« » Vielleicht braucht ' s kein Wunder « , unterbrach ihn Lotti und erhob sich mit einer seltsamen Hast . » Leben Sie wohl . « » Wie gern möchte ich Sie zurückhalten , aber da « , er deutete auf die Schriften , die seinen Schreibtisch bedeckten , » da ist Gesellschaft , die jede andere verdrängt . « Sie hörte ihn kaum , sie war mit einem Gedanken beschäftigt ... Der Gedanke , der war das Wunder - ein anderes gab es nicht . Eine Möglichkeit war ihr erschienen - eine Möglichkeit ... Alles , was man unfaßbar und widersinnig nennt , wäre Lotti noch vor einer Stunde als selbstverständlich erschienen im Vergleich zu dieser Möglichkeit . 12 Lotti ging heim , und als der Friede ihres stillen Hauses sie wieder umfing , atmete sie befreit auf . Sie trat rasch in ihr kühles , von einer Hängelampe freundlich erleuchtetes Stübchen und geradenweges auf die Uhrensammlung zu . Eine Weile stand sie sinnend davor und wiederholte mehrmals im leisen Selbstgespräch : » Nein , nein , das könnt ich doch nicht , das nicht . « Agnes trug das Abendessen auf und erzählte , daß Gottfried dagewesen sei und sich über das lange Ausbleiben des Fräuleins sehr gewundert habe . Er hatte etwas mitgebracht , ein Buch , ein neues , noch unaufgeschnittenes Buch - Halwigs letztes Werk . Mit einer Empfindung des Mißmuts nahm es Lotti in Empfang . Sie hätte sich jetzt gar zu gern des Gedankens an Halwig und alles , was sich auf ihn bezog , entschlagen . Warum mußte sie von neuem an ihn gemahnt werden ? Warum mußte sogar die liebevollste Hand sie in ein Bereich der Sorge und Peinlichkeit zurückgeleiten , aus dem sie sich eben erst , mühsam genug , losgemacht ? Sie legte das Buch auf einen Schrank am Ende des Zimmers , doch holte sie es von dort wieder , aus Rücksicht auf Gottfried . Sie wollte ihm wenigstens sagen können , daß sie versucht , darin zu lesen . Sie tat es mit widerstrebendem Gefühl , aber mit stets wachsender Spannung . Sie war gefesselt , umstrickt , aber mit beengenden , mit unlauteren Banden . Ihr Blut erstarrte bei manchen Schilderungen . Da war dem Tier im Menschen jede Regung abgelauscht und mit schamloser Genauigkeit auseinandergesetzt . Da war eine erzwungene , erlogene Sinnlichkeit , aus der die offenbare Ohnmacht mit bleicher Fratze hervorgrinste . Da war die Fülle niederer Wirklichkeit aus dem seichten Strom des gemeinen Lebens geschöpft , da fehlte alle höchste Wahrheit , die der Poesie . Da war endlich der Notbehelf , der armselige , einer lahmen Phantasie : das mit photographischer Treue und Verzerrung gezeichnete Porträt ; Persönlichkeiten , aus dem Schutz des Hauses gerissen und an den Pranger gestellt , zur Augenweide eines Publikums , demjenigen verwandt , das sich zu den Hinrichtungen drängt . Im großen ganzen - die klägliche Mißgeburt des schreiblustigen Jahrhunderts : der Sensationsroman . Und dennoch ! durch diese unreine Atmosphäre , diese matte , erschlaffende Luft , durch dieses fahle Farbenspiel der Fäulnis , brach es manchmal herein wie ein zitternder Strahl sonnigen Lichtes . Das mißbrauchte , zugrunde gerichtete Talent besann sich einen Augenblick auf sich selbst ... Du armes Talent ! dachte Lotti , wie hat sich an dir versündigt , der zu deinem Hüter bestellt worden ! Der Morgen begann zu grauen , und sie wachte noch über ihrem Buche . Ihre Stirn , ihre Augen brannten , und ihre Hände bebten vor Frost . Die Lampe knisterte und flackerte ; vom verkohlten Docht stiegen Funken im angerauchten Zylinder empor . Lotti löschte das sterbende Licht und suchte ihr Lager auf . Wie wohltätig wäre ein wenig Schlaf gewesen . Sie schloß die Augen und bemühte sich , regungslos zu liegen ; da begannen alle ihre Pulse zu pochen , eine fürchterliche Beängstigung beklemmte ihr den Atem . Ihr war , als riefe eine flehende Stimme um Rettung zu ihr , die klagte , die sprach : Du hast mich gekannt in meiner Reinheit , rette eine verlorene Seele ! ... Verloren , weil du dich von ihr gewandt . Du warst die Starke , und ich war schwach , du hättest mich nicht verlassen sollen . Aber du suchtest Ruhe , du rangst nach Frieden und gabst mich auf , und ich sank und sinke immer tiefer ohne dich ... Beweine mich nicht nur - rette mich ! Eine lange Zeit verfloß - eine wie lange ? ... Die Uhren schwiegen alle , standen alle still ... Lotti hatte vergessen , sie aufzuziehen - zum ersten Male , seitdem es ihr überhaupt oblag , für Uhren Sorge zu tragen , ihrer vergessen ... Wie spät war es denn ? Wollte der Tag heute gar nicht kommen ? Wollte eben heute die sonst so rührige Agnes nicht erwachen ? Ja , wenn man die Zeit an Pulsschlägen abzählen könnte , wie die Alten getan ... oder wenn Lotti die Sanduhr besäße , welche sich dereinst das Fräulein in Schlesien verfertigt hatte , das Fräulein , das seine Lebenszeit abmaß an der verrinnenden Asche des verstorbenen Verlobten ... an diese Sanduhr erinnerte Lotti sich jetzt , und wie paßte der Einfall in das Gewirre von ganz anders wichtigen Gedanken in ihrem fiebernden Hirn ? ... Endlich wird die bange Stille im Hause unterbrochen . Agnes ist auf den Beinen und schaltet mit gewohnter Energie in ihrem Küchenbereiche . Lotti erhebt sich , zieht die Vorhänge hinauf , ruft die Alte ins Zimmer und fragt nach der Zeit . Es ist noch sehr früh am Morgen , noch unmöglich , die Dienerin auszusenden , um die Wohnung des Advokaten Schweitzer zu erfragen - des Advokaten Schweitzer , den Lotti besuchen will . » Eines Advokaten ! ? « - Agnes fällt fast um vor Schrecken - das ist ja einer vom Gericht , was hat ihr Fräulein mit dem Gericht zu tun