am meisten auf sie gewirkt habe . Alexander achtete wenig auf das , was sie sagte . Nur mit einem Gegenstand beschäftigt , konnte er sein Auge von Erna nicht losreißen , die mit einer so milden , lieblichen Frömmigkeit in ihren Zügen dies kleine Lied gesungen hatte , daß unwillkührlich alle seine Gefühle in ihm riefen : Himmlische ! das Gebet , das eben von deinen Engelslippen erklang , ist schon erhört . Alle Tugenden , die die Mutter Gottes zieren - Demuth , Würde und Reinheit - alles , alles ist bereits dein herrliches Eigenthum . Flehe nicht um mehr ! - - wie dürften sterbliche Wesen es dann jemals wagen , sich dir hoffend und liebend gegenüber zu stellen ? - XIX Das Abendessen versammelte die Gesellschaft traulich um einen runden Tisch , wo die Unterhaltung allgemein wurde , und bald sich leicht und ungezwungen um verschiedene nicht uninteressante Gegenstände bewegte . Der Gesandte , der unter der Hülle äußeren Ernstes einen heitern , jovialischen Sinn verbarg , fand Vergnügen daran , mit der Gräfin , deren neckend muntere Laune ihn anzog , einen immerwährenden kleinen Krieg zu führen . Nicht aus einem gewissen Geist des Widerspruchs , sondern um sie stets von Neuem anzuregen , und ihr Gelegenheit zu geben , ihrem Muthwillen freien Lauf zu lassen , bildete er stets ihre Oppositionsparthei , und bestritt , sie gern zuweilen selbst bis zu leichtem Unwillen reizend , alles , was sie sagte und behauptete . So ergriff er auch jetzt wieder lebhaft die entgegengesetzte Meinung , um sie zu vertheidigen , als die Gräfin über ihr Lieblings-Thema , die Unbeständigkeit der Männer , gerathen war , und der weiblichen Beharrlichkeit in Lieb und Treue und allem Guten das Wort redete , und besonders bestritt er die auch von ihr in Schutz genommene , und als etwas Heiliges und Unauslöschliches betrachtete erste Liebe , der er durchaus nur in der Reihe der Irrthümer und der Selbsttäuschungen ihren Platz anweisen wollte . Denn er erklärte geradezu , es gehöre zu den Chimären des Menschen , und insbesondere der Frauen , an die Ewigkeit einer ersten Liebe zu glauben , und man müsse den Schwachen , irgend eines Stabs Bedürftigen auch diesen Wahn nicht rauben , da man ihnen nicht leicht eine Entschädigung dafür geben könne . Aber bei Mann und Weib sei die erste , zweite , dritte Liebe gewöhnlich ein Fehlgriff , der sich bitter bestrafe , wenn das Herz nicht Kraft genug habe , sich aus Banden leise zurückzuziehen , die alles Glück stranguliren würden , wolle man sie nur aus Pflichtgefühl enger noch zusammen knüpfen . Denn , fuhr er fort , wie der junge Adler seine Flügel prüft , und , vom Instinkt getrieben , von mütterlichem Nest hinwegflattert , um bald den Wipfel eines Baums , bald ein sonniges Thal zu erreichen , so strebt auch der jugendliche Sinn zu jener Vereinigung , die ihm Vollendung dünkt . Doch des jungen Adlers Versuche mislingen oft , denn ehe ihm die Flügel nicht recht gewachsen sind , können sie ihn nicht mit Sicherheit tragen . So auch die Liebe des Menschen . Jene feste , dauernde , treue Liebe , die unser eigentlichstes , wahrstes Glück gründet , kann nur aus sogenannter Untreue hervorgehen , wie der Phönix der Fabel sich aus der Asche empor hebt . Denn erst nach mehreren Versuchen weiß das Herz , was es bedarf zur Erwiederung seiner innigsten Gefühle . Früher wirkte Zufall , Stimmung , misverstandene Sinnlichkeit und Wunsch , die innere Leere ausgefüllt zu sehen , auf unsere Wahl , und wir reichen voreilig dem Wesen , das uns entgegen tritt , die Hand , und wähnen nun , der ganze dunkle Raum der Zukunft müsse sich in ein blühendes Paradies verwandeln . Doch - nach und nach werden die goldenen Illusionen zu Flittergold , das rauschend von verwelkten Kränzen abfällt - wir finden uns getäuscht und täuschen wieder , indem wir gewaltsam uns zum Worthalten von Dingen zwingen wollen , die sich eigentlich gar nicht versprechen lassen . Endlich ist der Freiheit Kleinod wieder errungen , und vorsichtiger wagen wir den zweiten Versuch ; denn darin gleicht das Herz dem Taucher , der doch wieder ins Meer hinabstürzt , wenn er gleich mehrere Muscheln heraufgebracht hat , in denen keine Perle war . Finden wir auch hier nicht dies Echo eines vollharmonischen Gemüths in der Brust , der wir zum zweitenmal die Krone des Lebens reichten - nun so schrecken die Mistöne , die wir vernehmen , uns schon leichter wie das erstemal , der dritten Liebe zu , und so fort und immer fort , bis wir endlich finden , was uns noth thut , oder bis wir auch verzagen , und zweifeln müssen , daß es auf Erden existirt . Ich glaube gern , daß Sie diese schönen Erfahrungen aus der Wirklichkeit , oder vielmehr aus ihrem eigenen Leben entlehnt haben , unterbrach ihn die Gräfin , und begreife nun um so leichter , woher es kommt , daß sich die meisten Männerherzen so abnutzen , daß sie nur in Trümmern und einzelnen Bruchstücken , oder wie eine Münze , an der das Gepräge verwischt ist , das Ziel erreichen . Die Herzen , deren Gepräge sich verwischen , antwortete der Gesandte lachend , sind nur Fleischklumpen , von der warmen Blutwelle zu thierischen Funktionen , nicht zu jener höheren Sehnsucht getrieben , die ja eigentlich nur allein die Ursache des sogenannten männlichen Wankelmuthes ist . Wie die frische Quelle sich ewig erneut , so viel auch aus ihr geschöpft wird , so - nur immer mehr gereinigt durch das Sandbad der Erfahrung - ist auch ein reich ausgestattetes liebefähiges Herz , habe es sich auch noch so oft vorher , vom Wahn verblendet , hingegeben . Uebrigens will es denn doch auch verlauten , daß die so hoch gerühmte weibliche Beständigkeit schon vom Anfang der Welt an gar manchen Anfechtungen , nicht nur