da ältere und reifere Personen sich stets an der zarten Entwickelung kindlicher Menschen erfreuen , und glückliche Liebe immer einen himmlischen Zauber über solche verbreitet , die sie in sittiger Verborgenheit hegen , so behauptete Marie doch unwillkührlich einen erfreulichen Platz in der Gesellschaft ; vorzüglich räumten ihr diesen grade diejenigen Frauen ein , welche den schmalen Paß , der sie in die Matronenkreise hinüberführt , schon zur Hälfte hinter sich hatten , und das mühsam bezwungene Herz noch an jenen Nachklängen bestechlich erweichten . Die Männer hingegen , denen eine Verlobte oder bestimmt Liebende meist uninteressant wird , gaben Antonien , des Abentheuerlichen ihrer Erscheinung wegen , größere Aufmerksamkeit . Wie still , wie untheilnehmend sie auch dasaß , ihr lautloses Erscheinen , einzelne tief hervorgeholte Worte , ihr dunkelglühendes Auge , das langsame Schreiten durch die Zimmer hin , und wieder die jähe Hast in Mienen und Geberden , die bei einzelnen Vorfällen heiter wie elektrische Funken durchbrachen , alles an ihr übte die Magie des Unbegreiflichen , der selten irgend ein Gemüth widersteht . Der Chevalier besonders sah mit einer Art leidenschaftlicher Neugier auf sie hin . Sie gehörte zu dem Wenigen , was er nicht bequem in seiner eigenen Stellung zur Welt erfassen konnte , und doch so gern verstanden , mit vielem andern , was er besaß , in Uebereinstimmung gebracht hätte ! Er näherte sich ihr deshalb , und fühlte leise in sie hinein , welche Satte er anzuschlagen habe ? Antoniens kürzlich zurückgelegte Reise gab sehr natürliche Veranlassung , das Gespräch zu eröffnen . Sie äußerte sich gern darüber , sie trug jene Bilder immer in ihrer Seele , von dem Uebergange über den Bernhard , den steilen einsamen Pfaden , den gewaltigen Riesenmassen , an denen sich diese hinwinden , von der Großheit und tiefsinnigen Ruhe der Natur in den unterhalb liegenden Thälern , redete sie mit Liebe und Rührung . Der Chevalier hatte nicht sobald ihr Hinneigen zu großen Naturgegenständen entdeckt , als er sie geschickt auf das , was er in der Art gesehen und erfahren , auf seine Reisen , auf seinen Aufenthalt in den Amerikanischen Inseln , zu lenken wußte . Er besaß die Gewandheit aller der Menschen , die sich mehr bei dem Gesehenen als dem dabei Empfundenen aufzuhalten pflegen , und jenes in anschaulicher Deutlichkeit und eigenthümlichem Farbentone außer sich hinzustellen wissen . Antonie hörte ihm aufmerksam zu Nichts von allem , was er schilderte , war ihr fremd , es war , als rede er von ihrer Heimath , er riß sie aus der träumerischen Gegenwart heraus , in welcher ihr alles dämmernd und unklar erschien , sie folgte ihm willig zum fremden tief hallenden Strande , die Natur war dort eine andere , auch ihr Geschick ward dort ein anderes , Adalbert war um sie , bis dahin waren sie geflüchtet , das trügerische Europa weit hinter sich lassend , nun Durchzogen sie die gewaltigen Wälder , über ihnen ein fremder Himmel , in seinen Gezelten schweift der mächtige Riesengeier in weit gezogenen Kreisen , fremde Stimmen schlagen an ihr Ohr , ungeheure Thiere sehen bedrohlich auf sie hin , ein ungekannt Geschlecht scheint sich ihrer zu verwundern , allein mit dem Geliebten in der fremd belebten Wüste brennen ihre Herzen in der Tropen ewigen Gluth zusammen . Antonie war ganz Ohr , ganz inneres , unaussprechlich heißes , flammendes Leben ! So fanden sich denn beide aus ganz verschiedener Ursach , in ganz entgegengesetzter Richtung des Innern , äußerlich stets zusammen . Es blieb nicht unbemerkt , man lächelte und spottete freundlich darüber . Und wirklich hatte sich der Chevalier , indem er ein Gemüth auf großen Umwegen ergründen wollte , in diesem verloren , und die Herrschaft über sich selbst auf eine Weise eingebüßt , wie es denen immer geht , welche sich an etwas wagen , was über ihre Kräfte hinaus reicht . Schon konnte er nicht von Antonien getrennt sein , ohne eine lebhafte Unruhe zu empfinden , die so merklich aus der gezwungenen Haltung seines Gesprächs , aus dem mühsamen Abwenden seiner Blicke von der Thür wo sie einzutreten pflegte , aus allen den kleinen Bewegungen hervorleuchtete , welche ein erfahrenes Auge niemals übersieht , daß die Baronin ihre herzliche Freude daran hatte . Denn ihr konnte es nicht ganz entgehn , was Antonie , obgleich dunkel , doch ihr vernehmlich , ahnden ließ . Sie sah jetzt einen Ausweg aus dieser entstehenden Verwirrung , und lobte sich im Stillen den Zauber geselligen Verkehrs , der leicht und freudig das Störende ausgleiche , wenn die Einsamkeit jede Anregung mit ängstigender Gewalt anpacke , und alles so einzeln und deshalb so ungeheuer hinstelle . Fröhlich wie sie war , dachte sie nur an Frohes . Kleine gesellige Feste waren ihr von je eine liebe Unterhaltung , und jetzt riefen sie ihr die Zeit zurück , wo die Menschen in Ruhe und Sicherheit , sich selbst , ihrer Regierung , und ihrem Gott vertrauend , mit dem Leben ein heiteres Spiel trieben . Die Ruhe war wenigstens in ihrer Nähe scheinbar begründet . Der Herzog weniger stürmisch , von Zeit zu Zeit sogar häuslich in ihrer Mitte , der Marquis , in der Gesellschaft eines niedersächsischen Arztes , dessen Bekanntschaft er gemacht , wohl unterhalten , alles hatte ein zufriedenes Ansehn . Sie erinnerte sich jetzt , daß sie in diesem Jahre das Fest der heiligen drei Könige zu feiern vergessen , daß sie dies nicht vorbei gehn lassen , daß sie es nachfeiern müßten . Alle stimmten ihr bei , es ward zum Tage Maria festgesetzt . Die lustige Königswahl , welche an diesem Feste , in ganz Frankreich , durch das ohngefähre Zufallen einer , in einen Kuchen hineingebackenen , Bohne , scherzhaft getroffen , und für einen Abend behauptet wird , gab schon vorher Stoff zu mancher Lust und mancher Neckerei . Der Tag kam . Das Loos entschied für den Chevalier . Ihm blieb die Wahl einer