gleichfalls bekannten öffentlichen Charakter , der schon seit Jahren viel Wunderliches von sich reden machte . Als Dankmar die Treppe hinaufgestiegen war und die Thür , hinter der er sprechen hörte , geöffnet hatte , blendete ihn anfangs der entgegenstrahlende Lichtschimmer , sodaß er erst fast nichts von Dem sah , was er hier antreffen sollte . Auf seinen Gruß antworteten ihm mehre Stimmen zugleich mit einem theilweise überraschten : Guten Abend ! Um ein Uhr des Nachts hatten im Saale des Heidekrugs aber nur noch drei Männer beisammengesessen , die eingehüllt vom feinsten wohlriechendsten Cigarrendampf den Morgen mit wachen Augen begrüßen zu wollen schienen . Den Heidekrüger und den Justizrath glaubte Dankmar sogleich zu erkennen . Es war aber noch ein Dritter anwesend , der entfernt von diesen Beiden mit einer blauen Blouse bekleidet in einem düstern Winkel saß . Sechstes Capitel Die blaue Blouse Das ziemlich geräumige , aber etwas niedrige Gastzimmer des Heidekrugs war von vier Wachslichtern , die auf dem länglich durch die Mitte gehenden Tische dicht zusammengerückt standen , heller erleuchtet , als solche Räume es sonst zu sein pflegen . Die vier Kerzen standen so , daß sie zu gleicher Zeit im Spiegel sich verdoppelten . Zwischen der zweiten und dritten Kerze stand ein silbernes Gefäß , das der Kundige auf den ersten Blick als einen Champagnerkühler erkannt hätte , wenn nicht auch der daraus hervorragende Hals einer Flasche mit gerolltem Blei umlegt gewesen wäre . An der Seite des silbernen Gefäßes stand einer jener gelbirdenen Töpfe , in welchen die strasburger Gänseleberpasteten versandt werden . Eine Blechbüchse schien eine andere Näscherei zu enthalten , die jedoch mit dem großen Laib groben Brotes , der auf einem Teller daneben lag , in sonderbarem Widerspruche stand . Einige Büchschen mit Etiketten - in der Form erkannte sie Dankmar als englische - schienen pikante indische Saucen zu enthalten . Alle diese Herrlichkeiten standen vor einem mit großer Behaglichkeit gesticulirenden und eben einen silbernen Becher mit Champagner an die Lippen setzenden Herrn . Seiner Gourmandise nach hätte man vermuthen sollen , er wäre rund genährt und böte ein behagliches Embonpoint . Im Gegentheil aber sah Justizrath Franz Schlurck sehr mager und dürr aus . Die Züge des klugen und überaus verschmitzten Antlitzes konnten nicht trockener sein . Im Munde war auch nicht ein ganzer Zahn mehr übrig , wie man deutlich sah , wenn der von Weinlaune erregte Mann dann und wann einen Zug aus seiner sehr kostbaren Cigarrenspitze zwischen den behutsam aufgesperrten schlaffen Lippen von sich blies . Den Ausdruck der Augen zu erkennen , war schwer ; denn eine goldene Brille verdeckte sie . Das dünne graue Haar saß so spärlich auf dem wohlgebauten und gefällig geschweiften Schädel , daß man ordentlich erblickte , mit welcher Sorgfalt die einzelnen Haare langgezogen und vom Hinterkopfe her über die Glatze herübergekämmt waren . Ein feiner blauer Frack mit gelben Knöpfen , ein weißes Halstuch und eine weiße Piqueweste gaben der Toilette etwas ebenso Gewähltes , wie die mit großen und kleinen Ringen gezierte Hand Pflege und ein Bewußtsein der Zierlichkeit derselben verrieth . Neben diesem Sybariten an der Ecke des Tisches saß der Wirth , eine starke , stattliche Gestalt von gewaltigem Knochenbau und einem sichern festen Auge . Das Wesen dieses Mannes war kein gewöhnliches . Die Kleidung ging über den ländlichen Schnitt hinaus , die Haltung war des Welttones nicht unkundig . Man glaubte eher den Bürgermeister einer Landstadt als einen hier in der Einsamkeit des Waldes Wirthschaft treibenden Ökonomen vor sich zu haben . Eine lebhafte Auseinandersetzung schien ihn zu beschäftigen ; nicht nur der Champagner , von dem er aus einem großen Wasserglase trank , hatte ihn geröthet , vielleicht auch das Feuer einer Ansicht , die er in dem Augenblicke , als Dankmar eintrat , sehr lebhaft vertheidigte . Als Dankmar einen Guten Abend ! gesagt hatte , stand der Heidekrüger auf und lüftete ein kleines Sammetkäppchen , das mehr zur Zierrath als aus Rücksicht auf seinen starken Haarwuchs den Scheitel bedeckte . Sie werden sich wundern , sagte Dankmar , noch so spät Besuch zu bekommen . Ich will nur eine Kleinigkeit zu Nacht nehmen , eine kurze Bettruhe halten und morgen in der Frühe mit meinem Einspänner weitermachen . Haben Sie sich bestellt , was Sie wünschen ? fragte der Heidekrüger mit einem gewissen Gentlemanton , als wollte er sagen , ich bin kein Wirth im gewöhnlichen Sinne des Wortes , sondern verweise Sie auf die Bedienung , die hier ganz eine Privatsache meiner Leute ist . Als Dankmar bejahte und bat , sich nicht stören zu lassen , fuhr der Sprechende , als wäre er gar nicht unterbrochen worden , mit kräftiger Stimme fort : Woran liegt ' s , als an der gänzlichen Unbekanntschaft mit dem Zustande auf dem Lande selbst ? Wir haben ' s erst versehen , daß wir Leute hineinschickten , die am schnellsten mit dem Munde voraus waren . Sie haben die Verwirrung nur noch größer gemacht , vom Hundertsten ins Tausendste gesprochen , Alles sehr schön , aber ohne Kenntniß . Denn warum ? Es waren Doctoren , die ihre Praxis aufgaben .... Wenn sie welche hatten , ließ Schlurck lächelnd einfallen . Auch das , sagte der Heidekrüger . Es waren Schullehrer , Advokaten , aber keine Geschäftsleute . Die werden wir diesmal schicken ; aber auch die Beamten und die Angestellten nicht , die die Regierung geschickt wünscht . Schlurck schien im Grunde nicht geneigt , dies Gespräch fortzusetzen , wenigstens hätte sich sein glatter Weltton erst lieber mit dem neuen Ankömmling vermittelt . Dieser hatte dicht ihm gegenüber Platz genommen und die hier ausgebreiteten Delicatessen mit einem sehr deutlichen ironischen Lächeln gemustert . Diese Kritik setzte den Epikuräer in Verlegenheit und mit einem eigenthümlichen Hinaufziehen der Stirnfalten , das dem Munde und den Schläfen einen nicht unheimlichen , aber sonderbar faunischen Ausdruck gab , wandte er sich an Dankmar mit den Worten : Wenn man überall so gut aufgenommen wäre