zu Thränen zu bewegen war , außer wenn er sich selbst sehr heftig reden hörte ; - es gelang ihm allmälig damit , ja er zog zulezt ein Pistol und sezte es sich verschiedene male an die Stirn , bis er endlich eine solche Höhe erreicht hatte , daß er kühn genug war es abzudrücken - es versagte , und bei der heftigen Bewegung entfiel ihm ein falscher Haarzopf . Da die Sache mir zulezt doch etwas mißlich vorkam , so sprang ich hinzu , und überreichte ihm den Entfallenen unter einer für die Lage passenden Anrede . Er mochte ' s noch in der ersten Hitze für einen Dolch halten und brachte einige ernsthafte wiewohl vergebliche Stöße damit zu Stande . Ich suchte ihn durch die Bemerkung , daß tragische Situationen durch komische Nüancen , wie z.B. durch einen dem König Lear im Affekte entfallenen Haarbeutel u.d.g. gestört würden , zu sich zu bringen , und es gelang mir in so weit , daß er sich auf den Grabhügel niedersetzte , und sich dazu verstand den falschen Haarzopf von mir wieder anheften zu lassen . Während des Geschäftes versuchte ich es ihn durch eine Apologie des Lebens zu bekehren , die er ruhig anhören mußte , weil ich ihn bei den Haaren dazu hielt . Apologie des Lebens » Bei Gott , das Leben ist doch schön ! - Und was vermag Sie nur , junger Mensch , daß sie es leichtfertig wie diesen Haarzopf von sich schleudern wollen ? - Fassen Sie das Band ; ich will während des Wickelns so kurz als möglich ihnen einige Schönheiten zu entwickeln suchen . - Was giebt es auf der Erde das Sie im Himmel - wenn anders außer dem Lufthimmel über uns noch ein zweiter , oder gar mehrere existiren sollten - besser erwarten könnten ? - Finden Sie nicht hier unten Alles leidlich eingerichtet ? Wissenschaften , Kultur und Sitten sind im schönsten Flore und wandern recht modern einher ; der allgemeine Staat ist , wie Holland , mit Kanälen und Gräben durchschnitten , worinn alle menschliche Fähigkeiten geschickt abgeleitet und vertheilt werden , damit nicht zu fürchten steht , daß sie auf einmal in zu großer Vereinigung das Ganze überschwemmen möchten . Es giebt Menschen , die so vortheilhaft placirt sind , daß man sie als recht gute Hammer und Zangen betrachten kann , und die doch deshalb keinesweges an ihrer Unsterblichkeit Abbruch leiden ; sehen sie nur diesen Koloß der Menschheit an , wie alles sich an ihm regt und arbeitet und verkehrt , der erste klettert über den zweiten hinauf , und über diesen wieder ein dritter , wie die Äquilibristen , dieser trägt Erfindungen , jener Systeme mit sich in die Höhe , und es kann nicht fehlen , daß dies Menschengeschlecht , das auf seinen eigenen Schultern immer höher kommt , oder sich , wie Münchhausen , bei seinem eigenen Zopf emporzieht , zuletzt sich bis in den Himmel verklettert , und es ganz unnöthig wird an einen zweiten zu denken . - Hält der Zopf nur an diesem Menschheitskopfe und ist kein falscher , wie der , an dem ich wickele , was ist es denn noch nöthig auf einem andern Wege als auf diesem sich in eine höhere Welt zu versetzen . Was denken Sie auch dort zu gewinnen , Freund ? Bessere Gesetze etwa ? Für unsere hienieden spricht das Alter ! Bessere Sitten ? Wir sind darin so empor gestiegen , daß wir fast daraus hinausgekommen und über ihnen stehen ! Bessere Verfassungen ? Haben sie nicht , wie auf einer Landkarte die verschiedenen Farben , eine Menge vor sich liegen ? Gehen Sie nach Frankreich , Freund , wo die Verfassungen mit den Moden wechseln , da können sie alle der Reihe nach anpassen , aus einer Monarchie in die Republik , und aus dieser wieder in eine Despotie fahren ; sie können dort groß und klein , kurz nach einander , und zuletzt wieder ganz gewöhnlich sein , was doch immer für die Menschheit am interessantesten bleibt . Freund , gegen den Menschenhaß giebt es trefliche Mittel ; ja ich habe das Exempel gehabt , daß ein gutes Gericht mich selbst einst vom Selbstmorde abbrachte , und ich gesättigt ausrief : » das Leben ist doch schön ! « Wie andere den Kopf oder das Herz , so nehme ich den Magen für den Sitz des Lebens an ; an allem was je Großes und Vortrefliches in der Welt geschah , ist meistentheils der Magen Schuld . Der Mensch ist ein verschlingendes Geschöpf , und wirft man ihm nur viel vor , so giebt er in den Verdauungsstunden die vortreflichsten Sachen von sich , und verklärt sich essend und wird unsterblich . Welche weise Einrichtung des Staats dahero , die Bürger - wie die Hunde die man zu Künstlern ausbilden will - periodisch hungern zu lassen ! Für eine Mahlzeit schlagen die Dichter wie die Nachtigallen , bilden die Philosophen Systeme , richten die Richter , heilen die Ärzte , heulen die Pfaffen , hämmern , klopfen , zimmern , ackern die Arbeiter , und der Staat frißt sich zur höchsten Kultur hinauf . Ja hätte der Schöpfer den Magen vergessen , behaupte ich , so läge die Welt noch so roh da wie bei der Schöpfung , und sei jezt nicht der Rede werth . Was denken Sie nun aber von jenem Leben , in das Sie diese innere Seele aller Bildung nicht mit hinüber nehmen , und wo sie nur geistig hineindringen wollen ! - Reißen Sie sich nicht los , ich schlinge jezt erst die Schleife , wodurch ich ihr Haar wieder mit dem Zopfe verbinde ! - Freund , der Geist ohne Magen gleicht dem Bären , der träg an seinen eigenen Pfoten saugt . Er ist nur der Schatzmeister dieses in ihm hängenden Säkels , und schneiden Sie ihm diesen ab , so ist ' s um ihn gethan . Giebt es eine