vor dem Jahr . Erst am Abend , wenn der Großvater wieder kam , konnte man auch mit Klara hinübergehen , und dann machten die Blumen vielleicht schon wieder die Augen zu . Das Verlangen stieg immer höher im Heidi , es konnte nicht mehr widerstehen . Ein wenig zaghaft fragte es : » Wirst du nicht bös , Klara , wenn ich geschwind von dir fortlaufe und du allein sein mußt ? Ich möchte so gern sehen , wie die Blumen sind ; aber wart « - dem Heidi war ein Gedanke gekommen . Es sprang auf die Seite und riß ein paar schöne Büschel von den grünen Kräutern aus ; dann nahm es das Schneehöppli um den Hals , das ihm gleich zugelaufen war , und führte es der Klara zu . » So , jetzt mußt du doch nicht allein sein « , sagte das Heidi , indem es auf seinen Platz neben Klara das Schneehöppli ein wenig hindrückte , was das Geißlein gleich gut verstand und sich niederlegte . Dann warf Heidi seine Blätter der Klara in den Schoß , und diese sagte erfreut , das Heidi solle jetzt nur gehen und die Blumen recht ansehen , sie wolle gern allein mit dem Geißlein bleiben ; das hatte sie ja noch gar nie erlebt . Das Heidi rannte fort und Klara fing nun an , Blättchen für Blättchen dem Schneehöppli hinzuhalten , und dieses wurde so zutraulich , daß es sich ganz an seine neue Freundin anschmiegte und die Blättchen ihr langsam aus den Fingern fraß . Man konnte auch gut sehen , wie wohl es ihm war , daß es da so ruhig und friedlich in gutem Schutz liegen durfte , denn draußen bei der Herde hatte es immer viele Verfolgungen auszustehen von den großen und starken Geißen . Der Klara kam es so köstlich vor , so ganz allein auf einem Berge zu sitzen , nur mit einem zutraulichen Geißlein , das ganz hilfsbedürftig zu ihr aufsah ; ein großer Wunsch stieg auf in ihr , auch einmal ihr eigener Herr zu sein und einem andern helfen zu können und nicht nur immer sich von allen anderen helfen lassen zu müssen . Und es kamen der Klara jetzt so viele Gedanken , die sie gar nie gehabt hatte , und eine unbekannte Lust , fortzuleben in dem schönen Sonnenschein und etwas zu tun , mit dem sie jemand erfreuen konnte , wie sie jetzt das Schneehöppli erfreute . Eine ganz neue Freude kam ihr ins Herz , so , als ob alles , was sie wußte und kannte , auf einmal viel schöner und anders sein könnte , als sie es bis jetzt gesehen hatte , und es wurde ihr so schön und wohl zumute , daß sie das Geißlein um den Hals nehmen und ausrufen mußte : » O Schneehöppli , wie schön ist es hier oben ; wenn ich nur immer da bei euch bleiben könnte ! « Das Heidi war unterdessen an dem Blumenplatz angekommen . Es stieß einen Freudenschrei aus . Von leuchtendem Gold bedeckt lag die ganze Halde da . Das waren die schimmernden Cystusröschen . Dichte , dunkelblaue Büsche von Glockenblumen wiegten sich darüber , und ein so starker gewürziger Duft wogte um die sonnige Halde , als wären die köstlichsten Balsamschalen da oben ausgeschüttet worden . Der ganze Wohlgeruch kam aber von den kleinen , braunen Kolbenblümchen her , die ihre runden Köpfchen hier und da bescheiden zwischen den Goldkelchen emporstreckten . Das Heidi stand und schaute und zog den süßen Duft in langen Zügen ein . Auf einmal kehrte es um und kam außer Atem vor Erregung zu Klara zurück . » O du mußt gewiß kommen ! « rief es ihr schon von weitem zu ; » sie sind so schön und alles ist so schön , und am Abend ist es vielleicht nicht mehr so . Ich kann dich vielleicht tragen , meinst du nicht ? « Klara schaute das erregte Heidi mit Verwunderung an ; sie schüttelte aber den Kopf . » Nein , nein , was denkst du , Heidi ; du bist ja viel kleiner als ich . O , wenn ich nur gehen könnte ! « Jetzt schaute das Heidi suchend um sich , es mußte etwas Neues im Sinne haben . Dort oben , wo der Peter vorher auf dem Boden gelegen hatte , saß er jetzt und starrte auf die Kinder herunter . So hatte er schon seit Stunden gesessen und immerzu herabgestarrt , so , als könne er nicht fassen , was er vor sich sah . Er hatte den feindlichen Stuhl zerstört , damit alles aufhören und die Fremde sich gar nicht mehr bewegen könne , und eine ganze Weile nachher erschien sie da oben und saß vor ihm auf dem Boden neben dem Heidi . Das konnte ja nicht sein , und doch war es immer noch so , er konnte hinsehen , wann er wollte . Jetzt schaute das Heidi zu ihm auf . » Komm hier herunter , Peter ! « rief es sehr bestimmt . » Komme nicht ! « rief er zurück . » Doch , du mußt ; komm , ich kann es nicht allein machen , du mußt mir helfen ; komm schnell ! « drängte das Heidi . » Komme nicht ! « ertönte es wieder . Jetzt sprang das Heidi eine kleine Strecke den Berg hinan , dem Angeredeten entgegen . Da stand es mit flammenden Augen und rief hinauf : » Peter , wenn du nicht auf der Stelle kommst , so will ich dir auch etwas machen , das du dann gewiß nicht gern hast ; das kannst du glauben ! « Diese Worte gaben dem Peter einen Stich , und eine große Angst packte ihn an . Er hatte etwas Böses getan , das kein Mensch wissen sollte . Bis jetzt hatte es ihn gefreut ; aber nun redete das Heidi , wie wenn