ein Kruzifix oder ein wächserner Engel und dergleichen mehr . Im tiefsten Hintergrunde aber saß jederzeit eine bejahrte , dicke Frau in altertümlicher Tracht in einem trüben Helldunkel , während ein noch älteres , spitziges , eisgraues Männchen mit Hilfe einiger Untergebenen in der Halle herumhantierte und eine zahlreiche Menge Leute abfertigte , welche fortwährend ab und zu ging . Die Seele des Geschäftes war aber die Frau , und von ihr aus gingen alle Befehle und Anordnungen , ungeachtet sie sich nie von ihrem Platze bewegte und man sie noch weniger je auf einer Straße gesehen hatte . Sie trug immer bloße Arme und hatte schneeweiße Hemdsärmel , auf eine künstliche Weise gefältelt , wie man es sonst nirgends mehr sah und es vielleicht vor hundert Jahren schon so getragen wurde . Es war die originellste Frau von der Welt , welche schon vor dreißig Jahren mit ihrem Manne blutarm und unwissend in die Stadt gezogen , um da ihr Brot zu suchen . Nachdem sie mit Tagelohn und saurer Arbeit eine Reihe von mühseligen Jahren durchgekämpft hatte , gelang es ihr , einen kleinen Trödelkram zu errichten , und erwarb sich mit der Zeit durch Glück und Gewandtheit in ihren Unternehmungen einen behaglichen Wohlstand , welchen sie auf die eigentümlichste Weise beherrschte . Sie konnte nur gebrochen Gedrucktes lesen , hingegen weder schreiben noch in arabischen Zahlen rechnen , welche letzteren es ihr nie zu kennen gelang ; sondern ihre ganze Rechnenkunst bestand in einer römischen Eins , einer Fünf , einer Zehn und einer Hundert . Wie sie diese vier Ziffern in ihrer frühen Jugend , in einer entlegenen und vergessenen Landesgegend , überkommen hatte , überliefert durch einen jahrtausendalten Gebrauch , so handhabte sie dieselben mit einer merkwürdigen Gewandtheit . Sie führte kein Buch und besaß nichts Geschriebenes , war aber jeden Augenblick imstande , ihren ganzen Verkehr , der sich oft auf mehrere Tausende in lauter kleinen Posten belief , zu übersehen , indem sie mit großer Schnelligkeit das Tischblatt mittelst einer Kreide , deren sie immer einige Endchen in der Tasche führte , mit mächtigen Säulen jener vier Ziffern bedeckte . Hatte sie aus ihrem Gedächtnisse alle Summen solchergestalt aufgesetzt , so erreichte sie ihren Zweck einfach dadurch , daß sie mit dem nassen Finger eine Reihe um die andere ebenso flink wieder auslöschte , als sie dieselben aufgesetzt hatte , und dabei zählend die Resultate zur Seite aufzeichnete . So entstanden neue kleinere Zahlengruppen , deren Bedeutung und Benennung niemand kannte als sie , da es immer nur die gleichen vier nackten Ziffern waren und für andere aussahen wie eine altheidnische Zauberschrift . Dazu kam noch , daß es ihr nie gelingen wollte , mit Bleistift oder Feder oder auch nur mit einem Griffel auf einer Schiefertafel das gleiche Verfahren vorzunehmen , indem sie nicht nur räumlich einer ganzen Tischplatte bedurfte , sondern auch nur mittelst der weichen Kreide ihre markigen Zeichen zu bilden imstande war . Sie beklagte oft , daß sie sich gar nichts Fixiertes aufbewahren könne , war aber gerade dadurch zu ihrem außerordentlichen Gedächtnisse gelangt , aus welchem jene wimmelnden Zahlenmassen plötzlich gestalt- und lebenvoll erschienen , um ebenso rasch wieder zu verschwinden . Das Verhältnis zwischen Einnahme und Ausgabe machte ihr nicht viel zu schaffen ; sie bestritt alle häuslichen Bedürfnisse und sonstige Ausgaben vorweg aus dem gleichen Seckel , welcher auch den Geschäftsverkehr begründete , und wenn eine überflüssige Summe Geldes beieinander war , so wechselte sie dieses sogleich in Gold um und verwahrte dasselbe in ihrer Schatztruhe , wo es für immer liegenblieb , wenn nicht ein Teil davon für eine besondere Unternehmung oder für ein ausnahmsweises Darlehen herausgenommen wurde , da sie sonst auf Zinsen kein Geld auslieh . Sie hatte besonders mit Landleuten von allen Seiten her Verkehr , welche sich ihre gerätschaftlichen Bedürfnisse bei ihr holten , und gab ihre Waren jedermann auf Borg , gewann oft viel dabei und verlor auch oft . So kam es , daß eine Menge von Leuten von ihr abhängig waren oder in einem verbindlichen oder feindlichen Verhältnisse zu ihr standen und daß sie beständig von Nachsichtsuchenden oder Bezahlenden umlagert war , welche ihr , zur Beherzigung oder als Dank , die mannigfaltigsten Gaben darbrachten , nicht anders als einem alten Landpfleger oder einer reichen Äbtissin . Feld- und Baumfrüchte jeder Art , Milch , Honig , Trauben , Schinken und Würste wurden ihr in gewichtigen Körben zugetragen , und diese reichlichen Vorräte bildeten die Grundlage zu einem stattlichen Wohlleben , welches alsobald begann , wenn das geräuschvolle Gewölbe geschlossen war und in der noch seltsameren Wohnstube das häusliche Abendleben zur Geltung kam . Dort hatte Frau Margret diejenigen Gegenstände zusammengehäuft und als Zierat angebracht , welche ihr in ihrem Handel und Wandel am besten gefallen hatten , und sie nahm keinen Anstand , etwas für sich aufzubewahren , wenn es ihr Interesse erweckte . An den Wänden hingen alte Heiligenbilder auf Goldgrund und in den Fenstern gemalte Scheiben , und allen diesen Dingen schrieb sie irgendeine merkwürdige Geschichte oder sogar geheime Kräfte zu , was ihr dieselben heilig und unveräußerlich machte , sosehr auch Kenner sich manchmal bemühten , die wirklich wertvollen Denkmäler ihrer Unwissenheit zu entreißen . In einer Truhe von Ebenholz bewahrte sie goldene Schaumünzen , Ketten , Becher , silberne Filigranarbeiten und andere köstliche Spielereien , für welche sie eine große Vorliebe trug und dieselben nur wieder veräußerte , wenn ein besonderer Gewinn sich damit verband , was öfters der Fall war . Endlich war auf einem Wandgestelle eine beträchtliche Zahl unförmlicher alter Bücher aufgespeichert , welche sie mit großem Eifer zusammenzusuchen pflegte . Es waren verschiedene Bibeln , alte Kosmographien mit zahllosen Holzschnitten , fabelgespickte Reisebeschreibungen , vorzüglich nordische , indische und griechische Mythologien aus dem vorigen Jahrhundert mit großen zusammengefalteten Kupferstichen , welche vielfach zerknittert und zerrissen waren ; sie nannte diese naiv geschriebenen Werke schlechtweg Heiden- oder auch Götzenbücher . Ferner hielt sie eine reiche Sammlung solcher Volksschriften , welche