stand dieses Haus noch , und darin wohnten die Beamten der Verpflegskanzlei und ein » Flügel Fuhrwesen « , was , aus der k.k. österreichischen Militärsprache übersetzt , eine Abteilung Trainsoldaten bedeutet . Es ist dies gerade kein Elitekorps . Der » Fahrer « , wie der Gemeine heißt , ist mehr Pferdeknecht als Soldat und wird schon darum von den Kameraden anderer Waffen über die Achsel angesehen . Er muß Dienstleistungen verrichten , gegen welche sich der soldatische Stolz sträubt , er ist gleichsam nur ein Anhängsel der streitbaren Macht . Darum geht niemand freiwillig zum Fuhrwesen , sondern diese Truppe setzt sich zum Teil aus jenen Rekruten zusammen , die für eine andere Waffengattung körperlicher oder geistiger Gründe wegen untauglich scheinen , zum Teil aus Soldaten , welche sich durch unziemliche Aufführung diese Versetzung als Strafe zugezogen . Der » Furbes « ist der Prügelknabe der Armee , er gilt , bis das Gegenteil erwiesen ist , als Dummkopf oder Spitzbube . Heute ist dies übrigens besser als in jenen Tagen , da die » Fünfundzwanzig « blühten , insbesondere sind wohl derzeit die Offiziere des Korps Männer anderer Artung , als ihre Vorgänger in den Flitterjahren der Reaktion . Das waren stramme , rohe Grauköpfe , welche vom Gemeinen aufwärts gedient , zwanzig Jahre Feldwebel gewesen und schließlich das Leutnantspatent bei dieser Truppe erhalten , weil sie bei der ihrigen nicht recht in die Offiziersgesellschaft gepaßt hätten . Oder auch sehr junge Herrchen , welche so lange leichtfertige Schulden gemacht oder sonstige Streiche verübt , bis sie endlich vor der Alternative standen : Fuhrwesen oder Quittierung des Dienstes ! Wie das Verhältnis solcher Vorgesetzten zu einer solchen Mannschaft sich gestaltete , braucht kaum gesagt zu werden . Die Disziplin wurde leidlich aufrecht erhalten , aber wahrlich nur durch jene Wunder , welche ein wahrhaft österreichischer Heiliger jener Tage verrichtete : » Der heilige Haslinger ( Haselstock ) « . Es war an einem Sabbatnachmittag im Frühjahr , da unser Sender gedankenvoll aus dem Städtchen wandelte und dann über die Seredbrücke . Auf der » Promenade « , unter den Linden , welche längs des Flusses stehen , spazierten die geputzten Leute aus der » Gasse « langsam und vergnüglich auf und nieder , er aber eilte an ihnen vorbei , er wollte allein sein . Seine Gedanken waren gerade nicht heiter , und tröstlichere wollten ihm nicht kommen , so sehr er sich auch sein Hirn zerquälte . Seit zwei Wochen war er nun Lehrling bei Jossele , aber einen Meister der » deutschen Weisheit « hatte er bisher nicht gefunden . In der Klosterschule freilich wurde sie gelehrt , er selbst hatte bei dem Sohne des Doktor Schlesinger eine Fibel gesehen , und dieser Knabe hatte ihn stolz versichert , das sei zwar nur der Anfang der Weisheit , doch wer diesen Anfang erst erfaßt habe , verstehe eigentlich schon alles übrige . Aber an diese Schule konnte er ja nicht ernstlich denken . Des Doktors Sohn freilich durfte straflos zu den Dominikanern gehen ; sein Vater war zwar auch ein Jude , aber zugleich ein » Deutsch « , ein angesehener Mann . Ihn aber hätte für die bloße Absicht sein Lehrherr entlassen , der Rabbi gezüchtigt , die Mutter verstoßen und die Gemeinde halb tot geschlagen . So war es denn seine einzige und ach ! sehr karge Hoffnung , einen Menschen zu finden , der ihn heimlich lehren könne , wonach ihn dürstete . Aber einen solchen Weisen kannte er nicht , mindestens keinen , an den er sich hätte heranwagen mögen . Da war der reiche Grünstein , Schlome Grünstein , der » Meschumed « ( Abtrünnige ) , wie sie ihn nannten , weil er in seiner Jünglingszeit aus deutschen Büchern sündiges Wissen gesogen . Der wußte gewiß viel , aber er war ein kranker , gebrochener Mann , der sich heute ängstlich von ähnlichen Sünden fernhielt und wohl kaum an die Bestrebungen seiner Jugend erinnert sein wollte . Da war ferner der einzige christliche Privatlehrer des Ortes , Herr Osner , ein hageres , bewegliches Männchen , welches jahraus , jahrein denselben gelblichen Rock trug und in der Rechten eine riesige Tabaksdose . Aber dieser Herr war erstens sehr geschwätzig und konnte kaum ein Geheimnis bewahren , zweitens lebte er ja vom Unterrichten und verlangte vielleicht zwanzig Kreuzer für die Stunde - wie sollte Sender das viele Geld aufbringen ! Noch schlimmer lagen die Dinge bei Luiser Wonnenblum , dem Gemeindeschreiber , und bei Dovidl Morgenstern , dem » Privatagenten « , das heißt Winkelschreiber . Sie konnten Deutsch , weil sie es fürs Geschäft erlernt , waren aber sehr habgierig . Kurz , je länger der arme Junge darüber nachdachte , desto trauriger ward er , desto mehr festigte sich in ihm der Entschluß , nach Czernowitz zu fliehen - das war sein Mekka , dort war ja jeder Jude ein » Deutsch « . Der Gedanke , die Mutter zu verlassen , ihr Schmerz zu bereiten , war ihm wohl peinlich , aber er hinderte ihn nicht . » Sie hat viel für mich getan « , dachte er , » aber das war ja ihre Pflicht , ich bin ja ihr Fleisch und Blut ! Es wird sie anfangs sehr schmerzen , aber bin ich nur einmal erst ein großer Komödiant , so wird sie ja auch viel Freude und Ehre davon haben und ein sorgenfreies Leben ! « Während er sich all dies wieder einmal in Gedanken zurechtlegte , wohl zum tausendsten Male in den Tagen , seit er heimgekehrt , hatte er absichtslos einen Pfad eingeschlagen , den er sonst sicherlich vermieden hätte . Am linken Ufer des Sered , in der Vorstadt Wygnanka , die von Bauern und den ärmsten Juden bewohnt wird , erhebt sich ein Hügel , welchen sie im ganzen Kreise den » Barnower Berg « nennen ; der mäßige Hügel ist eben in dieser ungeheuren Ebene auf Meilen sichtbar .