saß ich stundenlang auf dem Hünengrabe oder auf den Kieselwällen des Strandes , und dachte mir wie das schön und glücklich sein müßte alle Küsten des vor mir ausgebreiteten Meeres zu kennen , und ob man auf diesen Wanderungen nicht die Inseln der Glückseligkeit entdecken müßte . Und bei Ausmalung dieser Glückseligkeit verfiel ich in Träumereien und vergeudete meine Seele und ihre Kräfte , statt sie mit Gefühlen und Handlungen zu nähren . Das Herz dörrte ich mir förmlich dabei aus , so daß ich mich erschöpft und trostlos fühlte , wie Ixion der die Wolke statt der geliebten Göttin in seine Arme schloß . Ich komme um ! rief ich ganz laut eines Abends als das Gefühl unbestimmter erwartungsvoller Sehnsucht übermächtig in mir rege geworden war . Ich traf meine Anstalten ; ich wollte reisen , wollte mich zerstreuen von dem einsamen Einerlei ; wollte verhüten daß Benvenutas erwachendes Seelchen die Färbung annähme , welche die meine hier empfangen hatte . Heitre bunte Bilder sollten sie umgeben , ein milderes Klima ihr Gedeihen fördern . Ueber Würzburg wollte ich nach der Lombardei , die ich bei meiner ersten italienischen Reise nur im Durchflug gesehen hatte . Acht Tage später reiste ich ab . Ich besuchte meinen Schwiegervater der mich ziemlich trocken empfing und meine Reise noch trockener mißbilligte . Ich könne ja im Sommer in ein Bad gehen , den Winter in Hannover , Frühling und Herbst in Engelau zubringen : das sei eine vernünftige und passende Lebensweise , wie sie sich für eine Frau in meinen Verhältnissen schicke . Er mogte nicht Unrecht haben , aber ich sträubte mich heftigst gegen diese Tretmühle des Hergebrachten , und erklärte in einer so kleinen Stadt wie Hannover nicht leben zu können . Das nahm er grenzenlos übel , nannte mich » mauvaise tête « , und mit großer Kälte trennten wir uns . Um desto wärmer und freundlicher empfing mich der Bischof von Würzburg . Sobald diese geistlichen Herrn das Bewußtsein ihres Berufs und ihrer Stellung haben , schöpfen sie aus demselben so viel Würde und die Umgebung erhöht diese so sehr , daß ihrer Erscheinung eine gewisse Weihe eigenthümlich werden kann , die ganz unabhängig von großen oder überwiegenden Gaben ist . So war mein Onkel . Er war kein philosophischer Kopf , kein brillanter Geist , kein majestätischer Character . Er war ganz Milde und Güte ; - nicht Güte der Schwäche , sondern des Wolwollens . Dieselbe Milde lag im Blick seines guten Auges , in jedem Wort seines Mundes , in jeder Handlung seines Lebens . Seinen Wahlspruch hatte er von St. Augustin gelernt : » In omnibus caritas . « Er that mir wol bis ins Herz hinein . Mein Schwiegervater auch ein Greis , auch mit ehrwürdigem weißen Haar , war so recht ein alter gescheuter Mann , den die Welt charmant und respectabel findet . Freilich war er Beides ! aber mir kam er vor wie jene Leiche des Klosters auf dem St. Bernhard : ganz menschlich wolerhalten in der eisigen Luft ; - während mein Onkel mir den ächten Eindruck des » guten Hirten « machte . Als ich ihm Benvenuta brachte , segnete er sie und mir war zu Sinn als sei das Kind nun erst recht der Obhut Gottes anvertraut . Allabendlich wenn sie ihm zur Gute-Nacht die Hand küßte , berührten seine Finger segnend ihre Stirn , und ich konnte nicht anders als mir etwas Gutes und Frommes dabei vorstellen . » Gedenken Sie Benvenutas in Ihrem Gebet ! « bat ich ihn mit Rührung . Meinen Schwiegervater würde ich nur gebeten haben ihres Vermögens zu gedenken . Uebrigens wäre mein Onkel ein ebenso treuer Haushalter desselben gewesen ; aber eben nur als ein Haushalter , nicht als Eigenthümer betrachtete er jeden irdischen Besitz - und darum hätte er ihn so verwaltet , daß er mit seiner Rechnung vor dem Herrn , dem barmherzigen Gott bestanden wäre - indessen jener den möglichsten Vortheil soweit Pflicht und Ehre es gestatteten , beabsichtigt hätte . Nicht die leiseste Anwandlung von kindlichem Vertrauen fühlte ich bei meinem Schwiegervater , den ich doch seit meiner Wiege kannte - und ein unsägliches überflutete mein Herz meinem Onkel gegenüber , den ich in meinem Leben etwa vierzehn Tage gesehen hatte . - Ich fühlte zuweilen ein Verlangen in Würzburg bei meinem Onkel zu bleiben , zu seiner Kirche überzutreten , Benvenuta in derselben zu erziehen , und wenn sie erzogen und verheirathet sei in einem ernsten edlen Kloster den Schleier zu nehmen . Ich sprach sogar mit meinem Onkel über diese Möglichkeit . Er entgegnete sanft : » Liebe Tochter , Deine unruhige Seele wirft sich an Alles was sie noch nicht kennt , und wendet sich von Allem ab , was sie kennt . Unsre Kirche ist Dir gleichsam eine neue Bekanntschaft , welche Dich durch innere Gediegenheit und äußere Schönheit anzieht . Aber für jezt bist Du nicht ruhig genug um den Kelch des Labsals , welchen sie den wahrhaft Durstenden bietet , mit fester Hand ergreifen zu können . Ein solcher Schritt will mit tiefer Besonnenheit gethan sein ; wo nicht - so ist er kindisch oder sündhaft zu nennen . Unsre Kirche giebt Frieden Denen die ihn aufrichtig suchen ; aber Du , mein Kind .... Du suchst ihn nicht . « » Theurer Onkel ! rief ich heftig bewegt , das erste und das letzte Schmachten jeder Seele , so groß oder klein , so weise oder thöricht sie sei - strebt nach Frieden , und ich allein sollte dies Bestreben nicht haben ? « » Du strebst nicht nach Frieden , erwiderte er mit unerschütterlicher Sanftmuth - sondern nach Befriedigung . « So war ' s. Er las in meinem Herzen . Er fuhr fort : » Wer den Frieden sucht , weiß was er sucht , nämlich das Eine : sich hingeben der Hand Gottes und ihrer Führung , ohne Angst , ohne Hast , mit unerschütterlich demüthiger