muß . Der eitle Bursch sieht jedenfalls , daß wir Gesellschaft haben , und meint , er gehöre auch dazu - unverschämt ! - Er will um jeden Preis bewundert sein . « » Wenn du das denkst , da bist du aber stark auf dem Holzwege , Reinhold ! « sagte Tante Sophie eben hinter ihm weggehend . Sie hatte bisher an der Kaffeemaschine ihres Amtes gewaltet und einen starkduftenden Trank gebraut , dessen erste Tasse sie auf einem Silbertellerchen der Frau von Taubeneck persönlich präsentierte . Sie war in ihrem schweren , schwarzseidenen Ripskleide ; das volle , graue Haar saß wie immer in zwei glänzenden Scheitelpuffen zu beiden Seiten der hellen Stirn , und darüber her fiel eine schöne schwarze Spitze . Sie sah ganz vornehm aus , die mittelgroße , gut konservierte Gestalt mit ihrem sicheren Auftreten . Und die Zuckerschale von der Tafel nehmend , setzte sie hinzu