lagerten schon graue Abendschatten und weißliche Nebel zogen in den engeren Schluchten . Die Tannen , die zu den Füßen der Wanderer ihre grünen Häupter emporhoben , standen starr und still wie eine vor Erwartung athemlose Menge . Berger blickte , auf seinen Stab gestützt , in die Abendsonnengluth hinein , von der in jedem Moment eine Farbe verschwand und eine andere verblaßte . Oswalds Auge hing an seinen Mienen , die sich - war es die Wirkung des geisterhaften Lichts , war es nur der Ausdruck eines inneren Vorganges - mit jedem Augenblick mehr zu vergeistigen schienen . Plötzlich ließ Berger seinen Stab fallen , breitete die erhobenen Hände wie zum Gebet aus und sprach : Mutter Nacht , urewige , urgewaltige , aus deren Schooß sich die Creatur in ihrem wilden Lebensdrange losreißt , um nach langer Irrfahrt reuig und demüthig für immer an Deinen treuen mütterlichen Busen zurückzusinken , sei mir gegrüßt auch in Deinem schwachen irdischen Abbild ! Du abgrundtiefer Born der Vergessenheit , Du süße Wiege ungestörter Ruhe , wie sehne ich mich doch so nach Dir von ganzem Herzen ! O nimm sie von mir , diese öde Qual des Lebens ; erspare mir den täglichen Kummer , diese müden Augen zu einem Lichte aufzuschlagen , das ihnen so verhaßt ist ; nimm diesen Erdenrest , der befleckend auf mir haftet und der in demselben Maße , daß er sich verringert , nur um so peinlicher wird ! Laß ihn , o laß ihn bald verzehrt sein ! Ich weiß es wohl , ich könnte zu Dir kommen , wenn ich noch einen Schritt thäte auf diesem Felsenrande , aber ob auch mein Gebein im Sturz zerschmetterte , doch würde die Seele keine Ruhe finden , denn sie hatte in dem Kelch des Lebens noch einige Tropfen , vielleicht , wer weiß es ? die bittersten von allen gelassen . Nein , nein ! weiche von mir , Teufel , der Du mich in den Abgrund lockst . Der Abgrund ist nicht der Tod , sondern das Leben mit aller seiner Herrlichkeit . Ich kenne das alte Stück ; du hast es auch ihm gespielt , dem Sohne des Zimmermanns von Nazareth ! Aber er wies Deine Lockungen von sich - Ehre , Macht und Weibergunst , um zu dürsten , zu hungern und nicht zu haben , wohin er sein Haupt lege , um in der Nacht auf dem Oelberge mit kalten Schweißtropfen den letzten Erdenrest von sich abzuwaschen und , im Leben schon verklärt und heilig , zu Golgatha am Kreuz den Tod des Schächers zu sterben ! O , daß ich hinausziehen könnte in die Lande und predigen das Wort , das heilige Wort , das uns erlös ' t für nun und immerdar , das Wort , das uns wieder zurückbringt zur guten , lieben , milden Mutter Nacht , die wir verließen , um in der Sonnengluth des Lebens mit lechzender Zunge und pochenden Schläfen Höllenqualen zu erdulden ! das Wort , das heilige , unaussprechliche Wort , das zu eitel Spott und Hohn geworden in dem freveln Mummenschanz , mit welchem sie ihrem Gott zu dienen wähnen . Vergieb ihnen , Mutter , denn sie wissen nicht , was sie thun ; sie würden ja gern zu Dir kommen , wenn sie Ohren hätten , Deine sanfte Stimme zu hören , und Augen , Deine milde Schönheit zu sehen . Ich sehe Dein heiliges Antlitz ; es lächelt mir Trost und Hoffnung zu ; ich höre Deine Stimme , sie flüstert : warte , warte nur noch eine kurze Zeit , und Du sinkst zurück zur ewigen Ruh in meinen treuen Arm ! Der rosige Schimmer war von dem Himmel verschwunden , graue Dämmerung breitete sich in den Thälern ; in den Wipfeln der Tannen begann der Abendwind zu flüstern und zu raunen . Ein Schauer packte Oswald . Ihm war , als ob die mystische Nacht , an die Berger sein Gebet gerichtet , ihn schon mit ihrem Grabeshauch anwehte , als ob die Sonne versunken sei , um niemals wieder aufzugehen . Aber dieser Schauer war nicht ohne ein seltsames Gefühl der Lust . Der narkotische Duft der Todesgedanken , den ihm Bergers ekstatische Worte zutrugen , drang ihm , mit dem Duft der Haidekräuter und der Tannen , bis in ' s Herz . Er dachte an Helene und Melitta , aber nicht mit der qualvollen Unruhe von heute Morgen , sondern in stiller Wehmuth , wie man an geliebte Todte denkt ; er dachte an die Verwirrungen und Irrungen des bunten Dramas seiner Grenwitzer Tage , aber es kam ihm vor wie ein Schattenspiel an der Wand ; er dachte an die Zukunft , aber sie hatte keinen Reiz mehr für ihn , sie flößte ihm weder Furcht noch Hoffnung ein - es war , als ob sein ganzes Wesen sich in sich selbst zurückziehe , als ob die Andern weder so viel Liebe noch so viel Haß verdienten . So saß er , den Kopf in die Hand gestützt , auf einem Felsblock und schaute in den Abend hinein , der seine dunklen Schwingen immer breiter über den Himmel spannte . Eine Hand legte sich auf seine Schulter . Komm ! sagte Berger , laß uns zu den Todten zurückkehren . Sie stiegen von dem Gipfel herunter und tauchten in die feuchte Waldesnacht . Berger schien jeden Pfad und jeden Stein im Gebirge zu kennen . Er schritt , sich von Zeit zu Zeit auf seinen Knotenstock stützend , mit einer Rüstigkeit voran die Oswald , ein so guter Fußgänger er war , das Folgen schwer machte . So waren sie an eine Wiese mitten im Herzen des Waldes gekommen . Als sie am Saume des Holzes hinschritten , blinkte plötzlich von der andern Seite ein Lichtschein herüber . Er kam von der Flamme eines Reisighaufens , der eben angezündet wurde . In dem hellen Kreis um die Flamme bewegten sich zwei Gestalten