von Deinem großen Spaziergang nach Syrakus , hier sich ausruhen ! Und ein Zufall und ein Philister müssen mich erst darauf bringen , an Dein Grab zu wallfahrten , und Deiner zu denken . Ich kenne Dich , ich kenne Dich ! Schon als Knabe , Du alte , wackere Haut , hat mir Dein Spaziergang nach Syrakus viel Vergnügen gemacht , ich bin mit Dir gewandert und mit Dir eingekehrt , habe die Schuhe mit Dir zerrissen , und Dein Vesperbrot am Wege mit Dir getheilt . Seume , es hat mir gut , sehr gut geschmeckt . Und es hätte nicht viel gefehlt , so wäre ich meinen Eltern davongelaufen , um gleich Dir , wie ein frischer Handwerksbursche , mit Ränzel und Knotenstock , nach Syrakus zu pilgern , und in jeder Kneipe , wo Du übernachtet , das Schenkmädchen zu fragen nach Seume . Du warst ein göttlicher Kerl , am liebsten möchte ich Dich einen Burschen nennen ! Solche Burschen , wie Du , versteht unser heutiges Zeitalter nicht mehr , dazu ist es zu salonsmäßig dumm geworden . Du , ganz das Widerbild eines Salonsmenschen , ich gäbe etwas darum , wenn ich Dich hätte küssen können . O durchaus ein Mensch , wie ich sie liebe . Und was habe ich herzlich gelacht über Deine närrische Liebhaberei an dem langweiligen Theokrit ! Aber es war recht von Dir , daß Du Deiner Laune folgtest ! Guter , guter Bursche , herzlieber Sonderling , spaßhafter Grillenfänger , biedrer Menschenfeind , weichherziger Timon ! O durchaus ein Mensch , wie ich sie liebe . Ein Bursche , ein Student bliebst Du zeitlebens . Ein Kernbursche , ein Weltbursche , der immer den Wanderstab in der Hand hat , von einer Erdenstation auf die andere geworfen wird , nichts als vorübergehendes Wirthshauslabsal und Strohlagerruhe im Leben findet , aber überall etwas sieht und lernt , manchen grünen Zweig sich an die Mütze steckt , und mit starkem Herzen und rüstigem Pilgerschritt immer weiter zieht , ohne Heimath und Ruhe , nur zuweilen mit einer verstohlenen Thräne im Auge . Aber höre , etwas Philister warst Du doch ! Und es ist sonderbar , daß mir gerade der Philister Dein Grab gezeigt hat . Du warst ein Weltbursch mit dem Weltpilgerstab , ich lasse Dir als Mensch große Gerechtigkeit widerfahren . Aber Alles , was Du geschrieben und gedichtet , riecht etwas stark nach dem Bettelsack , den Dir das Schicksal schon früh auf Deine Schulter geladen . Nimm es mir nicht übel , wer kann dafür ? Du warst ein Poet , der seine Begeisterung bei Kartoffeln und einem Heringskopf abfertigte , und Dein Apoll wiegte sich immer erst lange auf olympischen Tabakswolken hin und her , ehe er in der ungeheizten Stube warm werden konnte . Dieser uralte Bettelsack des deutschen Literatenlebens war Dir aber beinahe zu Deiner andern Natur geworden , und Du fühltest Dich glücklich und traulich in ihm . Er war Dir ans Herz gewachsen , Du renommirtest mit ihm , und schmecktest Dir am Ende eine Art spießbürgerliche Romantik heraus . Du hättest ihn zuletzt um keinen Preis mehr vertauschen mögen mit einem ritterlichen Wams . Und was mich am meisten von Dir geärgert , ist Das , was Du über den Aufstand in Warschau von 1794 als Augenzeuge geschrieben ! Du , der Du auf dem Boden in einer alten Tonne versteckt saßest , als die Polen draußen stürmten , wie konntest Du es wagen , die Nationalität dieser Revolution zu beschimpfen , und jene Polen nur als einen zusammengerotteten Haufen von Elenden in Deiner Brochüre zu schildern ? Zwar standest Du in russischen Diensten , aber Du warst doch Seume , der deutsche Mann ! Geh ' , geh ' , laß mich nicht daran denken ! Lieber suche ich Dich nachher in der Göschenschen Druckerei in Grimma auf , wo Du als ehrsamer Corrector aus Wielands und Klopstocks Werken die Druckfehler herausstrichest . Druckfehler konntest Du besser beurtheilen , als Polen . Hier habe ich Dich wieder gern , ich sehe Dich ordentlich sitzen in Deinem Eifer , und wie ein strenger Moralist auf correcten Lebenswandel der schwarzen Lettern dringen . Nur Dich selbst konntest Du nicht corrigiren , und Deine alte Wanderunruhe störte Dich bald wieder auf . Du sagtest : Ade , Herr Göschen ! nahmst den Knotenstock , zogest Dir die Schuhe an , und machtest Dich eines Morgens auf , um nach Syrakus zu gehen . Du wolltest bloß dahin , um einmal an Ort und Stelle Deinen Lieblingsdichter , den Theokrit , zu lesen . Lächerlicher Kerl , um den Theokrit sich die Stiefeln zu zerreißen ! Aber wenn Du nur wandern , wandern , wandern konntest ! Dann war Dir recht ; und Du verstandest es vortrefflich . Dazu drückt Dich Deine große Lebenseinsamkeit nie , Du starkes Beduinenherz ! Schöne Frauen verführen Dich nicht , und Deine Grundsätze erlauben Dir nicht , sie zu verführen . Nur ein Kind sollst Du Dir oft gewünscht haben , das sich in treuer Neigung an Dein vereinzeltes Dasein lehne , und ich habe gehört , daß Du einmal ausgerufen : » Ich möchte wohl von einem gesunden Bauermädchen einen Jungen haben , wenn es nicht wider meine Grundsätze wäre ! « Das nenne ich Grundsätze haben . O Mann von Grundsätzen , Du hast Dir das Leben sauer werden lassen ! Dir muß nachher recht wohl geworden sein in Deiner Gruft , wo jetzt Dein längst verfallener Staub vor mir liegt . Deine Jugend wurde Dir durch Werber gestohlen , die Dich bis nach Amerika in Kriegsdienste schleppten , und wenn Du von den Strapazen des Tages einmal ausruhtest , machtest Du Dir kein anderes Vergnügen , als in Deiner Kasematte Horaz und Virgil zu lesen , und den Theokrit . Immer und immer nur Theokrit ! Seume , ich glaube , der Theokrit hat Dich ruinirt , und aus Deinem Leben diese solide