schönes Bild malen in der Stunde des Abschiedes ! wie er dastand mit dem festen ruhigen Heldenblick . Freundlich trocknete er mir die Augen und strich mir die Locken von der Stirn . » Arme Virginia « , sagte er , » du bist schlimmer daran als wir ; wir handeln , du mußt das Schicksal leidend erwarten . Du hast den meisten Mut vonnöten . Schaue jeder Gefahr standhaft und besonnen entgegen , und sie wird kleiner werden . Ich lasse dich in einer Lage zurück , wo ich für jedes andere Weib zittern würde , für dich zittre ich nicht , du wirst dir selbst treu und Herr deines Schicksals bleiben . Ja , mein Freund « , sagte er , sich gegen den Polen wendend , » in dieser Mädchenseele liegt mehr Römersinn und männliche Stärke als in mancher unsrer Waffengefährten . « Der Fremde verbeugte sich gegen mich , mehr ehrfurchtsvoll als höflich ; mein Erröten zu verbergen , empfahl ich ihm meinen Vater . » Sie machen mich stolz , mein Fräulein ! « sagte der Jüngling und drückte meine Hand an seine heißen Lippen ; » nicht des Kaisers Ehre allein wird mich in diesen heißen Tagen begeistern , Virginia sei mein Feldgeschrei ! Vergönnen Sie Ihrem Ritter , Ihre Farbe zu tragen . « Ich erstaunte bei dem Ernst , womit er diese Worte aussprach . Lächelnd streifte ich das blaue Band aus meinen Haaren und reichte es ihm ; er küßte es mit Begeisterung und schlang es um seinen Hals . Dieses kleine romantische Spiel hatte einige heitere Lichtstrahlen über die düstre Abschiedsszene geworfen und wehrte das Vorgefühl ab , welches sonst mein Herz zersprengt haben würde . Ich trennte mich von beiden fast in der Stimmung , mit welcher , in den Liedern unsrer Troubadours , ehemals die Damen ihre Ritter zur Schlacht ziehen sahen . Mein besonnener Vater unterhielt freundlich diesen Scherz ; doch als er mich zum letztenmal umarmte , fühlte ich ein leises Zittern in seinen Armen , welches mich plötzlich wie ein ungeheurer , stechender Schmerz durchbebte . Aber sogleich gefaßt , setzte er den wohltätigen Scherz fort , indem er lächelnd sagte : » So lebt wohl , mein Fräulein , und gedenkt unsrer in Eurem Gebet . « Damit schwang er sich aufs Pferd und verschwand schnell meinen Blicken . Der junge Pole küßte den Zipfel des blauen Bandes , neigte sich und folgte ihm mit Blitzesschnelle . Da war ich nun wieder allein , unter lieben freundlichen Menschen zwar , aber doch allein . Damals war mir dies peinlicher als jetzt . Von meiner Kindheit an war mir wenigstens der Vater geblieben , mit welchem ich meine Gedanken austauschen konnte , welcher sie verstand , billigte oder befriedigend berichtigte . Das sollte von nun an nicht mehr sein . Der kleine Kreis , welcher mich umgab , vermochte nur untergeordnete Ansichten zu fassen , man berechnete , ob die Lebensmittel teurer werden würden ; darüber hinaus sehnte ich mich auch nicht , denn das leichtsinnige Rennen und Fahren , das Drängen zu Theatern und andern Schauspielen beleidigte mich für den Augenblick in tiefster Seele . Ebenso empörend war es mir , wie die vornehme und reiche Welt scharenweise davoneilte und , die Sache ihres Landes feig verloren gebend , nur darauf dachte , sich und ihre Schätze in Sicherheit zu bringen . Die Zeichen der Zeit sind böse , dachte ich mit Kummer . Meine häufigsten , liebsten Spaziergänge waren die Boulevards aux Italiens ; hier war ich dem Montmartre näher , ja ich wagte mich zuweilen , von Antoine und meinen Gesellschafterinnen begleitet , bis an die Barrieren . Nach wenigen Tagen vernahm ich Kanonendonner , erst fern , dann näher ; bald erfüllten kriegerische Szenen die Vorstadt Montmartre , während die eigentliche Stadt ziemlich ruhig war . Dieser Kontrast war mir auffallend , wenn wir gingen und kamen . Hier eine geputzte Welt , welche nach den Tuilerien , nach den Champs Elysées lustwandelte ; dort Truppenabteilungen aller Art , Proviantwagen , Geschütz , bewaffnete Bürger , kommend und gehend , Marketender zu Fuß und zu Pferde , alles eilend , lärmend , und zwischen all diesem Geräusch Artilleriesalven , von deren Gewalt die Erde zu beben schien . Mir war diese Szene so neu und ich wurde so sonderbar davon ergriffen , daß ich fast meine persönliche Lage darüber vergaß . Die Töchter meiner Wirtin beschworen mich bei allen Heiligen , mit ihnen nach Hause zu gehen , sie waren voll Furcht und Schrecken , ich aber , wie gefesselt an diesen Schauplatz , hätte ihn gern noch weiter hinaus verlegt . Ja , wenn ich nachgab , um die Forderungen der erschöpften Natur zu befriedigen , so fand ich in der sicheren Wohnung durchaus keine Ruhe , es zog mich unwiderstehlich zurück nach jener Gegend . Dachte ich einen Augenblick nach , so war ich mir selbst unerklärlich . Krieg und Schlachten hatten sonst nur einen geschichtlichen Reiz für mich , niemals konnte ich die ausführliche Erzählung eines Augenzeugen ohne inneres Leiden anhören ; die Beschreibung einer Wunde verursachte mir den heftigsten Schmerz an dem eigenen unverletzten Gliede , und niemals hatte ich mich entschließen können , auch nur eine Taube oder ein Huhn schlachten zu sehen . Und jetzt , dem Blutvergießen so nahe , oft blutenden Verwundeten begegnend , und ich lebte noch ? Zu erklären mag es nicht sein , doch führe ich es an , wie es sich in der Tat verhielt . Die Besorgnis um den Vater regte sich oft lebhaft in meinem Herzen , aber der Eindruck , welchen das Ganze auf mich machte , die Größe des Augenblicks ließ sie nie überwiegend werden . So ging und kam ich , in gespannter Erwartung , teilte den einzelnen Verwundeten meine Tücher und mein Geld mit und hegte noch immer die Hoffnung eines siegreichen Ausganges , als schon das Gerücht sich verbreitete , man habe