dies Bewußtsein gab ihr wenigstens auf Augenblicke Befriedigung . Die beiden Freundinnen hatten sich am Christmorgen das leuchtende Zeichen ihrer einigen Freundschaft gegeben . Nach dem Schloß hinauf zogen die Kinder der ärmeren Landleute und empfingen dort die Gaben , welche Elisabeth unter den flimmernden Christbäumen für sie ausgebreitet hatte - und zu derselben Stunde zog eine ungleich größere Schaar von Kindern in den ebenfalls glänzend geschmückten Saal des Fabrikgebäudes . Aber dies waren bleiche , schmächtige , dürftig in unreinliche Lumpen gehüllte Kinder , welchen man es ansah , daß ihre kleinen Hände und halbverkrüppelten Glieder schon an schwere Arbeit gewöhnt waren , auf deren Gesichtern man es las , wie oft ihr kleiner Mund mit den blassen Lippen umsonst nach Brod verlangen mußte , wie in diesen trüben , niedergeschlagenen Augen ein Ausdruck thierischen , stummen Duldens lag . Diese kleinen , blassen Kinder hatten einander seltsam angestarrt , wie man sie zu den schimmernden Christbäumen geführt , und ihnen dann die warmen Röckchen und Schuh mit den rothen Aepfeln und klappernden Nüssen gegeben hatte . Sie hatten die Gaben hingenommen ohne Dank und Jubel , beinah ohne Freude - und nur einem groben Instinkt folgend das Obst zum Munde geführt - so sehr ohnmächtig jeder Gefühlsregung hatte sie das tägliche Elend und die stete Arbeit gemacht , Pauline hatte laut weinen müssen , als sie diese unglücklichen Kleinen um sich versammelt sah - aber sie weinte nicht aus stiller Rührung , wie sie sich es wohl ausgemalt hatte , sondern aus tiefem , unendlichem Jammer , bei dem sie meinte , er müsse ihr ganz das weiche Herz durchschneiden . Seitdem waren einige Tage vergangen , die Freundinnen hatten sich noch nicht wiedergesehen . Da sagte sich Elisaheth , daß sie , als die Höhergestellte , den ersten Schritt zu ihrer Wiedervereinigung thun müsse . Sie wußte , daß dies ihre Eltern kränken würde , aber länger , fühlte sie , durfte sie es ihnen nicht ersparen . Aber als sie sich anschickte in die Fabrik zu gehen , sagte sie noch nicht , wohin sie ihre Schritte lenkte . Es war ein Sonntag Nachmittag . In der Fabrik ward gefeiert . Elisabeth hatte deshalb absichtlich diesen Tag gewählt , weil sie da weniger glaubte jenes Getreibe roher und lärmender Arbeiter dort zu finden , welches ihr so lästig war , und für das sie eben so viel Furcht als Abscheu empfand . Sie ging allein durch den Park , an welchen bereits die ersten Fabrikgebäude grenzten . Es war ein kalter , heller Wintertag , denn seit Weihnachten war der Winter in seiner ganzen empfindlichen Strenge gekommen , eine große Menge Schnee war gefallen , und von einer spätern festen Eiskruste überzogen , lag er undurchdringlich über den Fluren . Die Sonne schien hell , aber ihr Strahl vermogte nicht , auch nur einen Thautropfen hervor zu locken . Auf den Tannen im Wald lagen die weißen Flocken wie dichte Federdecken , krächzende Krähen flogen darüber hin , und ihr Geschrei war der einzige Laut , welcher die winterliche Todtenstille störte . Nur Elisabeths Pelzstiefelchen hörte man auf den halb ganz verschneiten Wegen knarren , auf welchen man keine andere Spur eines Trittes gewahrte , als hier und da die kleine eines Eichhörnchens oder eines Hasen . Sie wußte nicht , welchen Weg sie einzuschlagen hatte , als sie aus dem Park getreten war , und nun eine Menge kleiner , unregelmäßiger Wege gewahrte , die bald in diese , bald in jene Hütte , bald in dieses oder jenes Fabrikgebäude sich verliefen . Da kam ein junger Mann aus einer der Hütten . Er trug einen alten kurzen grauen Rock , einen rothen Shwal unter dem weißen herausgeschlagnen groben Hemdkragen um den Hals gewunden , wollne blaue Fausthandschuh , und eine hohe Pelzmütze , aus welcher ein rother Sack mit langer Quaste auf der linken Seite heraushing . Dieser an sich zwar nicht ungewöhnliche , zwar sehr abgetragene , aber doch reinliche Anzug , gab doch dem jungen Mann etwas Abenteuerliches - sein Gesicht aber machte auf Elisabeth einen seltsamen Eindruck , so daß sie ihn eine Weile aufmerksam betrachtete . Er hatte eine auffallende Aehnlichkeit mit Thalheim . Dieselbe lange , schmächtige Gestalt , dieselbe blasse Gesichtsfarbe . Auch das Haar zeigte dieselbe Farbe , nur daß es länger als das Thalheims zu beiden Seiten des Gesichtes lockig herabfiel . Seine Augen waren blau und glänzend . Aber auf diesem Gesicht , das übrigens noch das eines Jünglings von etwa 24 Jahren war , thronte neben dem Zug des Schmerzes , welcher es wie das Thalheims charakterisirte , nicht wie bei diesem jener heilige Friede , sondern eine bittre Unzufriedenheit , ein kecker Ungestüm , welcher Ausdruck jedoch nicht hinderte , daß dieses Gesicht , besonders wenn man es öfter und länger betrachtete , von edlen und liebevollmilden Empfindungen zeugte . An diesen Jüngling wandte sich Elisabeth mit der Frage : » Welcher von diesen Wegen führt zunächst in Herrn Felchners Wohnhaus ? « » Hier rechts , gerade aus , ich gehe jetzt auch dahin , « antwortete der Angeredete mit einer schönen klangreichen Stimme , welche nicht den entferntesten gemeinen Ausdruck hatte , ohne jedoch etwa einen sehr höflichen oder unterwürfigen Ton anzunehmen . Nachdem sie durch verschiedene kleine Straßen und Höfe gekommen waren , langten sie vor der Hausthüre zu Felchners Wohnung an . Der Führer trat zur Seite , und nahm ehrerbietig die Mütze zwischen die Finger - ein Fabrikarbeiter trat aus dem Hause , und sagte , ohne Elisabeth zu grüßen , oder irgend auf sie zu achten : » Willst Du zum alten Herrn , Thalheim ? Da wirst Du jetzt Wenig ausrichten , denn er hat ganz schlechte Laune . « » Ist gleich , « sagte der junge Mann kalt . » Für uns wird er ja doch niemals gute haben . « Elisabeth konnte sich des Ausrufs größter Ueberraschung nicht enthalten : » Sie heißen