ein Dunkel zu durchdringen , in welches es sich vor sich selbst verhüllt . Der Winter zog allmählig fort , die Tage wurden länger , und im wärmeren Sonnenstrahl erglänzten schon die schwellenden Knospen der Bäume . An Gabrielens Rückkehr nach Schloß Aarheim ward indessen nicht gedacht , obgleich der anfänglich dazu bestimmte Zeitpunkt nicht mehr fern war . Der Baron , welcher mit jedem Tage seinem großen Ziele sich zu nähern glaubte , und deshalb ungestört zu bleiben wünschte , hatte schon früher die Gräfin schriftlich um die Erlaubniß gebeten , den Aufenthalt seiner Tochter bei ihr auf unbestimmte Zeit verlängern zu dürfen , und Gabriele war zu sehr von der Gegenwart befangen , als daß sie den Wechsel der Zeiten hätte bemerken können . Tage und Monden gingen an ihr vorüber , ohne daß sie an die Möglichkeit einer Abänderung in ihren Verhältnissen gedachte . Indessen konnte eine um diese Zeit entstehende geheimnißvolle Bewegung im Hause ihrer Tante ihr doch nicht verborgen bleiben , welche auch außer ihr jedermann bemerkte und niemand verstand ; sogar Ernesto nicht , denn die Gräfin pflegte nach Art aller Frauen , die in der großen Welt eine Rolle zu spielen gewohnt sind , ihr eignes Geheimniß sicher zu bewahren , sobald sie es wollte . Sie selbst blieb still und freundlich , wie jemand , der dem Gelingen großer Pläne mit Zuversicht entgegen sieht . Dabei konnte sie indessen es doch nicht lassen , sich zuweilen mit halbverhüllten Winken an Gabrielen zu wenden , von denen es schien , als wollten sie dieser eine große Freude , ja sogar ein hohes Glück verkünden . Aurelia erschien in dieser Zeit strahlender und übermüthiger als je zuvor , Ottokar war mehr in sich gekehrt , und man bemerkte eine ihm sonst nicht gewöhnliche Ungleichheit der Gemüthsstimmung in seinem Betragen . Unter der Dienerschaft herrschte ein immerwährendes leises Treiben , die Gräfin selbst leitete es , es sah aus wie Zubereitungen zu einem prächtigen Feste , oder zu einer großen Reise , oder zu beiden ; niemand von den dabei Beschäftigten wußte es zu erklären , und alle zerbrachen sich darüber die Köpfe . Gabriele bemerkte wohl , daß alle diese Erscheinungen auch auf sie Bezug haben müßten , sie sann über ihre Bedeutung nach , bis sie von der allgemeinen , dumpfen Unruhe quälend ergriffen wurde , und war nach jedem , so in vergeblichem Aufmerken verlebten Tage herzlich froh , wenn der Abend hereinbrach und der gewohnte Kreis sich in den Zimmern der Gräfin versammelte , welcher jetzt , nach den vorübergezognen Zerstreuungen des Karnevals , wieder in seine alten Rechte getreten war . Eines Tages schien die allgemeine Spannung der Hauptpersonen des Hauses auf das höchste gestiegen , noch nie waren die Gräfin so geheimnißvoll , Ottokar so ernst in sich gekehrt , Aurelia so übertrieben lustig gewesen . Allen , welche diesen Tag an der Mittagstafel der Gräfin Theil nahmen , fiel dieses unheimliche Wesen bis zum Aengstlichwerden auf . Nichts konnte ihnen daher Erwünschteres kommen , als der für den Abend verheißne Besuch eines berühmten Deklamators , denn er versprach nicht nur Schutz gegen die bei dieser Stimmung der Gesellschaft zu befürchtenden Langenweile , sondern auch gegen etwannige Ausbrüche einer innern Aufgeregtheit der Gemüther , von der sich jedes ergriffen fühlte . Unter allen aber freute sich Gabriele darüber ; noch nie war ihr Gelegenheit geworden , einen Künstler dieser Art zu hören , sie hatte überhaupt keinen Begriff , wie man das , was sie als Deklamation kannte , zum Hauptzweck seines Lebens machen könne , und erwartete daher etwas ganz außerordentliches von einem sich einzig diesem Zwecke weihenden Künstler . Alles , was sie jemals von Improvisatoren , von Troubadours , von Barden , die als überall willkommne Gäste mit ihren Liedern durch die Länder zogen , ja sogar vom Wanderleben Homers gehört und gelesen hatte , kam ihr wieder ins Gedächtniß . Sie erwartete nicht viel Geringeres als alles dieß zusammen , und war daher nicht wenig verwundert , als der Erwartete in Gestalt eines hagern , kleinen , schwarzgekleideten , sehr jungen Männchens hereintrat und der Gräfin vorgestellt ward . Seine Ungeduld , sich hören zu lassen , schien nicht minder groß , als die der Anwesenden , ihn zu hören . Er ergriff die erste Gelegenheit , sich anscheinend nachlässig in einen Lehnstuhl zu werfen , und begann mit nicht auffallend angenehmem Sprachton seine Rezitationen . Es war wunderlich anzusehen , wie er sich ängstlich abmühete , zu deklamiren , ohne dabei zu agiren . Mit der untern Hälfte des Körpers gelang es ihm , er saß mit kreuzweis über einander geschlagnen Beinen wie angebunden auf seinem Sessel , aber die Züge seines Gesichts , Arme und Hände waren gleichsam wider seinen Willen in ewiger theatralischer Bewegung . Er hatte kein Buch nehmen wollen , weil er behauptete , sich vollkommen auf sein Gedächtniß verlassen zu können , dieß aber vermehrte die Verlegenheit , in welche ihn die Haltung seiner Hände augenscheinlich versetzte . Freilich hätte er auch eine ganze Bibliothek herbeischaffen müssen , so viele ganz heterogene Dichtungen der heterogensten Dichter ließ er im schnellsten Wechsel auf einander folgen . Endlich kam auch Macbeths bekannter Monolog an die Reihe . Schauerliches Schweigen herrschte im Saal , alles horchte seinen dumpfen , geisterartigen Tönen . » Ist das ein Dolch ? « rief er mit Macbeths stierem Blick und einem plötzlichen Griff auf den vor ihm stehenden Tisch . » Es ist nur die Lichtschere , « flüsterte Aurelia , laut genug , um von den nahe Stehenden , wahrscheinlich auch vom Deklamator selbst gehört zu werden , denn sobald dieser den Monolog beendet hatte , erinnerte er sich eines Versprechens , noch diesen Abend in einer andern Gesellschaft zu erscheinen , und eilte davon . » Shakespear ! ach Shakespear ! « rief die Gräfin , indem sie sich entzückt auf dem Sopha zurück lehnte , und so es vermied , ihr Urtheil über