vermochte bei diesem Vorschlage des Barons , der ihren Neigungen und Hoffnungen gleichmäßig widersprach , vollends keine Freude zu empfinden . Die gräflich Berka ' sche Familie gehörte zu jenen alten guten Adelsgeschlechtern , welche das Leben im eigenen Hause und auf eigenem Grund und Boden als die einem Edelmanne am meisten zuständige Lebensweise erachteten . Nur einmal und nur für eine kurze Zeit hatte Angelika in der Stadt verweilt , als eine Krankheit der Mutter die Berathung eines dortigen berühmten Arztes nothwendig gemacht hatte . In der Residenz war sie niemals gewesen , und an ein ruhiges Dasein , an eine einförmige Folge der Tage gewöhnt , reizte das Neue sie weniger , als das Fremde sie beunruhigte . Alle die idyllischen Hoffnungen , welche sie für ihre nächste Zukunft gehegt , sanken vor dem neuen Plane ihres Gatten in Nichts zusammen , und rasche Uebergänge aus einem Gedanken- und Vorstellungskreise in den andern zu machen , war ihr nicht gegeben . Ihre Mienen verriethen daher nichts weniger als Freude bei der Eröffnung des Barons , und als er ihr im Besondern die Frage vorlegte , ob er ihrer Neigung mit seiner Absicht begegnet sei , verneinte sie es mit der Bemerkung , es schmerze sie , daß ihr auf diese Weise das erste ruhige Beisammensein mit ihm verkümmert und ihr die Gelegenheit genommen werde , sich ihm in der neuen Heimath als Hausfrau angenehm und lieb zu machen . Er suchte ihr das auszureden , er bemühte sich , ihr begreiflich zu machen , daß sie in gewissem Betrachte in der Residenz weit mehr auf einander angewiesen sein würden , als in Richten , wo Familienbesuche sie vielfach beansprucht und ihnen die Zeit einsamen Verkehrs beschränkt haben würden , und sie ließ das endlich gelten . Aber der Baron hatte bei diesen Auseinandersetzungen zum ersten Male Gelegenheit , sich zu überzeugen , daß seine Frau zwar ihre liebsten Hoffnungen freundlich seinen Wünschen unterzuordnen wußte , daß es jedoch nicht leicht sei , sie ihren Sinn ändern zu machen oder ihr fremde Gedanken unterzuschieben . Man speiste lange , man tanzte nachher . Die Braut fand allmählig ihre Heiterkeit wieder , sie war lieblicher und anmuthiger , als je zuvor , und der Baron sah schön aus in der freudigen Erregung , die ihn durchglühte . Die Töne der Gavotte und der Quadrille à la Reine erklangen noch immer , nachdem er schon lange seine junge Gattin in den stilleren Theil des Schlosses entführt hatte , in welchem die Zimmer für die Neuvermählten eingerichtet worden waren . Ihre Abreise sollte am nächsten Mittage vor sich gehen . Nach der Gewohnheit des Hauses frühstückten die Gäste auf ihren Zimmern . In dem Wohngemache der gräflichen Hausherrin war das neue Ehepaar mit den Eltern und dem Grafen Gerhard , dem jüngsten Bruder der Braut , beisammen ; der ältere Bruder und Majoratserbe befand sich bei einer Gesandtschaft außer Landes . Man wünschte , sich der scheidenden Tochter noch einmal in Ruhe zu erfreuen . Der Graf sah es mit Vergnügen , wie zärtlich sein Schwiegersohn der jungen Frau begegnete , wie er vor Entzücken aufflammte , wenn sein Auge sich auf die schöne Gattin richtete . Die eigene Erinnerung wurde ihm dabei lebendig , er war dadurch mit der Gräfin auch liebevoll und zärtlich , und er verargte es derselben ganz entschieden , daß ihre Blicke so ängstlich und so fragend auf die Tochter geheftet blieben . Er verargte es der Tochter , daß sie so schweigend da saß , daß sie die liebevolle Zuvorkommenheit ihres Mannes nicht wärmer aufnahm , sie nicht ein einziges Mal erwiderte . Sie ist nicht wie ihre Mutter ! dachte der Graf , und in seinem Innern sagte er ihr jene völlige Herrschaft über den Baron voraus , welche kalte Frauen über warmherzige Männer stets gewinnen . Aber er hatte Angelika nicht für so kalt gehalten , er hatte erwartet , sie am ersten Tage ihrer Ehe eben so heiter und zärtlich zu finden , als der Baron sich bezeigte . Je näher der Augenblick der Trennung kam , je weniger verbarg sich die Schwermuth der beiden Frauen . Keine von ihnen sprach sich über ihre Empfindungen aus ; indeß die Mutter hatte von jeher so klar in dem Herzen der Tochter gelesen , daß sie wußte , der trübe Ernst in dem Auge derselben , die festgeschlossenen Lippen müßten noch etwas Anderes zu verbergen haben , als den Schmerz des Scheidens von dem Vaterhause , den einzugestehen Kindespflicht und Dankbarkeit ihr fast geboten . Angelika aber bedurfte des Wortes von dem Munde ihrer Mutter nicht , um sich von ihr verstanden zu fühlen . Was geschehen sei , vermochte die Gräfin nicht zu enträthseln ; nur das stand für sie fest , ihre Tochter sah anders aus , wenn Glück und Zuversicht aus ihren Mienen lächelten . Endlich schlug die zur Abreise angesetzte Stunde . Mitten aus dem Kreise der nächsten Familie und der männlichen Gäste , welche der Tochter des Hauses bis hinab auf die Rampe das Geleite gaben , hob der Baron seine Frau in den Wagen . Noch ein letzter Blick von dem Auge der Mutter , noch ein Zuruf von Vater und Bruder , noch Grüße und Grüße von der alten , treuen Dienerschaft , noch ein Peitschenknall durch die frische Luft , ein kräftiger Ansatz der vier feurigen Rosse , und das Vaterhaus war verlassen für immer . Die Baronin von Arten hatte fortan auf eigenen Wegen zu gehen , Angelika hatte sich eine Heimath in dem Hause und in dem Herzen ihres Mannes zu errichten . Aber still und traurig , wie sie den ganzen Morgen hindurch gewesen war , saß sie in dem Reisewagen an der Seite ihres Gatten , und all seine Zärtlichkeit , all seine Betheuerungen , daß er für sie leben , daß er sein Glück darin suchen wolle , sie glücklich zu machen , waren nicht im Stande , die Schwermuth von ihrer