, daß , wenn man anders unter Wirklichkeit und Gegenwart das Bewußtsein davon versteht , die Wirklichkeit nicht gegenwärtig und die Gegenwart nicht wirklich ist . Wie die Gegenwart der Punkt ist , in dem Vergangenheit und Zukunft zusammentreffen , und der ewig fließt , so ist die Wirklichkeit der Punkt , in dem sich Erinnerung und Hoffnung berühren . Dieser Punkt ist aber in der That gleich Null . Alle Gefühle , die unsere Seele rührten , alle Empfindungen , die unsern Geist erhoben , beziehen sich entweder auf etwas hinter ihnen oder vor ihnen Liegendes . Und wollte er auch das Gegenwärtige sich zum Bewußtsein bringen , so wäre es doch schon etwas Vergangenes , ehe es in ' s Bewußtsein käme . So reproducirt jeder hüpfende Pulsschlag ein neues Gefühl und jeder belebende Athemzug ist die Quelle einer frischen Empfindung . Aber jedes dieser zitternden , rosigen Kinder des Herzens begeht in seiner Geburt einen Muttermord , um von seinem eigenen Kinde in der nächsten Sekunde erstickt zu werden . « - Es lag eine solche Trostlosigkeit in dem leisen und wehmüthigen Tone , mit dem Landsfeld diese Worte sprach , daß Lydia ihre Thränen nicht zurückhalten konnte . Wie erstaunt und erfreut war sie daher , als plötzlich Landsfelds Blicke zu leuchten begannen , und eine edle Begeisterung auf seinem Gesichte glänzte , als er folgendermaßen schloß : » Aber Eines giebt es , was nicht dem Wechsel erliegt , was weder mit der bloßen Wirklichkeit noch mit der Unwirklichkeit im Widerspruche steht , was man weder in der Vergangenheit , noch in der Zukunft zu suchen braucht : es ist das Bewußtsein dessen , was man will , das Gefühl dessen , was man glaubt , und das Vertrauen zu dem , was man liebt - und die Quelle von diesen dreien : Die Ueberzeugung von der Wahrheit des Guten und Schönen in sich selbst und in denen , die man liebt . « Er stand bei diesen Worten auf , faßte Lydiens Hand und drückte einen warmen , innigen Kuß darauf . Zitternd vor innerer Bewegung hatte sie nicht die Kraft , ihm ihre Hand zu entziehen . Er entfernte sich schnell , als fürchte er bei längerem Bleiben nicht Herr seiner Empfindung zu bleiben . Als Frau von Dornthal wieder eintrat , fiel ihr Lydia weinend um den Hals . » Was ist ' s ? Was fehlt Dir , Lydia ? « - fragte sie erschreckt . » O , Nichts , Nichts , theure Mutter . Aber laß uns bald abreisen . « » Beruhige Dich nur . Morgen gehen wir ganz bestimmt . - Der Baron ist schon fort ? « » Er wollte Dich wohl nicht stören . « - Lydia erröthete über diese erste Unwahrheit gegen ihre Mutter . Denn sie glaubte recht wohl den eigentlichen Grund seines hastigen Abschiedes zu kennen . Siebentes Kapitel Ein feuchter Nordwestwind wehte die ersten gelben Blätter von den Platanen und Linden , welche in zwei Doppel-Reihen jene berühmte Straße Berlins , die vom Opernplatz bis zum Brandenburger Thor sich erstreckt , in eine dreifache Allee verwandeln . Nur wenige Fußgänger ließen sich in der großen Mittelallee erblicken , welche auch sonst meist nur von Spaziergängern und Obstverkäuferinnen betreten zu werden pflegt . Dagegen drängt es sich auf den an beiden Seiten der Häuser hinziehenden Trottoirs von geschäftig Eilenden aller Art , und die Wagen rasselten daneben . Vor einem der Schaufenster der vielen reich ausgestatteten Kunstläden unter den Linden hatten sich trotz des unfreundlichen Wetters eine Anzahl Neugieriger versammelt , die mit emporgerecktem Halse die neuen Kupferstiche bewunderten oder bekrittelten . Unter ihnen stand auch ein Mann mit bleichem , eingefallenem Gesicht , welches von einem niedrigen , breitkrämpigen Hute fast ganz beschattet wurde . Er war tief in einen kurzen schwarzen Mantel eingehüllt und starrte mit ausdruckslosem , kaltem Blick auf eine kleine Landschaft , die ziemlich unscheinbar von den Andern gar nicht bemerkt zu werden schien . » Das muß sie gemalt haben « - murmelte er vor sich hin . - » Ich kenne ihre Manier . Es ist das Haus unter den Kastanienbäumen mit der Aussicht auf die Berge . Kein Zweifel , daß sie es gemalt hat . So ist sie also wirklich wieder in Berlin . Ich muß suchen , ihre Wohnung zu erfahren . « Er sprach die letzten Worte ziemlich laut und wendete sich zum Weitergehen . » Wenn Sie Fräulein von Dornthal meinen , so kann ich Ihnen vielleicht dazu behülflich sein « - redete ihn plötzlich ein elegant gekleideter junger Mann mit höchst geistvollen und charakteristischen Zügen an . - Jener fuhr zurück , als hätte er auf eine Schlange getreten . Seine Hand griff krampfhaft unter die Falten des Mantels und ein Ausdruck unnennbarer sprachloser Wuth malte sich in seinem Gesicht . - Ein Paar Secunden starrte er so in die lächelnden Mienen und das ruhige Auge des Andern , der mit gekreuzten Armen vor ihm stand , um seine Antwort zu erwarten . Eben öffnete er die zitternden Lippen , aber als besänne er sich eines Bessern , hüllte er sich rasch noch tiefer in seinen Mantel und stürzte fort . » Armseliger Thor « - sagte Landsfeld , dem Forteilenden nachblickend , vor sich hin . » Wage es , den Löwen in seinem Lager aufzusuchen . « - Festen Schrittes ging er nach der entgegengesetzten Seite der Straße hinab . Als er das Opernhaus erreicht hatte , blieb er vor dem unter dem Portal ausgehängten Theaterzettel stehen , um zu sehen , was gegeben wurde . » Othello , der Mohr von Venedig . « Indem er diese Worte in halb fragendem , halb sinnendem Tone langsam vor sich hin sprach , klopfte ihn Jemand auf die Schulter . » Guten Abend , lieber Baron . « Es war ein hübscher , mit kleinen schwarzen Augen heiter in die Welt hineinschauender Mann , von ungefähr 40 Jahren