Tante den Grafen Friedrich , von dem sie ganz zuversichtlich erwartete , daß er den Spaß für unanständig hielt . » In meinem Leben « , sagte Friedrich , » habe ich keine Pantomime gesehen , wo mit so einfachen Mitteln so Vollkommenes erreicht worden wäre . Es wäre zu wünschen , man könnte die weltberühmten Mimiker , Grotesktänzer , und wie sie sich immer nennen , auf einen Augenblick zu ihrer Belehrung unter diesen Trupp versetzen . Wie armselig , nüchtern und albern würden sie sich unter diesen tüchtigen Gesellen ausnehmen , die nicht bloß diese oder jene einzelne Richtung des Komischen ängstlich herausheben , sondern Sprache , Witz und den ganzen Menschen in Anspruch nehmen . Jene ermatten uns recht mit allgemeinen Späßchen ohne alle Individualität , mit hergebrachten , längst abgenutzten Mienen und Sprüngen , und vor lauter künstlichen Anstalten zum Lachen kommen wir niemals zum Lachen selber . Hier erfindet jeder selbst , wie es ihm die Lust des Augenblickes eingibt , und die Torheit lacht uns unmittelbar und keck ins Gesicht , daß uns recht das Herz vor Freiheit aufgeht . « - » Das ist wahr « , sagte die Tante , über dieses Urteil erstaunt , » unser Viktor ist ein pudelnärrischer , lustiger Mensch . « - » Das glaube ich kaum « , erwiderte Friedrich , » ein Mensch muß sehr kalt oder sehr unglücklich sein , um so zu phantasieren . Viktor kommt mir vor wie jener Prinz in Sizilien , der in seinem Garten und Schlosse alles schief baute , so daß sein Herz das einzige Gerade in der phantastischen Verkehrung war . « Es war unterdes schon spät geworden , die fremden Wagen fuhren unten vor , und die Gesellschaft fing an Abschied zu nehmen und aufzusteigen . In dem allgemeinen Getümmel der Bekomplimentierungen hatte die niedliche Braut noch ein Tuch vergessen . Sie lief daher mit Julie noch einmal in das Zimmer zurück . Es war niemand mehr darin ; nur Leontin , der endlich auch die Maskenbande verlassen hatte , kam soeben von der andern Seite herein . Das lustige Mädchen versteckte sich schnell , da sie ihn erblickte , hinter die lange Fenstergardine und wickelte sich ganz darein , so daß nur die muntern Augen lüstern auffordernd aus dem Schleier hervorblitzten . Leontin zog das schöne mutwillige Kind heraus und küßte sie auf den Mund . Sie gab ihm schnell einen herzhaften Kuß wieder und rannte eiligst zu dem Wagen zurück , wo man ihrer schon harrte . » Ade , ade ! « sagte sie noch am Schlage zu Julie , eigentlich aber mehr zu Leontin hingewendet , » ihr seht mich nun so bald nicht wieder , gewiß nicht . « - Und sie hielt Wort . Die Gäste waren nun fort , Herr v. A. und seine Schwester schlafen gegangen , und alles im Schlosse leer und still . Leontin saß oben im Vorsaale im offenen Fenster . Draußen zogen Gewitter , man sah es am fernen Horizonte blitzen . Fräulein Julie ging soeben , mit einem Lichte in der Hand , über den Hausflur nach ihrer Schlafkammer . Er rief ihr eine gute Nacht zu . Sie war unentschlossen , ob sie bleiben oder weitergehen sollte . Endlich kehrte sie zögernd um und trat zu ihm ans Fenster . Da bemerkte er Tränen in ihren großen Augen ; sie war ihm noch nie so wunderschön vorgekommen . » Liebe Julie ! « sagte er , und faßte ihre kleine Hand , die sie gern in der seinigen ließ . Der Wind , der zum Fenster hereinkam , löschte ihr plötzlich das Licht aus . Mit abgewendetem Gesicht sprach sie da einige Worte in die Nacht hinaus , aber so leise und , wie es ihm schien , von verhaltenem Weinen erstickt , daß er nichts verstehen konnte . Er wollte sie fragen , aber sie zog ihre Hand weg und ging schnell in ihr Schlafzimmer . Ohne zu wissen , was er davon halten sollte , schaute er voller Gedanken in den finstern Hof hinunter . Dort sah er Viktor auf einem großen Steine sitzen , den Kopf in beide Hände gestützt ; er schien eingeschlafen . Er eilte daher selber in den Hof hinab und nahm die Gitarre mit , die er unten im Fenster liegend fand . » Wir wollen diese Nacht auf dem Teiche herumfahren « , sagte er zu Viktor , der indes aufgewacht war . Dieser war sogleich mit voller Lust von der Partie , und so zogen sie zusammen hinaus . Sie bestiegen den kleinen Kahn , der unweit vom Schlosse im Schilfe angebunden lag , und ruderten bis in die Mitte des Sees . Die ganze Runde war totenstill , nur einige Nachtvögel pfiffen von Zeit zu Zeit aus dem Walde herüber . Es schien , als wollte das Wetter heraufkommen , das man von ferne sah , denn ein kühler Wind flog über den Teich voran und kräuselte die ruhige Fläche . Sie glaubten Fräulein Julie an dem Fenster zu bemerken . Da sang Leontin , der vorn im Kahne aufrecht stand , folgendes Lied zur Gitarre , während der ewig rege und unruhige Viktor bald tollkühn mit dem Kahne schaukelte , bald wieder in den Wald hinausrief , daß hin und her die Hunde an den nächsten Häusern wach wurden : » Schlafe Liebchen , weil ' s auf Erden Nun so still und seltsam wird ! Oben geht die goldne Herde , Für uns alle wacht der Hirt . In der Ferne ziehn Gewitter ; Einsam auf dem Schifflein schwank Greif ich draußen in die Zither , Weil mir gar so schwül und bang . Schlingend sich an Bäum und Zweigen , In dein stilles Kämmerlein , Wie auf goldnen Leitern , steigen Diese Töne aus und ein . Und ein wunderschöner Knabe Schifft hoch über Tal und Kluft , Rührt mit seinem goldnen Stabe Säuselnd in der lauen Luft .