und ging daselbst , sowohl nach eigener brieflicher Rechenschaft als nach Zeugnis seiner Lehrer und Aufseher , den Gang , der ihn zum Ziele führen sollte . Nur konnte man nicht billigen , daß er in einigen Fällen zu ungeduldig brav gewesen . Der Vater schüttelte hierüber den Kopf , der Oberamtmann nickte . Wer hätte sich nicht einen solchen Sohn gewünscht ! Indessen wuchsen die Töchter heran , Julie und Lucinde . Jene , die jüngere , neckisch , lieblich , unstät , höchst unterhaltend ; die andere zu bezeichnen schwer , weil sie in Geradheit und Reinheit dasjenige darstellte , was wir an allen Frauen wünschenswert finden . Man besuchte sich wechselseitig , und im Hause des Professors fand Julie die unerschöpflichste Unterhaltung . Geographie , die er durch Topographie zu beleben wußte , gehörte zu seinem Fach , und sobald Julie nur einen Band gewahr worden , dergleichen aus der Homannischen Offizin eine ganze Reihe dastanden , so wurden sämtliche Städte gemustert , beurteilt , vorgezogen oder zurückgewiesen ; alle Häfen besonders erlangten ihre Gunst ; andere Städte , welche nur einigermaßen ihren Beifall erhalten wollten , mußten sich mit viel Türmen , Kuppeln und Minaretten fleißig hervorheben . Der Vater ließ sie wochenlang bei dem geprüften Freunde ; sie nahm wirklich zu an Wissenschaft und Einsicht und kannte so ziemlich die bewohnte Welt nach Hauptbezügen , Punkten und Orten . Auch war sie auf Trachten fremder Nationen sehr aufmerksam , und wenn ihr Pflegvater manchmal scherzhaft fragte : ob ihr denn von den vielen jungen , hübschen Leuten , die da vor dem Fenster hin und wider gingen , nicht einer oder der andere wirklich gefalle ? so sagte sie : » Ja freilich , wenn er recht seltsam aussieht ! « - Da nun unsere jungen Studierenden es niemals daran fehlen lassen , so hatte sie oft Gelegenheit , an einem oder dem andern teilzunehmen ; sie erinnerte sich an ihm irgendeiner fremden Nationaltracht , versicherte jedoch zuletzt , es müsse wenigstens ein Grieche , völlig nationell ausstaffiert , herbeikommen , wenn sie ihm vorzügliche Aufmerksamkeit widmen sollte ; deswegen sie sich auch auf die Leipziger Messe wünschte , wo dergleichen auf der Straße zu sehen wären . Nach seinen trocknen und manchmal verdrießlichen Arbeiten hatte nun unser Lehrer keine glücklichern Augenblicke , als wenn er sie scherzend unterrichtete und dabei heimlich triumphierte , sich eine so liebenswürdige , immer unterhaltene , immer unterhaltende Schwiegertochter zu erziehen . Die beiden Väter waren übrigens einverstanden , daß die Mädchen nichts von der Absicht vermuten sollten , auch Lucidorn hielt man sie verborgen . So waren Jahre vergangen , wie sie denn gar leicht vergehen : Lucidor stellte sich dar , vollendet , alle Prüfungen bestehend , selbst zur Freude der obern Vorgesetzten , die nichts mehr wünschten , als die Hoffnung alter , würdiger , begünstigter , gunstwerter Diener mit gutem Gewissen erfüllen zu können . Und so war denn die Angelegenheit mit ordnungsgemäßem Schritt endlich dahin gediehen , daß Lucidor , nachdem er sich in untergeordneten Stellen musterhaft betragen , nunmehr einen gar vorteilhaften Sitz nach Verdienst und Wunsch erlangen sollte , gerade mittewegs zwischen der Akademie und dem Oberamtmann gelegen . Der Vater sprach nunmehr mit dem Sohn von Julien , auf die er bisher nur hingedeutet hatte , als von dessen Braut und Gattin , ohne weiteren Zweifel und Bedingung , das Glück preisend , solch ein lebendiges Kleinod sich angeeignet zu haben . Er sah seine Schwiegertochter im Geiste schon wieder von Zeit zu Zeit bei sich , mit Karten , Planen und Städtebildern beschäftigt ; der Sohn dagegen erinnerte sich des allerliebsten , heitern Wesens , das ihn zu kindlicher Zeit durch Neckerei wie durch Freundlichkeit immer ergötzt hatte . Nun sollte Lucidor zu dem Oberamtmann hinüberreiten , die herangewachsene Schöne näher betrachten , sich einige Wochen , zu Gewohnheit und Bekanntschaft , mit dem Gesamthause ergehen . Würden die jungen Leute , wie zu hoffen , bald einig , so sollte man ' s melden , der Vater würde sogleich erscheinen , damit ein feierliches Verlöbnis das gehoffte Glück für ewig sicherstelle . Lucidor kommt an , er wird freundlichst empfangen , ein Zimmer ihm angewiesen , er richtet sich ein und erscheint . Da findet er denn , außer den uns schon bekannten Familiengliedern , noch einen halberwachsenen Sohn , verzogen , geradezu , aber gescheit und gutmütig , so daß , wenn man ihn für den lustigen Rat nehmen wollte , er gar nicht übel zum Ganzen paßte . Dann gehörte zum Haus ein sehr alter , aber gesunder , frohmütiger Mann , still , fein , klug , auslebend nun hie und da auszuhelfen . Gleich nach Lucidor kam noch ein Fremder hinzu , nicht mehr jung , von bedeutendem Ansehn , würdig , lebensgewandt und durch Kenntnis der weitesten Weltgegenden höchst unterhaltend . Sie hießen ihn Antoni . Julie empfing ihren angekündigten Bräutigam schicklich , aber zuvorkommend , Lucinde dagegen machte die Ehre des Hauses wie jene ihrer Person . So verging der Tag ausgezeichnet angenehm für alle , nur für Lucidorn nicht ; er , ohnehin schweigsam , mußte von Zeit zu Zeit , um nicht gar zu verstummen , sich fragend verhalten ; wobei denn niemand zum Vorteil erscheint . Zerstreut war er durchaus : denn er hatte vom ersten Augenblick an nicht Abneigung noch Widerwillen , aber Entfremdung gegen Julien gefühlt ; Lucinde dagegen zog ihn an , daß er zitterte , wenn sie ihn mit ihren vollen , reinen , ruhigen Augen ansah . So bedrängt , erreichte er den ersten Abend sein Schlafzimmer und ergoß sich in jenem Monolog , mit dem wir begonnen haben . Um aber auch diesen zu erklären , und wie die Heftigkeit einer solchen Redefülle zu demjenigen paßt , was wir schon von ihm wissen , wird eine kurze Mitteilung nötig . Lucidor war von tiefem Gemüt und hatte meist etwas anders im Sinn , als