schöner als das Geräusch selbst . Endlich erschrak ich über meinem Tun , warf die Schlegel hin und getraute mir kaum über die Bänke des Parterre hinwegzusteigen und mich zuhinterst an der Wand hinzusetzen . Ich fror und wünschte zu Hause zu sein , auch ward es mir bange in meiner Einsamkeit . Die Fenster in diesem Teile des Saales waren dicht verschlossen , so daß nur die Bühne , welche immer noch den Kerker vorstellte , durch das Mondlicht magisch beleuchtet war . Im Hintergrunde stand das Pförtchen noch offen , wo Gretchen gelegen haue , ein bleicher Strahl fiel auf das Strohlager ; ich dachte an das schöne Gretchen , welches nun hingerichtet sein werde , und der stille , mondhelle Kerker kam mir zauberhafter und heiliger vor als dem Faust einst Gretchens Kammer . Ich stützte meinen Kopf auf beide Hände und sah mit sehnenden Blicken hinüber , besonders in die vom Lichte halb bestreifte Vertiefung , wo das Stroh lag . Da regte es sich im Dunkel , atemlos sah ich hin , und jetzt stand eine weiße Gestalt in jenem Winkel ; es war Gretchen , wie ich sie zuletzt gesehen hatte . Mich schauerte es vom Wirbel bis zur Zehe , meine Zähne schlugen zusammen , während doch ein mächtiges Gefühl glücklicher Überraschung mich durchzuckte und erwärmte . Ja , es war Gretchen , es war ihr Geist , obgleich ich in der Entfernung ihre Züge nicht unterscheiden konnte , was die Erscheinung noch geisterhafter machte . Sie schien mit dunklen Blicken in dem Raume umherzusuchen , ich richtete mich empor , es zog mich vorwärts wie mit gewaltigen , unsichtbaren Händen , und während mein Herz hörbar klopfte , schritt ich über die Bänke gegen das Proszenium hin , jeden Schritt einen Augenblick anhaltend . Die Pelzumhüllung machte meine Füße unhörbar , so daß mich die Gestalt nicht bemerkte , bis ich , an dem Souffleurkasten hinaufklimmend , in meiner befremdlichen Tracht vom ersten Mondstrahle bestreift wurde . Ich sah , wie sie entsetzt ihr glühendes Auge auf mich richtete und , doch lautlos , zusammenfuhr . Einen leisen Schritt trat ich näher und hielt wieder ein ; meine Augen waren weit geöffnet , ich hielt die Hände zitternd erhoben , indes ich , von einem frohen Feuer des Mutes durchströmt , auf das Phantom losging . Da rief es mit gebieterischer Stimme : » Halt ! kleines Ding ! was bist du ? « und streckte drohend den Arm gegen mich aus , daß ich fest an der Stelle gebannt blieb . Wir sahen uns unverwandt an ; ich erkannte jetzt ihre Züge wohl , sie hatte ein weißes Nachtkleid umgeschlagen , Hals und Schultern waren entblößt und gaben einen milden Schein , wie nächtlicher Schnee . Ich witterte alsogleich das warme Leben , und der abenteuerliche Mut , den ich dem Gespenste gegenüber empfunden hatte , verwandelte sich in die natürliche Blödigkeit vor dem lebendigen Weibe . Sie hingegen war immer noch zweifelhaft über meine dämonische Erscheinung , und sie rief daher noch einmal : » Wer seid Ihr , kleiner Bursch ? « Kleinlaut antwortete ich : » Ich heiße Heinrich Lee und bin eine von den Meerkatzen ; man hat mich hier eingeschlossen ! « Da trat sie auf mich zu , streifte meine Maske zurück , faßte mein Gesicht zwischen ihre Hände und rief , indem sie laut lachte : » Herr Gott ! das ist die aufmerksame Meerkatze ! Ei , du kleiner Schalk ! bist du es , der den Lärm gemacht hat , als ob ein Gewitter im Hause wäre ? « - » Ja ! « sagte ich , indem meine Augen fortwährend auf dem weißen Raume ihrer Brust hafteten und mein Herz zum ersten Male wieder so andächtig erfreut war wie einst , wenn ich in das glänzende Feld des Abendrotes geschaut und den lieben Gott darin geahnt hatte . Dann betrachtete ich in vollkommener Ruhe ihr schönes Gesicht und gab mich unbefangen dem süßen Eindrucke ihres reizenden Mundes hin . Sie sah mich eine Weile still und ernsthaft an , dann sprach sie : » Mich dünkt , du bist ein guter Junge ; doch wenn du einst groß geworden , wirst du ein Lümmel sein wie alle ! « Und hiemit schloß sie mich an sich und küßte mich mehrere Male auf meinen Mund , der nur dadurch leise bewegt wurde , daß ich heimlich , von ihren Küssen unterbrochen , ein herzliches Dankgebet an Gott richtete für das herrliche Abenteuer . Hierauf sagte sie : » Es ist nun am besten , du bleibest bei mir , bis es Tag ist ; denn Mitternacht ist längst vorüber ! « und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch einige Türen in ihr Zimmer , wo sie vorher schon geschlafen hatte und durch mein nächtliches Spuken geweckt worden war . Dort ordnete sie am Fußende ihres Bettes eine Stelle zurecht , und als ich darauf lag , hüllte sie sich dicht in einen sammetnen Königsmantel , legte sich der Länge nach auf das Bett und stützte ihre leichten Füße gegen meine Brust , daß mein Herz ganz vergnüglich unter denselben klopfte Somit entschliefen wir und glichen in unserer Lage nicht übel jenen alten Grabmälern , auf welchen ein steinerner Ritter ausgestreckt liegt mit einem treuen Hunde zu Füßen . Zwölftes Kapitel Die Leserfamilie . Lügenzeit Infolge der Sorge und Verwirrung , welche durch mein nächtliches Wegbleiben entstanden , war mir das abendliche Umhertreiben und der Besuch des Theaters streng untersagt worden ; auch am Tage wurde ich sorgfältiger beaufsichtigt und in meinem Umgange mit den Kindern der armen Leute beschränkt , welchen man fälschlicherweise eine verderbliche und ansteckende Ungebundenheit zuschrieb . So hatten die fremden Schauspieler die Stadt verlassen , ohne daß ich jene Frau , der mein Herz nun ganz gehörte , wiedergesehen . Als ich vernahm , daß die Gesellschaft fortgereist sei , bemächtigte sich meiner eine