. Bei uns sind die Elfen den Familien durch zahllose Bande verknüpft und die Geschichten wachsen mit uns auf . Sie war ganz aufgeregt von ihren Erinnerungen . Aber , schloß sie , Kind ! die Anwendung ist weder nationell , noch katholisch . Gotthard hatte bisher stumm dagesessen , nach einer Weile wandte er sich zu Anna . Es wäre ein Unermeßliches , ein solches Erkennen durch alle Lebensverwandlungen der Zeit hindurch , wenn es gegenseitig wäre und zwei kräftige Naturen vereinte . Und glauben Sie wirklich , ein Mann wäre eines solchen festhaltenden Glaubens fähig ? fragte Anna . Er sah sie durchdringend an . Ja , sagte er endlich , ich glaube es . Beide schwiegen . Aber , meine Herrschaften , wo ist denn die Landschaft geblieben ? rief Leontine , der das Recensiren langweilig war . Sie hatte das Loben in ihrer Familie stets wie eine Art Landplage , Pestilenz oder Heuschreckenschwarm betrachtet und ertragen . Das ist das eine Auge , meinte sie , was zu haben schrecklich , und gar zu verlieren noch schrecklicher wäre . Ach ! seufzte sie höchst drollig , in der Mark sitzt mir ein ganzes Nest Waldaus , die zwitschern alle die nämliche Weise ; drucken lassen sie mich nicht , ich könnte ja in Recensentenhände fallen ! Sie geben mir aber mein Theil Bewunderung rein umsonst . Du bist nicht mit gemeint , Anna ! schloß sie , ihr liebes Gesichtchen an deren Schulter legend und sie so von unten auf ansehend . Weißt du wol noch die Zeit , da wir gar nicht zu singen wagten , um nicht etwa Ausdruck in die Gesangsweise zu legen ; ich spielte damals in Gesellschaft blos Klavier , aus lauter Gefühl meiner Würde und der ihr anklebenden Anstandspflichten . Wildes , irisches Mädchen ! sagte die Lady . Aber die Landschaft , die Landschaft ! fuhr Leontine fort . Sehen Sie , bester Professor , ich gestatte es recht gern , daß man durch Licht , Schatten und allerlei Zufälligkeiten der Landschaft einen sogenannten Charakter aufbürde , man kann sie meinetwegen düster , schaurig oder so lieblich verlockend machen wie den Kuß einer Geliebten ; man mag dabei , wie die Indier lehren , alle fünf Liebespfeile der fünf Sinne losschnellen , aber sie muß am Ende doch immer wieder in den Grundzügen ihrer Eigenthümlichkeiten erkennbar bleiben , die Steine müssen nicht wie Wollenballen , Gletscher nicht wie gefrorne Wasserfälle aussehen , und Granitfelsen nicht wie behauener Sandstein ; sie muß sich in eingeborner alter Treue uns an ' s Herz schmiegen , wie der Laddy an des Mädchens Brust , im Vollgefühl des ihr Heimatlichen , daß wir sie zu erkennen vermögen . O Jerum ! Jerum ! sagte der Professor , so wie der grimme Leu ein fleischfressend Thier ist , also sollen auch wir in einem gottesfürchtigen und christlichen Wandel leben ? Sind mir das Kunsturtheile ! Es war mit der Aufmerksamkeit vorüber , Alle lachten und der Abend schloß auf heitre Weise mit Musik und allerlei Scherzen . Von Poesie und Kunst war nicht weiter die Rede . Das Scheiden und der Tod kommen gleich unvermeidlich , darum sucht man so gern den Gedanken an beide zu bannen . Die Ferien gingen zu Ende ; Otto mußte nach Basel , seine Vorlesungen zu eröffnen . Die letzten Tage waren leidlich vorübergegangen , er hatte viel gearbeitet , chemische Versuche und andere wissenschaftliche Beobachtungen angestellt , auch eine Untersuchung der nächstliegenden Gletscher mit andern Gelehrten unternommen . Anna hatte ihm versprechen müssen , daß er Abschied von ihr nehmen dürfe ; zu ihrer Verwunderung trat er völlig heiter und ruhig in ihr Cabinet . Er brachte eine große Menge getrockneter Alpenpflanzen , die er auf den Gletscherrändern und den höchsten Gebirgen für sie gesammelt , und erklärte ihr wol eine Stunde lang deren eigenthümliche Beschaffenheit . Endlich kam der gefürchtete Augenblick . Er reichte ihr die Hand . Ich danke dir , Anna , für die unsäglich schönen Stunden , die du mir gegeben , sagte er mild ; du hast mir das Leben wieder lieb gemacht , gleichviel um welchen Preis . Eh ' sie ihm zu antworten vermochte , war er ihr entschwunden . Anna war schmerzlich bewegt . War das eine Ueberanstrengung der Kraft ? es sah nicht so aus . Ihre Gedanken jagten einander in peinlicher Hast , sie gedachte Leontinens und Vrenely ' s O , sagte sie wehmüthig , ich werde nie das Leben ertragen lernen ! Also auch in ihm haftet kein Gefühl ! Und doch ist es gut so , ich habe es ja selbst gewollt , gewünscht . Da flog die Thür auf , Vrenely trat ein . Das arme Mädchen war Otto auf der Treppe begegnet , er hatte ihr freundlich und hastig Lebewohl gesagt ; unten hielt bereits sein Reisewagen - er war fort . Seit den letzten Wochen war eine große Veränderung mit Vrenely vorgegangen , sie hatte sich plötzlich in sich selbst kräftig entwickelt , ihre Gedanken waren scharf geordnet , ihr Urtheil war klar geworden ; sie las und lernte in jeder freien Stunde , und gab ihren Unterricht gut und besonnen . Auch jetzt trat sie zwar mit hochgerötheten Wangen und fliegender Brust ein , aber so vernichtet und aufgelöst in Lieb und Leid , wie sie bei jenem Gespräch zwischen Otto und Annen gewesen , war sie jetzt keineswegs . Er ist abgereist ! sagte sie fast tonlos . Schon ? erwiderte Anna . Armes Herz ! sie reichte Vrenely die Hand . O , er wird wiederkommen ! versicherte die Kleine ; es ist nicht anders möglich . Bei den Worten flossen ihr die Thränen aus den Augen . Leontine sah sie traurig an . Ach , Vrenely ! Sie sind viel , viel zu gut . Wenn wir die Männer lieb haben , mishandeln sie uns . Kommen Sie , Kind , wir wollen Musik machen ; lernen