dann nach einem Zeitungsblatte und murmelte einige Worte , denen der Greis jedoch , von seinen Träumen befangen , keine Aufmerksamkeit mehr schenkte . Er lag ruhig , tage- und nächtelang , die Augen nach der Tür gerichtet , und sagte von Zeit zu Zeit : » War das nicht Bozenas Schritt ? - Mir ist , als hörte ich sie kommen . « Bittend erhob sein Blick sich zu Nannette : » Es sollte ihr doch jemand entgegengehen . Vielleicht weiß sie nicht mehr den Weg . « Diese Sehnsucht ihres Mannes nach dem Kinde seiner pflichtvergessenen Tochter war Nannetten sehr peinlich , und Regel gab zu verstehen , daß sie sich verletzt fühle und gehofft habe , ihrem Vater mehr zu sein . Um Neujahr erhielt Schimmelreiter einen Brief von Mansuet aus Klausenberg . Dort war Weberlein vier Wochen lang krank gelegen , hatte aber trotzdem » keine Minute « den Zweck seiner Reise aus dem Auge verloren . Er hatte geschrieben , viele Erkundigungen eingezogen ; viele Boten ausgesendet und schließlich so viel erfahren , daß er meine , dermalen die Vermutung aussprechen zu können , Bozena sei mit dem Kinde auf dem Heimwege begriffen . Freilich dürfte sie » ohne einen Knopf Geldes « sein . » Sie wird wohl « , so schloß Mansuets seltsame Epistel , » keine andern Postpferde in Ungelegenheit versetzen als die beiden , die jedem Menschen angewachsen sind . Da heißt es hü sagen zum rechten und hot zum linken Fuß . Aber finalemang , und wenn es schon nicht anders ist : Die Bozena hat ' s unternommen ; die Bozena bringt ' s zustande . Was mich bei der Sache bis aufs Blut beißt und wurmt , das ist , daß die alte Schermaus ( Hypudaeus arvalis , das schädlichste Nagetier ) am Ende doch recht behält und daß ich ebensogut getan hätte , hinter dem Ofen sitzenzubleiben , als mich hier an der Szamos und an der großen Kükülü herumzutreiben , bis ich ein Fieber auf dem Buckel und die Nachricht in der Tasche hatte , daß die Vögel , auf die ich fahnde , ausgeflogen sind . « Schimmelreiter hütete sich wohl , Frau Heißenstein von dem Inhalte dieses Briefes auch nur ein Wort zu verraten . Sie hatte am Morgen eine Unterredung mit dem Arzte gehabt , der äußerst besorgt war und erklärte , die Kräfte des Kranken schwänden in bedenklicher Weise . Mit aller möglichen Schonung machte Nannette ihre Tochter mit diesem Ausspruche des Arztes bekannt . Regula blieb dabei gefaßt und stark . Wie immer bemüht , ihre Mutter aufzurichten , sagte sie : » Sonderbar , eben heut ist mir der Vater wohler vorgekommen . « Nannette jedoch war nicht zu beschwichtigen . Ruhelos wie ein Perpendikel bewegte sie sich zwischen ihrem und dem Zimmer des Kranken hin und her . Regula ersuchte sie mehrmals , sich nicht aufzuregen , was keinem Menschen nütze , ihr selbst aber schädlich sei . Sie gab ihrer Mutter den Rat , ein wenig auszugehen , frische Luft kalmiere die Nerven . Dieser Aufforderung Folge leistend , trat Frau Heißenstein langsam vor den Spiegel und setzte mit angenommener Gelassenheit und Sorgfalt ihren Hut auf . Da kam die Magd hereingestürzt und rief sie zu dem Kranken , den plötzlich eine Ohnmacht angewandelt hatte . Nannette und ihre Tochter eilten nach Heißensteins Zimmer . Die Wärterin und Schimmelreiter waren damit beschäftigt , ihn zu laben ... Einen Blick auf die verfallenen Züge ihres Mannes , und Nannette rief schaudernd der Magd und dem Diener zu : » Den Arzt ! ... Den Priester ! ... « Jene rannten davon und ließen in der Bestürzung das Haustor geöffnet stehen . Und in diesem Augenblicke kam über den großen Platz geschritten eine hohe Frauengestalt in schadhaften , die Spuren langer Wanderung tragenden Gewändern . Sie hielt , sorgfältig in ein Tuch gehüllt , ein schlafendes Kind in ihren Armen . Müden Schrittes schleppte sie sich auf das alte Haus zu und klomm langsam die Treppe empor . Ihr Gesicht verklärte sich , als sie an dem dunkeln Getäfel des Eingangs hinaufblickte , ihr Auge grüßte die wohlbekannten Räume . Wie neu belebt durchwanderte sie die lange Zimmerreihe und stand endlich , hochklopfenden Herzens vor dem Schlafgemach ihres alten Gebieters . Drinnen das Hinundhereilen hastiger Schritte , ein ängstliches Fragen und Flüstern , das schwere Ächzen eines Kranken . Sie stieß die Tür auf und trat ein . Mit Schrecken und Staunen richteten sich die Augen aller Anwesenden auf das fremde Weib , abwehrende Hände streckten sich gegen sie aus , und plötzlich kreischte eine dünne Stimme wie in Todesangst : » Bozena ! « » Bozena ! « wiederholte tonlos und keuchend eine zweite Stimme aus der Tiefe des Zimmers , und von Nannette und Regel unterstützt , richtete eine Greisengestalt sich in den Kissen des Lagers auf . » Herr ! « antwortete die Gerufene mit einem Schrei des Schmerzes über ihn , über den Jammer seines Anblicks , und kniete an der Schwelle nieder . » Näher - näher « , flüsterte er , und Bozena , ihre letzte Kraft aufbietend , erhob sich , trat heran , setzte das Kind auf das Fußende des Bettes und brach zusammen . Niemand dachte daran , ihr Hilfe zu bringen , wie versteinert standen alle . Der Kranke aber sah das Kindlein an , lange , lange - liebevoll . Es war klein für seine Jahre und von einem solchen Ebenmaß der Glieder , daß jede seiner Bewegungen dem Auge schmeichelte wie sichtbar gewordener Wohllaut . Gesundheit blühte auf seinen zarten , rosig angehauchten Wangen , und Fülle des Lebens sprach aus den leuchtenden Augen , mit denen es die fremde Umgebung anstaunte zwischen Lachen und Weinen . Endlich wandte der Greis den Blick von dem Kinde ab und richtete ihn auf seine Frau - unsäglichen Dankes voll . Und Nannette erbebte bis ins Mark , als dieser schon