Ward einer einmal in seinem Dorfe zu den Reichern gezählt oder hatte er wenigstens ein Anwesen , welches ihm einen Knecht trug , so konnte er sich hinsetzen zu den großen Vielbeneideten oder mit ihnen die Wette eingehen , wer es wohl am großartigsten zu treiben vermöge . Die Volksfeste , jetzt unter geistlicher und weltlicher Aufsicht stehend , wurden , sobald ihnen der frohe Tanz und das freie Wort fehlten , zu gemeinen Schlemmereien , von denen die Besseren sich ins sogenannte Herrenstüble zurückzuziehen begannen . So wurde denn vom Strom des Vergnügens , der rohesten Genußsucht , fast jeder Ungebundene fortgewirbelt ; der Gebundene , durch Not Gefesselte aber stand allein wie eingesandet und warf denen neidische Blicke nach , die ihn lachend sich selbst und seinem Schicksal überließen . Nur die Frauen und Mädchen hatten am häuslichen Herd noch eher eine sichere Stätte . Je weiter die männliche Bevölkerung von der nun einmal eingerissenen Strömung fortgetrieben wurde , desto mehr mußten sie ihre Kräfte üben , damit doch nicht alles zugrunde gehe . Ein Menschenalter später führten sozusagen in allen wohlhabenden Häusern die Weiber das Hausregiment , denn die , in welchen das nicht geschah , waren lange keine wohlhabenden Häuser mehr . Nie standen beide Geschlechter sich mißtrauischer , spröder gegenüber als in dieser traurigen Zeit . Der Wirkungskreis des Weibes erweiterte sich mehr und mehr , aber dieses verlor dabei soviel als der Mann , und das Volk an ihm wohl mehr als an dem letzteren . Herzensgüte und Milde , der Kunstsinn , die Freude am Schönen und die Begeisterung für das menschlich Große schienen verschwunden und der Mensch zum Stallknechte geworden zu sein . Das unter der Herrschaft der Mannweiber herangewachsene Geschlecht wurde kleinlich , pfiffig , sparsam und arbeitsscheu ; der Taler galt alles , und den Wert des Menschen pflegte man in seinem Steuerbüchlein zu suchen . Auch die Stigerin war so ziemlich ein Kind jener Zeit . Nutzen und Schaden - das war ihr Gewissen . Darum hielt sie auch den Reichtum für die Frucht der Arbeit , für den Gotteslohn jeder Entsagung , kurz für die sichtbar gewordene Gestalt aller menschlichen Tugenden und Vorzüge . Sie ging fleißig in die Predigt und nahm alles ohne Grübeln und Deuteln an ; aber als einst ein Kapuziner die Behauptung aufstellte , daß Wohlstand und Glück viel öfter eine Strafe Gottes für allzu irdische Gesinnung seien , da mochte sie gar nichts mehr weiter von ihm hören , und als man bald darauf für das Kapuzinerkloster in Bezau die übliche Buttersammlung in der Gemeinde vornahm , war der Stollen , den sie in den Pfarrhof schickte , bei weitem der kleinste , und den Gruß , welcher Dorotheen mitgegeben wurde , wagte diese gar nicht auszurichten . Es war wirklich Dorotheen nicht zu verargen , wenn sie alles für unüberlegt hielt und sogar den kleinen Stollen verstohlen noch einmal in den Keller trug , um ihn ein wenig wachsen zu machen , wofür sie dann aber von der Stigerin , die das sogleich merkte , die strengsten Vorwürfe erhielt , die sie je unter diesem Dache erschreckt hatten . Doch noch am nämlichen Tag hatte die Magd Gelegenheit , zu bemerken , daß die Frau noch keine kärgere Geberin werde ; ja wie vielleicht immer , fand ihr mildes Herz Ersatz im Wohltun für das , was es dem strengen Verstand hatte opfern müssen . Wenn sie auf das lange Tischgebet zu reden kam , welches auch während der dringendsten Feldarbeit nicht um ein einziges Vaterunser abgekürzt wurde , so sagte sie : » Gott sieht das und kann ' s auf andere Weise wieder reichlich ersetzen . « Von ihrer Mildtätigkeit aber redete sie , besonders mit ihren kargen Freundinnen und Basen , am liebsten gar nicht , oder sie sagte ganz kurz , wie um sich zu entschuldigen , sie habe nicht anders können , als dem armen Teufel mit dem oder diesem wieder ein wenig auszuhelfen . Jos hatte diese Seite ihres Wesens , die sie wie eine Schwäche sorgfältig geheimzuhalten , ja mit einer recht unnatürlich rauhen Rinde zu umgeben suchte , erst kennen gelernt , seit er als Knecht mit ihr unter einem Dache lebte . Der unerwünschte Spielgefährte Hansens war ihr , besonders als Vater und Sohn mit seltener Beharrlichkeit für ihn einstanden , zu sehr zuwider , als daß je ein wärmender Strahl aus ihrem Herzen in sein dunkles , kaltes Kindesalter hätte fallen können . Dieses listige , trotzige , dem Vorsteher und ihrer ganzen Verwandtschaft zum Ärger in die Gemeinde hereingeschmuggelte Kind der Sünde war ihr recht in der Seele zuwider , und wenn Hans für seine Mitteilung am Ostermorgen , daß er den Jos als Knecht gedingt hatte , keine besonders lange Strafpredigt hören mußte , so kam das einzig davon , weil sie glaubte , der schwache Schneider werde seinen Platz nicht eine Woche behaupten können . Weil sie aber das ganz bestimmt vorauszusehen meinte , begann sich schon auch das Mitleid mit dem Armen zu regen , in dessen traurige Lage sie sich jetzt unwillkürlich immer wieder denken mußte , bis sein Trotz eine ganz andere Stimmung weckte . Doch Hansens Erzählung beim Heuführen hatte nicht nur diesem Trotz seine Spitze genommen . Mit einer Art Ehrfurcht blickte er zu Dorotheens Mutter und Erzieherin auf . In jedem Augenblicke glaubte er , für tausend dem armen Kinde zugekommene Wohltaten danken zu müssen . Sein ganzes Wesen schien sich in wenigen Tagen verändert zu haben , und die Stigerin nahm mit Freuden den guten Einfluß ihres Hauses auf den etwas verderbten Burschen wahr , den sie nun mit fast mütterlicher Sorgfalt zu umgeben begann . Jos nahm das für einen Ausdruck ihrer Zufriedenheit mit dem Knechte , und dadurch wurde ihm die ungewohnte strenge Feldarbeit bedeutend leichter . Sein Ehrgeiz und der Gedanke , Dorothee dürfe ihn nicht für einen Schwächling halten , gaben seinem schwachen Körper eine Kraft und Ausdauer