beglückten Brautpaars , sondern auch die der vornehmsten anwesenden Gäste nie vergessen . Ich las das alles mit einer Wonne , von der ihr Uebersättigten keinen Begriff haben könnt , denn ich war nicht unbeschränkt wie ihr im Gebrauch meiner Zeit . Hatte ich ein solches bändereiches Werk vollendet , so war mir so einsam zu Muthe , als sei ein sehr lieber interessanter , lange da gewesener Besuch wieder abgereist . Ich freute mich die ganze Woche hindurch auf den Sonntag Nachmittag , wo ich meinem Lieblingsgenusse mich am ungestörtesten hingeben durfte , und obgleich ich vor Ungeduld nach der Entwicklung brannte , so las ich doch immer langsamer , wenn ich sah , daß der Band zum Ende sich neigte , um mir dadurch die Freude zu verlängern . Richardsons Romane entzückten mich ganz unbeschreiblich , gerade wegen ihrer Weitschweifigkeit , obgleich ich dem Tugendspiegel Sir Charles Grandison keinen sonderlichen Geschmack abgewinnen konnte und der brillante Bösewicht Lovelace mir tausendmal besser gefiel . Jezt sehe ich wohl ein , daß gerade die Werke dieses berühmten Schriftstellers sich sehr schlecht dazu eigneten , einem kaum zwölfjährigen Mädchen in die Hände gegeben zu werden , aber sie hatten einmal die allgemeine Stimme für sich . War doch sogar in England die mehr als zweideutige Pamela dem Volke von der Kanzel als Erbauungsbuch angepriesen worden . Ueberdem verlies mein Vater sich auf meine Unschuld , und das mit Recht ; er war überzeugt , daß ich in meiner glücklichen Unbefangenheit das für mich Unpassende entweder übersehen , oder nicht verstehen würde , und seine Erwartung trog ihn nicht . Meine jugendliche , oder vielmehr kindische Fantasie blieb indessen bei alle diesem nicht müssig . Mein Kopf war voll von Entführungen , Maskeraden , gewaltsam erzwungner Trauungen , diesen Apparat der damaligen englischen Romanschreiber , die eben wie jezt ihre jüngern Brüder , sich immer gern wiederholten und alles so ziemlich über einen Leisten formten . Das alles suchte ich nun in Gedanken mir selbst anzupassen ; mein Held war ein Ungeheuer von Tugend , Tapferkeit , Edelmuth und Liebenswürdigkeit , Grandison und Lovelace in einer Person . Ich selbst war eine höchst gefährliche Schönheit , die in steter Angst vor den Verfolgungen ihrer wüthenden Anbeter lebte . Bei alle dem aber blieb ich ein gutes Kind , lernte meine Lexionen , strickte meine Strümpfe , nähte meine Wäsche , half meiner Mutter im Hauswesen , und niemand sah mir an , welche Wunder in meinem Köpfchen herumspuckten . Jenes fantastische Spielwerk war nur eine Ergötzlichkeit in müssigen Stunden ; mein Held hatte noch gar keine Gestalt und konnte keine haben , denn ich wußte keine ihm zu geben . Da ich noch nicht confirmirt war , so durfte ich noch nicht in der Welt erscheinen und kannte daher nur wenige junge Männer , die aber , welche ich kannte , gefielen mir nicht , hauptsächlich wohl , weil sie von mir noch keine Notiz nahmen . Die empfindsame Siegwarts-Periode , die bald darauf eintrat , gieng ziemlich spurlos an mir vorüber . Zwar versuchte ich es ebenfalls , Vergißmeinnicht zu pflücken , und mit dem bleichen Monde einen Verkehr anzuspinnen , und das gieng auch in so weit recht gut von statten ; nur die Leiden machten mir Noth . Ich wußte dem blassen Freunde nichts zu klagen und war zu gesund und ehrlich , um mit Glück dergleichen erfinden zu können . Daher gab ich die ganze Sache bald auf und ward aus einer pinselnden deutschen Romanheldin wieder eine stolze , englische Schönheit . Einen weit grössern Eindruck als Siegwart machten auf mich Sophiens Reisen von Memel nach Sachsen , die auch um jene Zeit erschienen . Die theologischen Abhandlungen und Contraversen , welche dieses Buch enthielt , überschlug ich , das versteht sich von selbst ; aber es belustigte mich sehr , zum erstenmal ' in meinem Leben gute alte Bekannte in meinen Büchern zu finden . Die englischen Lords und Ladies waren mir niemals wie recht lebendige Personen vorgekommen , obgleich ich es nicht ableugnen mag , daß sie mir vielleicht nur deshalb um so interessanter erschienen , weil meine Fantasie um so freier mit ihnen schalten und walten durfte . Die Herren Puff und Consorten hingegen sah ich zuweilen am Tische meiner Eltern , und gleich Oelenschlägers Correggio , da er das erste niederländische Bild erblickt , gerieth ich darüber in freudige Verwunderung , daß man auch so etwas malen könne . Endlich stand ich in meinem vierzehnten Jahre , nahe an der Gränze des jungfräulichen Alters ; da trübte zum erstenmal die schwere Hand des Unglücks mein fröhliches sorgloses Dasein . Ich verlor meine gute , liebe , herrliche Mutter , gerade in dem Zeitpuncte , da ich ihrer milden leitenden Hand am nöthigsten bedurft hätte . Sie entschlief sanft und still wie sie lebte . Es raubte sie uns ein schleichendes Uebel , das seit der Geburt meiner Schwester langsam und fast unmerkbar verzehrend , an ihrem Leben genagt hatte , bis sie ohne Klage in sich zusammensank , während wir uns mit den schönsten Hoffnungen ihrer nahen vollkommnen Genesung schmeichelten . Ausser mir vor Schrecken und Schmerz stand ich , ein halbes Kind noch , an ihrem Sarge , in dem nehmlichen Saale , wo wir vor wenig Tagen noch so froh mit ihr gewesen waren , und dessen ringsum schwarzbekleidete Wände ich jezt kaum wieder erkannte . Ich hielt mein armes kleines Schwesterchen auf dem Arme , das in kindlicher Unschuld die vielen Lichter anlächelte , welche zum leztenmal die theure bleiche verstummte Gestalt beleuchteten . Neben mir stand mein trostloser Vater ; zum erstenmale sah ich die Thränen eines Mannes , es war mir unbeschreiblich furchtbar , ihn laut weinen zu sehen ; wie ein unnatürliches Wunder kam es mir vor und all ' mein Blut erstarrte mir in den Adern . Ohnehin eignete sich der ganze Trauerapparat jener Zeit auf das vollkommenste dazu , den innern zerreissenden Schmerz durch die äussere