Schellenunter brauchte nicht notwendig eine Mannesperson zu sein ; ja weit natürlicher war es ein Frauenzimmer , und dieses Frauenzimmer kein anderes als - unsere neue Wirtin Dorothee . Muhme Justine war zwar keine leibliche , aber doch eine Namensbase der kleinen Dorl . Beide nannten sich Müllerin ; da aber Muhme Justine ein Gemüt hegte , stolzer noch als das der Reckenburgs , hatte sie die Bevorzugung der kleinen Plebejerin von Haus aus mit unholden Blicken angesehen . » Gab es denn kein adeliges Kind Dinchen zur Gesellschaft ? « brummte sie anfangs , und späterhin : » Mußte es denn eine sein von einer besseren Couleur , wenn auch lange nicht so nobel und durabel wie Fräulein Hardine ? « Die Schenkung und der blinkende Verlobungsring konnten natürlich keine humanere Auffassung bewirken ; seit sich aber gar der bedrohliche Schellenunter unter dem Lärvchen der Schenkentrine enthüllte , hätte - abgesehen von den gesteigerten Erbschaftsaussichten in Reckenburg - der Muhme gar nichts Erwünschteres als meine zeitweise Entfernung von Hause widerfahren können . Kaum hörte sie daher von den elterlichen Reisesorgen , so erklärte sie , daß sie sich die Begleitung nicht nehmen und ihrem Fräulein kein Härchen auf dem Wege krümmen lassen werde . Man traf seine Abrede , und unter allerlei Zurüstung gingen die Wochen im Fluge dahin . An Dorothees Geburtstag , dem 29. September , langte die erste Sendung des fernen Bräutigams an : Brief und Schächtelchen . Sie öffnete das letztere hastig und jubelte hellauf bei dem Anblick der kostbaren Granatgehänge , die ihr als Angebinde verehrt wurden . » Und was schreibt er ? « fragte ich , nachdem sie vor dem Spiegel den großen Schmuck den kleinen Ohren eingehenkelt hatte . Sie überflog den Brief und reichte ihn mir mit den Worten : » Es steht nicht viel darin « . Und es stand allerdings nicht viel darin . Herkömmliche Glückwünsche und eine ziemlich altmodische Redensart von ewiger Liebe und Treue und so weiter . Sie schien dem Schreiber nicht eben flott von Herzen gegangen zu sein . Eine Nachschrift brachte die Notiz , daß er alsobald von Berlin zur königlichen Armee nach Schlesien dirigiert und dort , nach Wunsch , dem Regiment Weimar zugeteilt worden sei . Da die hohen Potentaten seitdem Versöhnung geschlossen , sei die kriegerische Aussicht zunächst verschoben ; Schreiber aber habe in dem chirurgischen Institute zu Breslau förderliche Beschäftigung gefunden , eine Gunst , welche er nicht allein der gnädigen Verwendung seines durchlauchtigen Chefs zu verdanken habe , sondern mehr noch der eines erhabenen Geistesfürsten , bei welchem eine Empfehlung von Jena ihn eingeführt , und mit dem er eine über alle Maßen interessante Unterredung über die in das chirurgische Gebiet einschlägigsten Lehren gepflogen . ( Notabene : Jungfer Grundtext , welche die Stammtafel der sächsischen Fürsten am Schnürchen herzusagen wußte , von einem » Geistesfürsten « aber noch nie eine Silbe gehört hatte , zerbrach sich vergeblich den Kopf über Natur und Namen des Erwähnten . ) Nach in Bälde bevorstehendem Rückmarsch hoffe er , wieder durch Verwendung jenes außerordentlichen Herrn , einen längeren Urlaub zu erhalten und denselben in der Universitätsstadt Göttingen , als in der Nähe seines im Harz garnisonierenden Regiments , zu verbringen . Bis das Zeitwesen sich unvermeidlich wieder kriegerisch gestaltet haben werde , erfreue Schreiber sich sonach der fördersamsten Tätigkeit . » Hast du Herrn Faber geantwortet ? « fragte ich am Tage vor meiner Abreise Dorothee , die errötend das Köpfchen schüttelte . » So tu es heute noch , « mahnte ich . » Wenn ich nur wüßte , was ! « sagte sie kläglich , setzte sich aber gehorsam nieder und begann ziemlich flink mit dem Dank für die wunderschönen Ohrgehänge . Nun jedoch stockte der Fluß . Sie kaute an der Feder , seufzte und rieb sich die Stirn , auf welcher die hellen Angsttropfen perlten . » Helfen Sie mir ein bißchen , Fräulein Hardine , « bettelte sie endlich . Das tat ich nun freilich nicht . Im Gegenteil , ich entfernte mich , hoffend , daß es in der Einsamkeit besser gelingen werde . Aber der Nachmittag verlief über dem sauren Werk und am Abend erst wurde das Blatt zur Durchsicht in meine Hand gelegt . » Fräulein Hardine sagt dies , Fräulein Hardine tut das , « so lautete es Satz für Satz . Aus dem eigenen Herzen und Leben kein Wort . Der wunderlichste erste Liebesbrief einer Braut ! Indessen die Kleine dankte Gott , daß er fertig war , siegelte rasch mit einem Sechser und trug das Schriftstück eilig selbst nach der Post . Der Abschiedsmorgen brach an . Eine Reise , und wäre es nur auf zwölf Meilen , eine erste Reise zumal , galt uns Kleinstädtern Anno 90 noch für einen halben Tod . Man schien sich so unerreichbar , wenn man sich nicht mehr mit Händen greifen konnte , man mochte gestorben und verdorben sein , ehe nur ein Hilferuf zu dem Verlassenen gedrungen war . Wir saßen bei Kerzenlicht um den Frühstückstisch ; keiner berührte einen Bissen , keiner redete ein Wort . Mama und ich , wir schluckten unsere Tränen tapfer hinunter , der ehrliche Vater aber ließ sie frank und frei laufen , und die kleine Dorl schluchzte laut . Der Tag begann zu dämmern , die einspännige Chaise fuhr vor ; der eisenbeschlagene Seehundskoffer wurde aufgebunden , Kisten und Kober , mit Mundvorräten gefüllt , türmten sich , als ging es rund um die Welt . Vor den Türen lugten die Nachbarn in Pantoffeln und Nachtmützen ; Mägde , die Wasserbütten auf dem Rücken oder den Semmelkorb am Arm , Kinder , die den Betten im Schlafkittelchen entsprungen waren , drängten sich vor unserem Tor . Alle wollten Rittmeisters Fräulein , das zu einer uralten , steinreichen Erbtante auf die Reise ging , in die Kutsche steigen sehen . Endlich erschien auch Muhme Justine mit aller Würde einer Duenna , in blendendweißer Flügelhaube und der