unglücklich traf , daß sein heftigster Angreifer und sein ältester Freund ein und dieselbe Person waren . Es sprach für beide , daß ihre Freundschaft unter diesen Kämpfen nicht nur nicht litt , sondern immer wurzelfester wurde ; allerdings weniger ein Verdienst unseres Pastors als seines gutgelaunten Antagonisten , der , weltmännisch über der Sache stehend , nicht gewillt war , die Semnonen- und Lutizenfrage unter Drangebung vieljähriger herzlicher Beziehungen durchzufechten . In Wahrheit interessierte ihn die » Urne « erst dann , wenn sie anfing , die moderne Gestalt einer Bowle anzunehmen . Dieser alte Freund und Gegner war der Justizrat Turgany aus Frankfurt a. O. , der , ein Feind aller Prozeßverhandlungen bei trockenem Munde , speziell in dem Prozeß » Lutizii contra Semnones « manche liebe Flasche ausgestochen hatte , gelegentlich im Pfarrhause zu Hohen-Vietz , am liebsten aber im eigenen Hause , nach dem Grundsatze , daß er über seinen eigenen Weinkeller am unterrichtetsten sei . Schon die Studentenzeit hatte beide Freunde , Mitte der siebziger Jahre , in Göttingen zusammengeführt , wo sie unter der » deutschen Eiche « Schwüre getauscht und , Klopstocksche Bardengesänge rezitierend , sich dem Vaterlande Hermanns und Thusneldas auf ewig geweiht hatten . Seidentopf war seinem Schwure treu geblieben . Wie damals in den Tagen jugendlicher Begeisterung erschien ihm auch heute noch der Rest der Welt als bloßer Rohstoff für die Durchführung germanisch-sittlicher Mission ; Turgany aber hatte seine bei Punsch und Klopstock geleisteten Schwüre längst vergessen , schob alles auf den ersteren und gefiel sich darin , wenigstens scheinbar , den Apostel des Panslawismus zu machen . Die Möglichkeit europäischer Regeneration lag ihm zwischen Don und Dnjepr und noch weiter ostwärts . » Immer « , so hatte er bei seiner letzten Anwesenheit in Hohen-Vietz versichert , » kam die Verjüngung von den Ufern der Wolga , und wieder stehen wir vor solchem Auffrischungsprozeß « ; halb scherz- , halb ernsthaft vorgetragene Paradoxien , die von Seidentopf einfach als politische Ketzereien seines Freundes bezeichnet wurden . Aber dieser Freund war nicht halb so schwarz , wie er sich selber malte . Er debattierte nur nach dem Prinzip von Stahl und Stein ; hart gegen hart ; das gab dann die Funken , die ihm wichtiger waren als die Sache selbst . Zudem wußte der panslawistische Justizrat , daß Streit und immer wieder in Frage gestellter Sieg längst ein Lebensbedürfnis Seidentopfs geworden waren , und gefiel sich deshalb in seiner Oppositionsrolle mehr noch aus Rücksicht gegen diesen als aus Rücksicht gegen sich selbst . Zwölftes Kapitel Besuch in der Pfarre Und es war der Justizrat Turgany , der heute , am zweiten Weihnachtsfeiertage 1812 in der Hohen-Vietzer Pfarre erwartet wurde ; auch Lewin und Renate hatten zugesagt , mit ihnen Tante Schorlemmer und Marie . Vier Uhr war vorüber ; es dunkelte schon , der Besuch konnte jeden Augenblick kommen . In den Zimmern war alles festlich vorbereitet . Wo noch ein Stäubchen lag , fuhr unser Freund mit einem Federwedel darüber hin ; dann wieder zog er das Taschentuch und polierte an den Scheiben seiner geliebten Schränke . Wer auf Waffen hält , der sorgt auch , daß sie blank sind . Nur an das theologische Bücherbrett , wo der Staub zu dicht lag , vermied er es heranzutreten . Ein Zwischenfall ließ ihn einen Augenblick aufsehen von seiner Arbeit . An ihm vorbei , als wäre eine Welt versäumt , drang in ziemlich herrischer Weise eine Frau mit rotem Gesicht und weißer Haube in das Studierzimmer ein , goß auf ein vorgehaltenes Schippenblech eine Räucheressenz , wie sie damals Mode war , fuhr ein paarmal durch die Luft und schoß dann in das Nebenzimmer weiter , um ihre Bewegungen , die zwischen Stoffechten und Weihrauchfaßschwenken eine gute Mitte hielten , in den dahintergelegenen Räumen fortzusetzen . Pastor Seidentopf lächelte , als er ihr nachsah , ein scherzhaftes Wort schien ihm eben auf die Lippe zu treten , aber ehe es laut werden konnte , klingelte die Haustür , und das Aufstampfen auf Dielen und Strohdecke , um den Schnee und die Kälte abzuschütteln , verriet deutlich , daß der Besuch gekommen sei . Aber nicht der Frankfurter Justizrat . Es waren zunächst die Freunde aus dem Herrenhause . Lewin führte Tante Schorlemmer , Renate und Marie folgten . Man begrüßte sich herzlich . Renate , die es warm fand , nahm ihr Shawltuch ab und stand einen Augenblick mit der Broschnadel in der Hand , wie in Verlegenheit , wo sie dieselbe hintun solle . Dann öffnete sie den Glasschrank und legte die Nadel in eine der zerbrochenen Urnen . Sie war wie Kind im Hause . Alles lachte ; Seidentopf stimmte mit ein . » Sehen Sie , teuerster Prediger « , hob Renate an , » wenn das nun ein Aschenregen wäre , was jetzt in Flocken vom Himmel fällt , welche Hypothesen gäbe das bei den Seidentopfs der Zukunft , diese Gemmenbrosche in einem wendischen Totentopf ! « » Nicht wendisch , ganz und gar nicht . Aber meine schöne Renate lockt mich nicht heraus « , erwiderte Seidentopf gut gelaunt . » Ich erwarte Turgany noch und darf meine Kräfte nicht an Plänkeleien setzen , auch nicht an die verlockendsten . Aber wo nehmen wir unseren Kaffee ? « » Hier , hier , im Studier- und Rauchzimmer « , riefen die Stimmen durcheinander , mit besonderer Betonung des letzten Worts . Seidentopf lehnte ab . Renate aber bestand darauf . » Wir wollen keine Opfer . « » Und wenn es ein solches wäre , je mehr Opfer , je mehr Glück . « » O wie verbindlich ! Ganz die gute alte Zeit . Und da bilden sich unsere Residenzler ein « ( ein schelmischer Blick Renatens streifte dabei Lewin ) , » uns feine Sitte lehren zu wollen ; hier ist ihr Lehrstuhl , hier im Pfarrhause zu Hohen-Vietz . « Stühle wurden gestellt ; man nahm Platz an einem Rundtisch