Andrang aller Empfindungen , fand Alonzo ganz von selbst Gedanken und Entschluß . Eins stand fest in ihm , darum drehete sich alles Andre in natürlicher Ordnung . Er wollte jener feinen Absichtlichkeit zum Trotz in Paris bleiben und sollte Leib und Seele darüber zu Grunde gehen . Das einmal Eingeleitete war nicht abzubrechen , das sahe er wohl , seine Mission war hiermit beendet , gleichwohl fand er sich andrer Seits eben dadurch um so unabhängiger und zu ganz rücksichtslosem Verhalten berechtigt . Er betrieb demnach alles auf das sorgfältigste und schnellste , empfing und expedirte Depeschen , beurlaubte sich in der Qualität eines Abgesandten , schickte Couriere ab , schützte Krankheit vor und etablirte sich von da an ganz eigentlich zu Angriff und Vertheidigung . Für alles andre , als seine eigensten Wünsche todt , ging er nirgend hin als in die Messe , wo er Blansche zu finden hoffen durfte . Durch viele Tage erwartete er sie indeß Morgens und Nachmittags vergeblich . Er ward nicht müde zu gehen und zu kommen . Liebe , Stolz , gekränktes Recht , alles hielt ihm sein Ziel unverrückt vor die Augen , die Leidenschaft hatte ihre Blitze zurückgezogen , die Nacht tiefen Geheimnisses lag über sein ernstes Gesicht und gab dem unbezwinglichen Willen das Ansehen ruhiger Eintracht und festen Gleichmuthes . In welchen Zustand ihn indeß der harte Kampf , die gescheiterte Erwartungen setzten , wie streitend Gefühl gegen Gefühl anstrebte , was die Leidenschaft wollte und nicht wollte , das werden folgende Zeilen an Philipp deutlich machen . » Wenn die stille Gluth Ihrer Augen der Leitstern zu Ihrem Herzen war , so haben Sie sie geliebt , Philipp , heiß , verzehrend , mit allem Schmerz und aller Lust der durstenden Seele . Das ist der Fluch des Menschen , daß ihn Götterbilder äffen , und den Himmel vor den trunkenen Blicken zaubern . Es ist alles Lüge hier ! alles ! auch sie , zweifeln Sie nicht . Wie könnte es anders sein ! das absichtlich berechnete , auswendig gelernte Spiel fängt mit dem ersten Strahle des Bewußtseins an . Tugend heißt es und Weisheit , Leib und Leben und jeden freien Aufflug des Geistes in die enge Klammern nüchterner Sitte einzupressen , das sind die Formeln , die man dem weichen Kinderhirn eindrückt , ein paar knöcherne Phrasen die ganze Mitgift auf der weit auslaufenden Lebensreise . Unbesonnen nennt man dies Volk , leichtsinnig und flatterhaft im Denken und Thun , schnelleres Blut , heißt es , treibe sie flüchtig an dem Ernst des Lebens hin , nicht Bosheit , nicht Sünde sei in ihnen , unbedacht wie unzuverläßig dürfe man sie höchstens schelten . Hätten wir niemals einen Franzosen gesehen , wir könnten uns unter dem beweglichen Bilde harmlosen Genuß und den spielenden Schaum ungewisser Jugendlohe denken . Aber wie schlägt uns das welke , sich selbst überlebende Gerippe in greiser Kindheit in die Augen ! mißtrauisch und lauernd wie das Alter , auf fremder Unkosten erfahren , zu Hause auf der glatt getretenen Bahn gewandt , in Maaß und Takt selbst erfundener Convenienz , verlocken uns die gräulichen Kindergestalten und prunken mit Weisheit , wenn sie den armen Vorrath ihres Herzens zu verschließen , und Vertrauen und Liebe und Hoffnung zu betrügen wissen ! Das ist die Klugheit der Welt , Philipp , nach der man Jahrhunderte rang , der man Altäre bauete , die auch noch nicht aufhörte , die Leichtgläubigen zu blenden . Geschwätzig wie die Weiber , das Geheimste entweihend , schlau wie sie , da verschlossen , wo es den eignen Vortheil gilt , täuschen sie , reißen sie das Innere auf , und verletzen die offne Seele mit tausend giftigen Dolchen . Diplomatiker sind sie , das glaube ich , so lange Andre es wollen ! Aber es giebt eine Kraft , die all ' die abgenutzten Fäden mit einem Griff zerreißt ! Glauben Sie , daß sie mir jemals verziehen , mich selbst gegen einen Franzosen behauptet zu haben ? Glauben Sie das ? Mit Großmuth haben sie eine Weile vor mir , vor der Welt , vor sich selbst gespielt , das war in ihrem Leben noch nicht vorgekommen , das paßte zu irgend einer Theaterscene , es hatte Blut gekostet , es war hochtragisch ! Aber die ganz gemeine , unzubestreitende Wahrheit , die so blank und baar da lag , die sich nicht drehen , nicht wenden , aus der sich nichts machen ließ , die konnten sie nicht vertragen , da hatte das Spiel ein Ende , die kalten Herzen hatten nur sich geliebt ! Könnte ich Ihnen die lange Comödie erzählen , könnte ich Ihnen sagen , wie sie so natürlich zu hintergehen wußten ! Auch sie Philipp , ach Gott ! auch sie konnte mich täuschen ! Und wie denn am Ende alles so berechnet , so gemäßigt , so vernünftig klar und ruhig endete ! Ich sollte einsehen , empfinden , dankbar sein ! Gottlob , ich fühlte mich selbst . Freuet Sie das ? - Nun mich auch . Und ich denke , es wird uns allen frommen . Ich bin jetzt frei , und bleibe doch hier , aus eigner Kraft , verstehn Sie mich ? Man hieß mich gehen . Jetzt ganz gewiß gehe ich nicht . Ich muß Blansche sehen , ich muß sie sprechen . So leichten Kaufes kommt sie nicht los . Vor Gott hat sie gelobt , vor Gott muß sie wiederrufen . Könnte ich Ihnen den Blick malen , so groß und still ! Vertrauen sollte ich ihr ! Herr Gott , ich that es unbedingt , Seele und Leben gehörten ihr , sie hat damit gespielt ! Begreifen Sie es ? Das Räthsel eben soll sie mir lösen . Weiter will ich ja nichts , sie ist es mir schuldig , mein Glaube , meine Seligkeit hängt davon ab . Philipp , ich wollte , Sie wären hier ! Wie unter