» Wie die Unschuld ! « ergänzte Uriel . » Denn , « fuhr Regina ungestört fort , haben diese Frauen wirklich Kopf und Herz , wie Sie behaupten , Florentin , so haben sie beides doch nicht auf dem rechten Fleck , und das ist immer die Folge der Betörung durch Leidenschaften . « » George Sand nicht Kopf und Herz auf dem rechten Fleck ! « rief Florentin achselzuckend . » Um Namen kümmere ich mich nicht , « entgegnete Regina ; » sie heiße A oder Z ! Aber ich kann nicht glauben , daß eine Frau von Kopf und Herz , ohne Verblendung durch Leidenschaften , freiwillig die himmlische Sphäre der Offenbarung verlasse , um sich ich weiß nicht in welcher Niedrigkeit zu ergehen . Nein in Ewigkeit glaub ' ich das nicht . « » Die Sache der Menschheit nennen Sie niedrig ! « brach Florentin aus . » Niedrig nenne ich , was sich von Gott abgelöst hat , und das tut die Selbstvergötterung . « » Aber Regina ! « rief Orest mit grenzenloser Verwunderung in Blick und Ton ; » woher weißt Du das alles ? Wo hast Du das alles gelesen ? « » Das kann ich Dir so genau nicht angeben , lieber Orest ; aber in allen Büchern über das innere Leben wirst Du die Fülle finden von dem , was ich nur so ganz unvollkommen sage , « erwiderte sie bescheiden . » Eines ist gewiß ! « sagte die Baronin , » die religiöse Bildung wird hauptsächlich von den Frauen in ihrem Verhältnis als Gattinnen und Mütter getragen und gefördert . Gelänge es , aus ihnen Atheisten zu machen , so stände es schlimm um das Menschengeschlecht . « » Du vergißt , liebe Tante , « wendete Uriel spöttisch ein , » daß Georg Forster uns belehrt hat , unsere religiösen Ansichten hätten durchaus nichts zu schaffen mit unserem Leben , und der Adel der Seele beginne erst da , wo der Glaube an Gott aufhöre . « » Das ist aber falsch , « entgegnete sie . » Der Unglaube verwirft Gott und folglich auch die göttlichen Gebote , welche unserem Wesen und Leben die Richtung geben . Sind diese aufgehoben , so gibt es keine Schranken für die bösen Neigungen des Menschen , außer etwa die seines Willens . Aber in der Stunde der Versuchung und im Getöse der Leidenschaft wird es sich zeigen , daß sich der Wille , der sich von Gott abkehrte , auch vom Guten hinweg wendete . « » Ist ganz klar ! « rief Orest . » Wenn ich nicht glaube , daß die Antastung fremden Eigentums Diebstahl sei : so nehme ich ganz getrost Anderen das , was ich brauche oder wünsche , und nicht habe ; mit anderen Worten - ich stehle . « » Ich weiß wohl , « entgegnete Florentin , » daß die Menschheit der Gegenwart , noch befangen in allen Vorurteilen , sich teilweise durchaus nicht zu jenem Standpunkte erschwingen kann , den sie in der Zukunft einnehmen wird . Dazu muß sie herangebildet werden ; und zwar in der Weise , daß sie von der Wiege an eine vernunftmäßige Erziehung erhält , nämlich eine solche , aus welcher jede Spur des Aberglaubens , den die Priesterherrschaft ihr seit achtzehn Jahrhunderten einimpft , radikal verschwindet . Das wird nicht schwer sein , sobald man das Licht der wahren Wissenschaft aufleuchten läßt . Sie gibt ein rationelles Wissen von der Welt , das auf Erfahrung und auf Wahrnehmung durch die fünf Sinne begründet ist . Das sind die fünf Tempeltore der ächten Weisheit , der Humanität . Kommt diese durch die Erziehung im Menschen zur Herrschaft , so erkennt er seine Bestimmung : die Förderung der allgemeinen Glückseligkeit - und sein Ziel : den Genuß dieser Glückseligkeit ; aber keineswegs in einem nebulosen Jenseits , sondern auf dieser sichtbaren und einzig wirklichen Erdenwelt . Dann wird es sehr leicht sein , die vorhin erwähnten neuen sozialen Institutionen einzuführen , die mir jetzt freilich den Vorwurf zugezogen haben , daß ich im Rausch spräche . Die vom Aberglauben erlöste Menschheit wird sie mit aller Macht herbei sehnen und führen , weil sie die höchst unsittlichen Schranken heben , welche um die edelsten Kräfte , um das Freiheitsbedürfnis in unserem Willen , in unserer Liebe , gezogen sind ; Schranken , welche das , was man jetzt Sünde nennt , zur Sünde stempeln , folglich die Menschen geflissentlich zu Sündern machen , damit die Priester absolvieren können . Fallen die Schranken , so gibt es keine Sünde mehr , denn es kann dann nicht mehr gepredigt werden : rechts von der Schranke steht die Tugend und links das Laster , und wenn dennoch so gepredigt würde , so lacht der wissende Mensch über solche Torheit oder knirscht die Zähne über solche Heuchelei . Bevor aber nicht die Erziehung der sämtlichen Jugend von der Geburt an , und die Verwaltung des sämtlichen Privateigentums in den Händen des auf neuer sozialer Basis ruhenden Staates ist , kann die Menschheit nicht in allen ihren Gliedern aus einer elend gläubigen eine glückselig wissende werden . Die Reaktion behauptet ihre Verschanzungen in der Familie und im Privatbesitz , in diesen Bollwerken der alten Finsternis im Kampfe gegen das neue Licht . Daher zittert der wissende Mensch jetzt vor Verlangen nach einer Revolution , die tabula rasa mache mit dem Christentume , mit der falschen Religion des Kreuzes , damit endlich , endlich ! das Reich der Wahrheit und des ersehnten Glückes für alle auf Erden anbreche . « Als Florentin endlich in diesem Erguß seiner Begeisterung eine Pause machte und die ganze Gesellschaft vor Verwunderung über den neuen Propheten verstummte , stand Regina auf , ging zum Flügel , winkte Hyacinth herbei , machte ein brillantes Vorspiel , eine wahre Schlacht von brausenden widerstrebenden Akkorden , deren Dissonanzen spät sich lösten ; dann fielen Sturm und Wellen auf diesem Meer