liebe Adele , « sagte die Ceres . » Wäre mein Mann nicht , der Fels als Arzt nicht entbehren kann , mein Haus dürfte er schon längst nicht mehr betreten ... Als ich vorigen Winter die Kindermaskerade arrangierte - die doch gewiß reizend ausgefallen ist - da hat er die Einladung für seine Kinder zurückgewiesen ; und was sagte er mir , als ich ihn persönlich um Erlaubnis für seine kleinen Mädchen bat ? Ob es denn mir wirklich Spaß mache , eine Affenkomödie zu sehen - das vergesse ich ihm nie . « Vor Elisabeth tauchte plötzlich das geistreiche Gesicht des Doktors auf , mit dem durchdringenden , sarkastisch lächelnden Blicke und dem übermütigen Zuge des Spottes um die feinen Lippen . Sie mußte innerlich lachen über seine derben Ausfälle ; aber es drängte sich ihr dabei auch der niederschlagende Gedanke auf , wie schwer es doch oft dem Menschen gemacht werde , seinen Ansichten gemäß zu handeln . » Ach , was wollen Sie , Frau Direktor ! « eiferte Flora , eine überaus zarte , schmächtige Erscheinung mit einem schönen , aber todbleichen Gesichte , die sich bis dahin einzig und allein damit beschäftigt hatte , ihr blumengeschmücktes Bild im gegenüberhängenden Spiegel anzulächeln . » Uns hat er ' s nicht besser gemacht ... Meinen Eltern hat er vor zwei Jahren geradezu ins Gesicht gesagt , es sei nicht allein Thorheit , sondern sogar eine Gewissenlosigkeit - denken Sie - mich , bei meiner Konstitution , so früh auf den Ball zu führen ... Papa und Mama waren außer sich - als ob sie als Eltern nicht am besten wissen müßten , was ihren Kindern dienlich ... Nun , es ist nur gut , daß man weiß , was ihn zu dieser Fürsorge bewogen hat . Seine jüngste Schwester war damals noch nicht verheiratet , und solchen ist das Erscheinen des Nachwuchses auf den Bällen nie angenehm . Papa hätte damals dem Doktor sogleich den Abschied gegeben ; allein Mama kann ohne seine Mittel nicht sein ... Nun , man hat zum Glück nicht auf seine Ratschläge gehört , und wie Sie sehen , lebe ich noch ! « Das Schweigen sämtlicher Damen bestätigte Elisabeths Ueberzeugung , daß dieser Triumph ein sehr zweifelhafter sei , und daß dies zarte Wesen mit seiner schmalen , eingesunkenen Brust und der krankhaften Gesichtsfarbe das Nichtbeachten des ärztlichen Rates noch schwer werde büßen müssen . Plötzlich zog eine , die Straße langsam herabrollende Equipage die Damenschar an die Fenster . Elisabeth konnte von ihrem Sitze aus die Straße und mithin auch den Gegenstand der allgemeinen Neugierde übersehen . In dem eleganten Wagen saßen die Baronin Lessen und Fräulein von Walde . Letztere hatte das Gesicht herüber nach dem Hause des Assessors geneigt , und es sah aus , als ob sie gewissenhaft alle Fenster des Erdgeschosses zähle . Die Wangen waren leicht gerötet , bei ihr stets ein Zeichen innerer Erregung . Die Baronin dagegen lehnte nachlässig im Fond ; für sie schienen weder Häuser noch Menschen in der Straße zu sein . » Die Lindhofer Damen , « sagte Ceres . » Aber mein Gott , was soll denn das heißen ? ... Sie ignorieren ja förmlich die Fenster des Doktor Fels ! ... Dort steht die Doktorin ... ha , ha , ha , seht nur das lange Gesicht , das sie macht ; sie hat zu grüßen versucht ; aber die Damen haben leider am Hinterkopfe keine Augen ! « Elisabeth sah nach dem gegenüberliegenden Hause . Dort stand eine sehr hübsche Frau , ein reizendes Blondköpfchen auf dem Arme , am Fenster . Es lag allerdings einiges Befremden in den schönen blauen Augen , die dem Wagen folgten ; aber lang war das blühende Oval ihres Gesichts durchaus nicht geworden . Durch eine Bewegung des Kindes veranlaßt , das seine Händchen nach den seltsam geschmückten Damenköpfchen im Assessorhause streckte , sah sie herüber und nickte schelmisch lächelnd den Damen zu , die den freundlichen Gruß mittels Kußhänden und allerhand zärtlichen Pantomimen erwiderten . » Sonderbar , « sagte die Assessorin . » Was nur die beiden Damen haben mochten , daß sie ohne Gruß nach da drüben vorübergefahren sind ! Bis jetzt haben sie noch nie die Straße passiert , ohne daß der Wagen gehalten hätte . Die Doktorin stand dann halbe Stunden lang am Wagenschlage , und Fräulein von Walde schien sich sehr in der Unterhaltung mit ihr zu gefallen ... die Baronin machte freilich manchmal ein saures Gesicht ... Wirklich merkwürdig ; nun , die Zukunft wird ja zeigen , was dahinter steckt . « » Herr von Hollfeld muß wohl in Odenberg geblieben sein . Er war heute morgen mit den Damen , als der Wagen bei uns vorüberfuhr , « sagte Diana . » Wie wird Fräulein von Walde die Trennung ertragen ? « meinte Flora spöttisch lächelnd . » Steht es denn so mit den beiden ? « fragte die Assessorin . » Nun , wenn du das noch nicht weißt , Kind ! « rief Ceres . » Wie er denkt und fühlt , darüber suchen wir freilich noch Aufklärung , daß sie ihn aber leidenschaftlich liebt , steht außer allem Zweifel . Es ist übrigens fast mit Gewißheit anzunehmen , daß diese Neigung einseitig ist ; denn , ich bitte euch , wie ist es möglich , daß ein so entsetzlich verkrüppeltes Wesen Liebe einzuflößen vermag ! ... Und nun gar einem so eiskalten Menschen wie Hollfeld , der an den größten Schönheiten ungerührt vorübergeht ! « » Ja , das ist wahr , « bemerkte Venus mit einem Blicke nach dem Spiegel , den aber Flora , trotz ihrer Magerkeit , anmaßenderweise vollständig in Beschlag genommen hatte . » Aber Fräulein von Walde ist enorm reich . « » Nun , den Reichtum kann er billiger haben , « sagte Flora überlegen . » Er ist ja doch der mutmaßliche Erbe der beiden Geschwister . « » Der