Beyfuß äußerte sogar bedenklich : » Wenns nur nicht eine böse Sieben bedeutet ! « Und so schlummerten und strampelten denn Rose und Dezimus als junge Christen nebeneinander unter dem Wiegenhimmel , und weil sie mit ihrem Kosenamen Ma und Mus hießen , waren die ersten Laute , die sie lallen lernten , Mus und Ma . Knabenstern Noch bevor das Korn geschnitten worden , war der kleine Mus auch von Vaterseite eine Waise ; und hatte der Hutmann Frey des Gerechten sanftes Schlummerkissen auch leider verwirkt , so ist es - Gott sei heute noch Dank dafür ! - doch kein Sünderende , das er etwa im Taumel oder in der Verzweiflung genommen hat . Er starb im Gegenteil einen Opfertod , wennschon unbewußt und ohne daß einer von denen , welchen er schweres Unheil abgewendet , es ihm gedankt hätte . Ein wildes Gebaren ging dem Sterben voran ; keiner in der Gemeinde hatte Ähnliches erlebt , daher denn auch in ihr der alte heidnische Erbfeind , Kobold geheißen , seit der Kriegsdrangsal nicht dermaßen seinen Spuk getrieben . Selber der aufgeklärte Kantor Beyfuß konnte nicht leugnen , daß er , spät am Abend von einem Besuch in der Weidenmühle heimkehrend , einen bärengroßen schwarzen Kater mit Gluhaugen , gleich illuminierten Fensterscheiben , das Hirtenhaus habe umschleichen sehen . Der noch aufgeklärtere Amtmann Mehlborn lachte freilich seinen Freund Beyfuß aus und nannte des Klausen Zustand schlechtweg Säuferrappel ; der Kreisphysikus , den Pastor Blümel zu Hilfe rufen ließ , nannte ihn dahingegen Wasserscheu . Der verdächtige Wirtshund , welchen er in der Geburtsstunde seines Sohnes erdrosselt , hatte den Klaus in die Hand gebissen . Wer achtete darauf ? Der Klaus am wenigsten . Es war ein Tollhundsbiß . Da seit dem Siebenschläfer keine Leiche im Dorfe bestattet worden war , fand Klaus Frey sein Reihengrab an der Seite seiner Frau . Pastor Blümel sprach den Segen darüber , und im Frühling sproßte der Rasen auf dem Hügel des lästerlichen Mannes so grün wie auf dem des tugendlichen Weibes ; aber nur auf letzterem lag Jahr für Jahr ein Johanniskranz . Die Waisen , welche seit der Mutter Tode ein Vagabondenleben geführt hatten , wurden nunmehr in die Welt verstreut . Zweien von ihnen erwirkte der Pfarrer ein Unterkommen in provinziellen Versorgungsanstalten ; dem dritten , durch seines Patrons Vermittlung , sogar eine Stelle im königlichen Militärwaisenhause . Die älteren Brüder wurden auf Bauernhöfen zu Knechten herangezogen ; keiner jedoch in der heimischen Gemeinde , wo seit des Vaters nach wie vor nicht geheuerem Ende der Widerwille gegen die Hirtenbrut ein unüberwindlicher geworden war und die Ehre , welche dem jüngsten Sproß als Pastorziehkind angetan ward , das böse Blut obendrein ätzte . Die gute Amtmannsfrau hätte wohl gern das Beispiel in der Pfarre nachgeahmt und den kleinen blondlockigen Hannes als Sohn in ihr Haus genommen . Aber welchen Kampf mit ihrem Amtmann würde das gekostet haben ! Und die gute Amtmannsfrau fühlte sich von Tage zu Tage weniger eine Kämpferin . Ihre Kräfte gingen auf die Neige ; bald , so getröstete sie sich , würde sie mit ihrem rechten Hannes im rechten Vaterhause vereinigt sein . Sie begnügte sich daher , in die Hand ihrer Pfarrfreundin eine kleine Summe niederzulegen , die für das Kostgeld zweier der Waisen , solange sie zum Dienen noch nicht herangewachsen waren , eben zureichte . Darüber hinaus klapperte sie aber auch oftmals - den Ohren beider Freundinnen recht tröstlich und wohlgefällig - mit dem Inhalt einer Sparbüchse , die sie die Gevatterbüchse nannte und in die sie wohl jeden Tag ein Münzstück für ihre Zwillingspaten steckte . So stand das Hirtenhaus denn leer ; der Rest seines Gerätes , Bett und Lumpen , waren der Tollwut halber verbrannt worden ; das Schindeldach blieb unausgebessert , denn lange Zeit fand sich - gottlob ! - in der Gemeinde keine Familie , die arm genug gewesen wäre , zwischen den kahlen Lehmwänden ein Obdach zu suchen . Die nächsten Jahre brachten böse Seuchen über das Land ; bei uns die alten Blattern , weiterwärts die neue Cholera . Die Hälfte des jungen Freyschen Enaksgeschlechtes war dahingerafft , bevor der jüngste des selben ahnete , was Brudersein heißt . Man hat ihm späterhin seine Abstammung nicht verheimlicht ; er kannte aber keine Familie außer der , welche ihn aus dem kalten Mutterleibe warm an ihr Herz und fest an ihre Hand genommen hatte ; und fürwahr , er würde denen seines Blutes nicht mit gleicher Innigkeit angehangen haben , denn das zärtliche Neigen des Kindes stützte die tiefe Dankbarkeit der Waise . In der töchterreichen Pfarre aber wurde das fremde , männliche kleine Anwesen von keinem als Überlast oder unnützer Brotesser angeschaut , sondern wie der Zugehörigste gehätschelt und gehegt . Alle Welt hatte ihre Freude , wenn sie den Mus und die Ma nebeneinander auf der Mutter Schoße sitzen oder späterhin sie Hand in Hand laufen und spielen sah . Sie waren unzertrennlich wie Zwillingskinder , dabei aber so verschieden geartet , wie leibliche Geschwister es selten sind . Ma : zart , zierlich , behende , ein schwarzlockiges Strudelköpfchen , zu Lust und Verdruß nervös erregt . Mus schon dazumal , wie er lebenslang geblieben ist : groß , stämmig , weiß und rot , niemals krank und niemals ungebärdig . Blinkende Sternchen nannten die Schwestern die Augen der kleinen Ma ; die des Bruders Mus hätten sie Vollmondsaugen nennen müssen , so groß und rund waren sie , so hell und still . Aber nicht wie der liebe Mond , oder hinter ihrem dichten Wimperschleier die Sternchen der Ma , blickten sie stetig hinunter zu den Käferchen und Blümchen im Grunde , sondern unverwendet und ungeblendet aufwärts zu den Himmelslichtern , wenn sie durch die Scheiben oder durch die Laubenblätter drangen . » Das Mädchen sieht , wie sie kriechen , der Junge , wie sie fliegen , « sagte Kantor Beyfuß ; mit welchem Sprichwort er freilich dem einstigen