Wänden sahen mich durch den Tabaksqualm des Vetters meine Bücher an , und zwar ebenfalls wie etwas , das mich nur zu oft abgehalten hatte , die besten Lebensstunden , wie es sich gehörte , auszunutzen und mein Teil von der Sonne , der frischen Luft und der freien Welt mit allen fünf Sinnen und vor allem mit Händen , Füßen und Lungen einzuholen . Der Vetter Just hatte mir ein Privatissimum vorgetragen , wie ich es nie gelesen habe und leider auch nie lesen werde . Er hatte mir über seinen Lebensgang Bericht gegeben von jenem Morgen an , wo der Bodenwerdersche Landpostbote auf dem Steinhofe unseren jungen guten Kreis sprengte , bis auf die eben abgelaufene wunderliche Stunde . Nun konnte ich wohl sitzen , mir den Kopf mit beiden Händen halten und Gewissensbisse der schlimmsten Art haben , nämlich die der vielbeschäftigten , selbstgenügsamen Indolenz , die plötzlich zu dem Bewußtsein kommt , wie wenig auf Erden durch sie zum Guten , Wirklichen und Wahren ausgerichtet wird ! Ich hatte selten kläglicher geseufzt und jämmerlicher nach Luft geschnappt als in jener Nacht ; und des Vetters Knastergewölk war wahrlich nicht schuld an der erbärmlichen Atemnot . Mittelalterliches Quellenstudium hatte ich zur Genüge für mich und andere getrieben und konnte genaue Auskunft geben , zum Exempel über die Annalen von Brauweiler , die sich so sehr darüber beklagten , daß die Ketzer so viele Wunder täten , und die natürlich das Nahen des Antichrists , des allgemeinen Durcheinanders , daraus vordeuteten ( o dieser Ketzer von Vetter ! ) , aber die Quellen des lebendigen Daseins , die neben mir aus dem Boden aufsprudelten , jede nach ihrer Art trübe oder klar , mit ihren Kristallblasen und überhängendem Grün , mit ihrem Treiben von Kindermühlwerken und Fabrikrädern , mit ihrem Rauschen über Stock und Stein , die waren mir nur zu sehr aus dem Gesicht und Gehör ferngeblieben ! In meinem Kopfe war in jener Nacht , nachdem der Vetter Just Everstein Farewell oder Good night gesagt hatte , das große Durcheinander unbedingt momentan vorhanden , und es kostete keine geringe Mühe , nur die allernötigste Ordnung wieder in das Chaos zu bringen . Ach , Vetter Just , was hatte ich dir auf deine Erzählung als Gegengabe meinerseits zu bieten ? Wie wenig fühlte ich mich persönlich in den Enthusiasmus einbegriffen , mit dem du die Titel auf den Bücherbrettern an diesen nichtsnutzigen vier Wänden herlasest und buchstabiertest ! ... Aber das Ärgste war doch , Vetter , als du so ganz beiläufig und gutmütig bemerktest : » Das ist der ganze Steinhof und meine Erkerstube und meine Gefühle - wie ' s leibt und lebt ! O Fritz , du hast es gut gehabt und bist immer mitten in allen deinen Anlagen und Wünschen geblieben , und keiner hat dich gestört ; glaub nur ja nicht , daß ich dir nochmals einen Vorwurf daraus mache , daß du heute mittag bei Tische so gar nichts von uns anderen gewußt hast . Ich hätte sicherlich ebensowenig davon gewußt , wenn ich du gewesen wäre ! Du bist ja freilich ein ganz famoser Kerl ! Ein Riese bist du ! « ... So fühlte ich mich freilich in jener Nacht - ach , du liebster Himmel ! Und jetzt lasse ich die Arme sinken und lasse den Vetter Just Everstein erzählen . » Daß man die größten Wunder zu Hause erlebt « , sagte er , » das lernt man erst in der Fremde erkennen . Man braucht sich überall nur fest hinzustellen mit dem , was man von seinem eigenen Grund und Boden mitgebracht hat , um dem Auslande verdammt merkwürdig vorzukommen . Das ist meine Erfahrung , und so habe ich selbst als Deutscher den lieben Leuten da drüben ganz devilish imponiert . Mit den lieben Leuten aber meine ich sämtliche Bürger der Vereinigten Staaten von Nordamerika , von den großen Seen bis an den äußersten Zipfel der Halbinsel Florida und von einem Ozean bis zum anderen . Ich freute mich auch da schon auf das Wiedersehen mit unserem guten Ewald , bloß um ihn fragen zu können , wie es ihm in dieser Hinsicht außerhalb der deutschen Nation ergangen sei . Nun , ihm natürlich , wenigstens in dieser Beziehung , noch um manches Prozent besser als mir ; das steht fest , ich glaube nicht , daß es mir bloß so scheint ! Du weißt , unter welchen schauderhaften und unangenehmen Umständen ich von euch und dem Steinhofe und dem Vaterlande überhaupt Abschied zu nehmen hatte . Ein blöderer Hanstoffel als ich ist wohl selten aus seinem Traumwinkel und von der Ofenbank an die freie Luft hinausbefördert worden . Alles , was ihr nachher erlebt haben könnt ( Fräulein Irene nehme ich aus ! ) , ist gar nichts gegen das , was ich an jenem schönen Sommertage und dann bei der Auktion ausgestanden habe . Und wie die Welt ist , nimm mir das nicht übel , Fritze , so ließ sich keiner von euch auf dem Hofe mir zum Troste und der alten Jule zur Aufrichtung blicken ; und so waren wir denn einzig und allein auf uns selber angewiesen in dem Verdruß und Elend , ich und Jule Grote . Ich mache dir übrigens durchaus keinen Vorwurf , Fritzchen , denn ich weiß es wohl , daß ihr euch damals gleichfalls durch schlimme Tage durchzufressen hattet . Aber uh , die alte Jule ! Da habe ich das Meinige zu hören gekriegt vom Morgen bis zum Abend . Und , was das schlimmste war , durchaus nicht mehr mit Gift und Galle und spitzen Reden , sondern alles in Wehmut und Herzeleid , und - mein armer , lieber Just hier - mein armer , armer Junge da ! - Zum Heulen war ' s ! Die Haare stehen mir heute noch darüber zu Berge . Ganz unerträglich ! - - Dich hätte ich gar nicht aus deinen Windeln herauswickeln sollen